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Neue Immobilität : Amerikaner entdecken die Vorzüge von Hotel Mama

Studenten der University of California, Berkeley Bild: AFP

Immer mehr junge Erwachsene bleiben in Amerika bei ihren Eltern wohnen, weil sie noch keinen Partner gefunden haben oder weil ihnen schlicht ein guter Job fehlt.

          Großes ist im Gange: Junge  Amerikaner ändern Lebensweisen, die für die Nation bisher charakteristisch zu sein schienen. Bis heute haben Amerikaner den Ruf, nach der Schulausbildung und spätestens nach der Universität einen eigenen Haushalt mit einem Partner zu gründen. Sie gelten als die Leute, die das Weite suchen, um in jungen Jahren auf eigenen Beinen zu stehen - oft fern des alten Heimatortes und der Familie, mit der sie dann nur noch durch ein loses Band verbunden sind. Kurz: Amerikaner sind das mobile Volk, gekennzeichnet durch eine hohe Bereitschaft, das Alte hinter sich zu lassen für mehr Freiheit und bessere Perspektiven.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Stimmt das noch? Jüngere Forschungsergebnisse stellen das Bild des unabhängigen, mobilen Amerikaners in Frage. Das Meinungsforschungsinstitut Pew Research hat jetzt veröffentlicht, dass zum ersten Mal seit 130 Jahren mehr junge Erwachsene zwischen 18 und 34 bei ihren Eltern leben als mit einem (Ehe-)Partner im eigenen Haushalt. Aus welchen Gründen auch immer zögern Amerikaner die Gründung eines Haushalts mit einem Partner hinaus.

          Im Jahr 1960 konnten junge Amerikaner nicht schnell genug die elterlichen vier Wände verlassen. In jenem Jahr lebten 62 Prozent der jungen Amerikaner zwischen 18 und 34 Jahren mit Braut oder Bräutigam im eigenen Haushalt, nur 20 Prozent blieben in Hotel Mama. Das war ein Rekord. Gute fünfzig Jahre später leben 31 Prozent in eigenen Haushalten mit ihren Partnern, 32 Prozent aber bei den Eltern. Der wichtigste Grund scheint zu sein, dass die Amerikaner einem globalen Trend folgend sich nicht mehr so früh binden. Sie verschieben Hochzeiten auf später im Leben oder nehmen komplett davon Abstand. Pew prognostiziert, dass in Zukunft ein Viertel der Amerikaner nicht verheiratet sein wird.

          Reallöhne junger amerikanischer Männer stark gesunken

          Die Ökonomie spielt auch eine Rolle: Vor allem junge Männer mit einem festen Arbeitsplatz leben eher nicht bei ihren Eltern. Der Anteil der untersuchten Altersgruppe (18-34 Jahre) aber, die eine Arbeit hat, geht seit einer Dekade deutlich zurück. Womöglich liefert auch die Entwicklung der Löhne für junge Männer eine Erklärung: Die sind nämlich inflationsbereinigt zwischen 2000 und 2010 stark gesunken. Warum zunehmend junge Frauen länger bei den Eltern bleiben, ist damit weniger erklärt, denn ihre Löhne haben sich in der Phase besser entwickelt.

          Die große Rezession wird ebenfalls mit der wachsenden Quote von jungen Amerikanern zusammengebracht, die lieber bei den  Eltern blieben oder zu ihnen zurückkehrten. Mit dem beginn der schweren Wirtschaftskrise optierten viele junge Amerikaner für die Hochschule statt für einen Arbeitsplatz. Sie hatten deshalb kein Einkommen und wählten deshalb als privates Sicherheitsnetz den Rückzug ins elterliche Heim.

          Auch Bildung beeinflusst die Lebensweise. Collegeabsolventen leben mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit selbständig in eigenen Haushalten als gleich alte Leute ohne Hochschulbildung. Rund 40 Prozent der jungen Leute ohne Schulabschluss leben bei ihren Eltern.   

          Ein Rätsel bleibt aber, warum der Trend in der Kellerwohnung der Eltern auszuharren sich nicht umkehrt angesichts der deutlich verbesserten Bedingungen am Arbeitsmarkt. Eine Erklärung ist, dass sie für junge Leute immer noch nicht gut sind. Gerade Junge mit geringer beruflicher Qualifikation müssen sich oft mit schlecht bezahlten Halbtagsjobs zufrieden geben, obwohl sie Vollzeitstellen suchen. 

          Was vor diesem Hintergrund allerdings verwundert, ist die generell schrumpfende Mobilität der Amerikaner: Sie könnten doch dorthin hinziehen, wo ihnen bessere Chancen winken. Doch die Amerikaner sind heute weniger mobil als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten 70 Jahren, weiß man vom Census. In den sechziger Jahren zog grob zwanzig Prozent der Amerikaner jedes Jahr um, heute sind es knapp acht Prozent – mit allen sozialen Implikationen.

          Amerika verändert sich dramatisch, und die Ursachen sind noch nicht komplett geklärt.

          Quelle: FAZ.net

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