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Wirtschaftsbeziehungen : Trump dämpft Trumpfs Amerika-Begeisterung

Nicola Leibinger-Kammüller, die Vorsitzende der Geschäftsführung der Trumpf GmbH + Co KG Bild: dpa

Der schwäbische Maschinenbauer eröffnet eine Niederlassung in Chicago. Aber die Abschottungstendenzen des Präsidenten machen ihm Sorgen.

          Zu den Vereinigten Staaten hat Nicola Leibinger-Kammüller eine ganz besondere Beziehung. Die Vorsitzende der Geschäftsführung des schwäbischen Werkzeugmaschinenbauers und Laserspezialisten Trumpf ist hier geboren und hat deshalb neben der deutschen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Zwar kam sie schon als kleines Kind zurück nach Deutschland, sie ging aber zum Studium wieder nach Amerika und hat sich bis heute ein enges Band zu dem Land bewahrt.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Entsprechend aufmerksam und mit einigem Befremden hat sie den Aufstieg von Donald Trump zum Präsidenten verfolgt, dessen „America First“-Philosophie sie alarmierend findet. Daher hielt sie sich nicht mit kritischen Worten zurück, als sie jetzt in Chicago eine neue Trumpf-Niederlassung eröffnete. Vor politischer Lokalprominenz äußerte sie ihre „Sorge, was die Ausgestaltung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten mittelfristig anbelangt“. Protektionistische Schritte und die Kritik an Handelsüberschüssen anderer Länder seien „Gift für Investitionen“ und zielten auf Abschottung gegenüber anderen Märkten. Gerade Trumpfs Branche, der Maschinen- und Anlagenbau, brauche freie Märkte „wie die Luft zum Atmen“. Dreiviertel ihrer Produkte würden exportiert. Nationalismus mache Produkte teurer und schade ihrer Qualität, und das sei auch schlecht für Arbeitsplätze.

          Im kleinen Kreis gegenüber Journalisten erlaubte sich Leibinger-Kammüller auch ein paar persönliche Seitenhiebe auf Trump und seine Familie: „Zum Glück sind wir nicht verwandt“, sagte sie in Anspielung an die Namensähnlichkeit ihres Unternehmens mit dem Präsidenten. Die Begegnung mit Trumps Tochter Ivanka auf einer Podiumsdiskussion im April in Berlin, an der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnahm, beschrieb Leibinger-Kammüller zwar einerseits als ermutigendes Zeichen für Dialogbereitschaft, aber offenbar verspricht sie sich davon wenig konkreten Nutzen. Ivanka Trump sei „ein nettes, freundliches Mädchen, aber ich denke nicht, dass sie Einfluss auf ihren Vater hat“. Mit Blick auf ihre eigene Vergangenheit in Amerika sagte sie, sie habe das Land früher nicht so gespalten erlebt wie es heute sei, und das finde sie „sehr traurig“.

          Für das Geschäft von Trumpf wären vor allem die vom Präsidenten angedrohten Einfuhrzölle ein schwerer Schlag. Wie Leibinger-Kammüller sagte, importiert das Familienunternehmen für seine Fertigung in Amerika unter anderem Rahmen aus Mexiko und Laserkomponenten aus Deutschland. Im Falle zusätzlicher Zölle würde Trumpf wohl „schon sehr nachdenken“, bevor weitere Produktionskapazitäten in Amerika aufgebaut würden. Dabei versuche das Unternehmen normalerweise, seine Standortentscheidungen nicht von der Politik beeinflussen zu lassen. Und eigentlich stehen die Zeichen für Trumpf in Amerika auch auf Wachstum.

          Hier stieg der Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr um 14 Prozent auf umgerechnet 421 Millionen Euro, und im laufenden Jahr wird wieder ein zweistelliges Plus erwartet. Die Stimmung unter den amerikanischen Kunden mit Blick auf ihre Geschäftslage sei gut. In den Vereinigten Staaten hat Trumpf seine zweitälteste ausländische Tochtergesellschaft, die amerikanische Zentrale in Farmington im Bundesstaat Connecticut wurde vor fast 50 Jahren eröffnet. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen in dem Land rund 1000 Mitarbeiter, auf der ganzen Welt sind es 12.000.

          Die neue Niederlassung in Chicago ist der insgesamt fünfte amerikanische Betrieb für die Schwaben. In den 5500 Quadratmeter großen Standort hat Trumpf 13 Millionen Euro investiert. Es handelt sich nicht um eine klassische Fertigungsstätte, sondern in erster Linie um eine Art Schauraum, in der Trumpf seinen Kunden demonstrieren will, wie ihre Produktion in der Zukunft aussehen könnte. Das Unternehmen spricht von einer „Smart Factory“, und in deren Mittelpunkt stehen Lösungen rund um die digitale Vernetzung von Produktionsprozessen, auch „Industrie 4.0“ genannt. Der Maschinenbauer konzentriert sich in der neuen Niederlassung auf Blechfertigung, eines der wichtigsten Gebiete für seine Maschinen, die in einer Vielzahl verschiedener Branchen zum Einsatz kommen, von der Auto- und Landmaschinenindustrie bis zu Hausgeräteherstellern. In der Fabrik wird eine ganze Prozesskette vom Einkauf über Konstruktion und Herstellung bis zu Auslieferung fertiger Blechteile digital verbunden. Intelligente Vernetzung wird es nach den Worten von Leibinger-Kammüller ermöglichen, die Durchlaufzeit von Produkten um 30 Prozent zu reduzieren. Sie soll dabei helfen, Anlagen optimal auszulasten und Produktionsausfälle zu vermeiden.

          Die zunehmende Digitalisierung sorgt dafür, dass sich das Geschäftsmodell von Trumpf verändert. Dem Unternehmen geht es nicht mehr nur in erster Linie darum, Maschinen zu verkaufen, zum Angebot gehört nun auch verstärkt Software wie die hauseigene Plattform Axoom, die auch in Chicago zum Einsatz kommt. Mit Axoom und anderen Softwareprodukten will Trumpf in fünf Jahren 200 Millionen Euro Umsatz erzielen, zehn Mal so viel wie heute, sagt Mathias Kammüller, der Mann von Nicola Leibinger-Kammüller, der als Chief Digital Officer für die digitalen Initiativen des Unternehmens verantwortlich ist.

          Für die neue Demonstrationsfabrik wurde nach Angaben von Trumpf der Standort Chicago gewählt, weil in der umliegenden Region 40 Prozent der gesamten blechbearbeitenden Industrie Amerikas beheimatet sind. Für die Schwaben ist es der erste derartige Schauraum rund um Industrie 4.0, Kammüller kann sich aber vorstellen, dass es in einigen Jahren auch eine vergleichbare Niederlassung in der deutschen Heimat geben wird. In Amerika sind es derweil nicht nur die Sorgen um das politische Umfeld, die die Expansion von Trumpf bremsen könnten. Das Unternehmen hat auch Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Allein am Hauptstandort Farmington gebe es derzeit achtzig offene Stellen.

          Quelle: FAZ.NET

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