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Konsumanreize : Japan setzt auf den Premium Friday

Gib mir mehr! Bild: dpa

Japans Regierung will die Kauflaune heben. Beschäftigte sollen einmal im Monat früher nach Hause gehen, damit sie mehr konsumieren können. Der Vorstoß ist Teil der Bemühungen, den Japanern eine neue Arbeitskultur nahezubringen.

          Arbeite weniger und gebe mehr Geld aus! Mit dieser wundersamen Zauberformel wird Japan in diesem Jahr versuchen, die heimische Nachfrage zu stärken und der Wirtschaft mehr Schwung zu verschaffen. Regierung und 15 Wirtschaftsverbände beginnen Ende Februar mit der Kampagne „Premium Friday“.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Arbeiter und Angestellte sollen nach dieser Idee am letzten Freitag im Monat die Werkbank oder den Schreibtisch schon um 15 Uhr verlassen, um das Leben zu genießen und vor allem um zu konsumieren. Die Verbände arbeiten noch die letzten Details der Initiative aus. Ein Logo existiert bereits: Der „Premium Friday“ strahlt dabei mit einem breiten Smiley-Lachen.

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          Für ein Land, das für seine hohe Überstundenzahl bekannt ist und den Begriff des „Karoshi“, des Tods durch Überarbeitung kennt, ist das eine erstaunliche Entwicklung – von der abzuwarten ist, welchen Erfolg sie letztlich haben wird. Immerhin hat der mächtige Wirtschaftsverband Keidanren sich hinter die Aktion gestellt und seine 1300 Mitgliedsunternehmen ermutigt, am „Premium Friday“ teilzunehmen.

          Im Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie aber ist noch offen, wer sich den fast freien Freitagnachmittag gönnen wird. Die Aktion trifft sich mit dem Bemühen von Ministerpräsident Shinzo Abe, die Arbeitskultur in Japan zu verändern.

          Selbstmord durch Überarbeitung

          Seit Monaten schon debattiert das Land über die Arbeitsstundenlast. Im Dezember 2015 hatte sich eine Mitarbeiterin des großen Werbeunternehmens Dentsu umgebracht, weil der Arbeitsdruck zu groß wurde. Die Frau hatte in den Wochen vor ihrem Freitod mehr als 105 Überstunden im Monat gearbeitet.

          Der Fall war nicht der erste, hat Japan aber aufgeschreckt und brachte auch Dentsu in Bedrängnis. Das Arbeitsministerium hatte vergangenen Monat die Werbeagentur und einen Mitarbeiter den Strafverfolgungsbehörden zur Ermittlung gemeldet, weil sie arbeitsrechtliche Standards gebrochen haben sollen. Dentsu-Präsident Tadashi Ishii hat seinen Rücktritt angekündigt.

          Im Kreis der Siebenergruppe (G-7) ist Japan das Land mit der dritthöchsten Arbeitsstundenzahl im Jahr, nach den Vereinigten Staaten und Italien. Im Durchschnitt arbeiteten die Japaner im Jahr 2015 nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 1719 Stunden im Jahr. Für Deutschland meldet die OECD eine durchschnittliche Jahresstundenzahl von 1371 Stunden. Der durchschnittliche Japaner arbeitet so 348 Stunden im Jahr mehr als ein deutscher Arbeiter oder umgerechnet drei Monate mehr.

          Viel Überstunden, geringe Produktivität

          Vielfach verbreitet ist, dass nur ein Teil des bezahlten Urlaubs genommen wird. Auch Überstunden gehören zur Tagesordnung. Nach einer Studie der Regierung übertrifft die Zahl der Überstunden je Beschäftigten in mehr als 20 Prozent der Unternehmen 80 Stunden im Monat.

          Das Arbeitsrecht lässt den Unternehmen viel Spielraum für Überstunden und kooperationswillige Hausgewerkschaften halten kaum dagegen. Die hohe Zahl an Überstunden geht mit einer geringen Produktivität einher. Nach einer Studie des Japan Productivity Center hat das Land die niedrigste Arbeitsproduktivität im Kreis der Siebenergruppe.

          Wie schwer der Wandel weg von den Überstunden ist, zeigt das Beispiel des Handelshauses Itochu. Das Unternehmen verbietet seinen Mitarbeitern im Allgemeinen die Arbeit nach 20 Uhr und erlaubt gar keine Arbeit nach 22 Uhr. Doch 2013 führte Itochu die Arbeit in den frühen Morgenstunden ein. Mitarbeiter, die zwischen 5 und 8 Uhr morgens antreten, erhalten ein leichtes Mahl und werden mit Überstundenzuschlägen bezahlt. Itochu will mit der Verlagerung der Überstunden in wenige Morgenstunden die Produktivität heben.

          Im Dezember kündigte die Regierung an, dass sie die Arbeitsverhältnisse künftig stärker kontrollieren will. Unternehmen, deren Mitarbeiter mehr als 80 Überstunden im Monat machen, sollen öffentlich benannt und bloßgestellt werden. Früher galt das erst ab der Grenze von 100 Stunden im Monat. Auch sollen alle Unternehmen, bei denen in mehreren Betrieben Todesfälle durch Überarbeitung auftreten, öffentlich benannt werden.

          Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

          Ministerpräsident Abe hat als Teil der angestrebten Arbeitsmarktreformen zugleich das Ziel ausgegeben, dass Teilzeitbeschäftigte oder temporäre Vertragsarbeiter beim Lohn und den Sozialleistungen analog wie reguläre Arbeitskräfte behandelt werden sollen. Das läuft unter dem Schlagwort „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Damit greift Abe direkt die Flexibilität des in Japan verbreiteten dualen Arbeitsmarktes an.

          Im Wettbewerb mit Niedriglohnländern und angesichts der mageren Wachstumsaussichten in Japan selbst schrecken die Großunternehmen davor zurück, Mitarbeiter in den traditionellen, lebenslangen Beschäftigungsverhältnissen einzustellen. Die Zahl der sogenannten irregulären Arbeitnehmer ist in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen und macht rund 40 Prozent der Beschäftigten aus. Der Großteil sind Teilzeitbeschäftigte und Frauen. Nicht alle davon streben eine Vollzeitbeschäftigung an.

          Im vierten Jahr der Wirtschaftspolitik der Abenomics sind Abes Bemühungen um eine neue Arbeitskultur eine gewisse Wende. Japans Unternehmen warten immer noch auf früher angekündigte Arbeitsmarktreformen, die mehr Flexibilität und eine höhere Produktivität verhießen. Die neuen Anstrengungen um die Arbeitskultur nehmen darauf keine Rücksicht.

          Wie schon mit der Kampagne für mehr Frauen in der Produktion, die unter dem Schlagwort „Womenomics“ läuft, und der generellen Forderung nach höheren Löhnen geht es der Regierung vor allem darum, die heimische Nachfrage zu stärken. Der „Premium Friday“ ist dabei Mittel der Wahl, um die Kaufkraft für den Konsum abzuschöpfen.

          Quelle: FAZ.NET

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