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Greetings aus New York : Amazon-Chef übernimmt „Washington Post“

Die Skyline von New York - das wichtigste Finanzzentrum Amerikas. Bild: dapd

Jeff Bezos, Chef des Onlinehändlers Amazon, ist der neue Besitzer der „Washington Post“. Damit zieht sich eine der letzten großen amerikanischen Verlegerfamilien zurück. Das resignierende Fazit der Grahams: „Wir haben keine Antworten.“

          Was für ein Paukenschlag: Die „Washington Post“, eine Ikone unter den amerikanischen Zeitungen, gehört künftig Jeff Bezos. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Online-Händlers Amazon kauft dem Verlag Washington Post Company seine Flaggschiffpublikation und einige andere Zeitungen für 250 Millionen Dollar ab. Damit kapitulieren nun auch die Grahams, eine der letzten großen amerikanischen Verlegerfamilien, vor den Herausforderungen des Zeitungsmarktes. „Das Zeitungsgeschäft hat nicht aufgehört, Fragen aufzuwerfen, auf die wir keine Antworten haben“ – mit diesen resignierenden Worten fasste Donald Graham, der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, die Beweggründe für den Verkauf in einem Brief zusammen. Die Umsätze im Zeitungsgeschäft seien nun sieben Jahre in Folge geschrumpft. Ebenso wie viele andere Zeitungen leidet die „Washington Post“ unter rückläufigen Auflagen und Werbeeinnahmen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Jeff Bezos erwirbt die „Washington Post“ für sich selbst und nicht für Amazon. Der Kaufpreis kann er spielend finanzieren: Auf der jüngsten „Forbes“-Liste wird er mit einem Vermögen von 25,2 Milliarden Dollar unter den zwanzig reichsten Menschen der Welt geführt. Aber die Übernahme der Zeitung ist ein völlig unerwartetes Manöver, zumal Bezos hier Neuland betritt. Die „Washington Post“ beschrieb in ihrem eigenen Bericht zum Verkauf Bezos am Montag als „Technologie-Innovator, der noch nie eine Zeitung betrieben hat.“ Die Transaktion hat auch eine gewisse Ironie: Eine Zeitung, die durch das Abwandern von Lesern und Anzeigenumsätzen ins Internet in Bedrängnis geraten ist, wird nun an jemanden verkauft, der selbst als Internetunternehmer alte Geschäftsmodelle ins Wanken gebracht hat.

          „Wir müssen experimentieren“

          Indessen ist Bezos berühmt für seine Nebenprojekte jenseits seines angestammten Amazon-Reviers, so wie zum Beispiel das von ihm im Jahr 2000 gegründete Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Bezos hatte zudem auch bislang schon kleinere Engagements mit journalistischem Bezug. So investierte er unlängst in die Online-Wirtschaftspublikation „Business Insider“. Und natürlich ist Amazon selbst nahe am Mediengeschäft, nicht zuletzt mit dem Vertrieb digitaler Inhalte für seine Kindle-Lesegeräte und -Tabletcomputer.

          Die Vereinbarung war offenbar keineswegs eine Kurzschlusshandlung, sondern Ergebnis eines sorgfältigen Verkaufsprozesses. In dem Bericht der „Washington Post“ hieß es, es habe sechs potentielle Interessenten gegeben. Vorstandsvorsitzender Graham habe die Investmentbank Allen & Co. mit dem Verkauf beauftragt.

          Bezos schrieb am Montag in einem Brief an die Belegschaft sicher nicht ohne Übertreibung, dass viele Mitarbeiter ihn wohl „mit einem gewissen Maß an Besorgnis“ begrüßen würden. Er sagte, er habe nicht die Absicht, das Tagesgeschäft der Zeitung zu führen („Ich habe einen Hauptberuf, den ich liebe“). Er ließ offen, was ihn zur Übernahme der Zeitung bewogen hat und was er genau damit vorhat. Er sprach vage davon, dass sich die Dinge in den nächsten Jahren für die Zeitung verändern werden („das wäre mit oder ohne Inhaberwechsel passiert“). Aber es gebe keinen vorgefertigten Plan, und der Weg werde nicht leicht. „Wir werden erfinderisch sein müssen, und das heißt, wir müssen experimentieren.“

          Untergang der Verlegerdynastien

          Der Amazon-Chef beschwor aber auch die „entscheidende Rolle“, die Journalismus in einer freien Gesellschaft spiele. Er hoffe, dass er an zwei journalistische Traditionen der Graham-Familie anknüpfen könne: Den Mut, Geschichten auf den Grund zu gehen, egal was die Kosten und Konsequenzen sind, und den Mut, mit Geschichten abzuwarten, Tempo herauszunehmen und sich mit zusätzlichen Quellen abzusichern.

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