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IPA und Smoked Porter : Ist die „Craft“-Revolution schon wieder vorbei?

Haben die Biertrinker die Nase von der Auswahl voll? Bild: dpa

Kleine Brauereien haben in den vergangenen Jahren den amerikanischen Biermarkt aufgemischt. Jetzt machen sie sich Sorgen um ihre Zukunft.

          Es war ein kalter Samstag morgen im Januar. Die Other Half Brewing Company, eine Mini-Brauerei im New Yorker Stadtteil Brooklyn, hatte sich für ihre Kunden etwas Besonderes ausgedacht. Anlässlich ihres dritten Geburtstags brachte sie ein speziell gebrautes Indian Pale Ale (IPA) heraus. Die Brauerei machte um zehn Uhr morgens auf, und zu diesem Zeitpunkt hatte sich vor der Tür eine riesige Schlange von mehr als hundert Menschen gebildet, die zum Teil stundenlang gewartet hatten.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Es war ein Bild, wie man es sonst von Apple Stores kennt, wenn neue Produkte auf den Markt kommen, oder von der New Yorker Bäckerei mit den kultigen „Cronuts“. Bierliebhaber Lou Johnson schrieb hinterher auf seinem Blog, er habe sich gefühlt wie an Weihnachten, als er endlich an der Reihe war und das Bier kaufen durfte. Es sei eines der besten IPAs gewesen, die er je getrunken habe.

          „Arrogant Bastard, Raging Bitch“

          Für die Besitzer der „Other Half“-Brauerei war der Massenandrang an diesem Tag nichts Außergewöhnliches. Sie bringen öfters neue Biersorten in limitierten Mengen heraus, und dann sind lange Schlangen an der Tagesordnung. Ähnliches geschieht auch bei anderen kleinen Brauereien in Amerika. Die Begeisterung spiegelt den Aufstieg sogenannter „Craft“-Biere wider, die in den vergangenen Jahren die amerikanische Brauereilandschaft aufgemischt haben.

          Die Vereinigten Staaten waren lange als Land langweiliger Biersorten wie „Budweiser“ und „Miller“ verpönt. Aber heute findet sich in amerikanischen Bierregalen eine beeindruckende Vielfalt an Bieren, und viele stammen von sogenannten „Craft“-Brauereien, die sich von der industriellen Massenproduktionen von Großkonzernen wie dem „Budweiser“-Hersteller Anheuser-Busch Inbev abheben wollen. Deren Erzeugnisse sind üblicherweise stärker und gehaltvoller als die Massenbiere, oft tragen sie schrullige Namen wie „Stupid Wild“, „Arrogant Bastard“ oder „Raging Bitch“. Sogar ein „Blitzkrieg“-IPA kann man in Amerika kaufen.

          Nur 6 Prozent

          Die Popularität dieser unkonventionellen Biere hat in den vergangenen Jahren in Amerika neue Brauereien wie Pilze aus dem Boden schießen lassen. 2016 gab es in Amerika 5300 Brauereien, ein Anstieg von mehr als 700 Betrieben gegenüber dem Vorjahr. Anfang der achtziger Jahre teilten sich noch weniger als hundert Brauereien den amerikanischen Markt auf, noch vor zehn Jahren waren es nur 1500. Das „Craft“-Fieber hat mittlerweile auch Deutschland erreicht, auch hiesige Traditionsbrauereien und Start-up-Betriebe stellen Biere wie IPAs her.

          Nun aber macht sich die amerikanische „Craft“-Szene Sorgen, ob die goldenen Zeiten vielleicht bald schon wieder vorbei sein könnten. Der Branchenverband Brewers Association teilte kürzlich mit, dass „Craft“-Brauereien ihren Absatz 2016 nur noch um 6 Prozent gesteigert haben, nachdem es in den vorangegangenen Jahren noch ein jeweils deutlich zweistelliges Wachstum gegeben hatte. Ihr Marktanteil ist nur minimal auf 12,3 Prozent gestiegen.

          Bart Watson, der Chefökonom des Verbandes, gab kürzlich zu, dass das Ziel, den „Craft“-Anteil am Branchenabsatz bis 2020 auf 20 Prozent auszubauen, in weite Ferne gerückt sei. Und Jim Koch, dessen Boston Beer Company mit ihrer Marke „Samuel Adams“ als ein Wegbereiter des Aufstiegs von „Craft“-Bieren gilt, schrieb vor wenigen Wochen in einem Gastbeitrag in der „New York Times“: „Wir sind vielleicht Zeugen des Anfangs vom Ende der amerikanischen ‚Craft‘-Bier-Revolution.“

          Die Imperien schlagen zurück

          Ein Stück weit scheint die „Craft“-Szene Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. Jim Koch vom Boston Beer meint, bei den Verbrauchern mache sich angesichts der Flut an Biermarken ein gewisses Maß an Verwirrung und Überdruss breit. Es sei womöglich das „Paradox der Auswahl“, sagte er im Februar bei der Vorlage enttäuschender Quartalszahlen. Wenn es zu große Vielfalt gebe, schrecke das die Menschen vom Kauf ab. „Wenn sie nicht wissen, welches ‚Craft‘-Bier sie nehmen sollen, sagen sie einfach: ‚Hey, ich nehme ein Corona‘.“

          Die Popularität der „Craft“-Produkte hat außerdem die großen Brauereikonzerne hellhörig gemacht. Anheuser-Busch Inbev und andere Unternehmen haben in den vergangenen Jahren nicht nur selbst eine ganze Reihe von Produkten herausgebracht, die im Erscheinungsbild an „Craft“-Biere erinnern. Sie haben auch etliche kleine „Craft“-Brauereien aufgekauft und führen sie nun unter ihrem Dach weiter. Allein Anheuser-Busch Inbev hat in den vergangenen Jahren neun solche Betriebe erworben. Diese Akquisitionen sind einer der Gründe für das langsamere Wachstum im „Craft“-Segment. Denn der Branchenverband zählt verkaufte Brauereien nicht mehr mit, auch wenn ihre Biere weiter erhältlich sind.

          Jim Koch von Boston Beer argumentiert, dass der Ausverkauf von „Craft“-Betrieben dem ganzen Segment schadet. Denn die Bierkonzerne dominierten in Amerika auch den Großhandel, der mit darüber entscheide, welche Marken den Weg in die Bierregale finden. Koch macht sich Sorgen, dass die Großhändler die „Craft“-Marken der Biergiganten bevorzugen – auf Kosten der vielen kleinen Brauer. So würde das innovativste Segment im Biermarkt bedroht, und die Vielfalt in den Bierregalen könnte verloren gehen. Koch warnt: „Amerikanische Verbraucher werden die Verlierer sein.“

          Quelle: FAZ.NET

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