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Sinneswandel : Der Snapchat-Irrtum

Nix mehr von „Mit wehenden Fahnen an die Börse“. Bild: dpa

Morgan Stanley brachte das soziale Netzwerk an die Börse und empfahl die Aktie begeistert zum Kauf. Jetzt revidiert die Bank ihr Urteil. Ein bemerkenswert schneller Sinneswandel.

          Kaum ein Börsenneuling ist in diesem Jahr mit so viel Spannung erwartet worden wie Snap, das Mutterunternehmen des beliebten sozialen Netzwerks Snapchat. Snap sah sich zwar schon vor dem Börsengang vielen Skeptikern gegenüber, feierte aber dennoch ein furioses Debüt. Am Ende des ersten Handelstages im März kostete die Snap-Aktie 24,48 Dollar, ein Plus von 44 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis von 17 Dollar.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Danach kehrte aber recht schnell Nüchternheit ein, und zu Beginn dieser Woche fiel der Kurs erstmals unter 17 Dollar, womit Snap wieder an den Ausgangspunkt seiner Börsenkarriere zurückgeholt wurde. Am Dienstag kam es sogar noch dicker, und der Kurs sackte um weitere 9 Prozent auf unter 15,50 Dollar ab.

          Snap Inc

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          Der mutmaßliche Auslöser dieses abermaligen Kursrutsches ist bemerkenswert: Die Bank Morgan Stanley hat ihr bislang sehr positives Urteil über die Snap-Aktie revidiert. Es handelt sich dabei nicht um irgendeine Analystenmeinung. Morgan Stanley war die führende Konsortialbank beim Börsengang von Snap und hat daran so gut verdient wie kein anderes der beteiligten Finanzunternehmen.

          Und nur wenige Wochen nach dem Börsengang hatte die Bank die Snap-Aktie noch hochgejubelt und zum Kauf empfohlen. Der zuständige Analyst Brian Nowak setzte damals ein Kursziel von 28 Dollar und schwärmte, Snap verheiße ein gutes Werbegeschäft, weil das Unternehmen bei jungen und schwer zu erreichenden Millennials so beliebt sei.

          Nur wenige Monate später hat sich die Perspektive von Morgan Stanley erheblich verändert. Das Kursziel wurde jetzt bis auf 16 Dollar nach unten korrigiert, das Anlageurteil auf das neutrale „equal-weight“ herabgestuft. Auch die Umsatzprognosen für Snap wurden gesenkt. „Wir lagen falsch“, hieß es in einer Notiz der Bank mit Blick darauf, dass Snap seine Werbeplattform nicht so schnell verbessert habe als erwartet. Auch wurde darauf hingewiesen, dass der Wettbewerb um Werbeeinnahmen zwischen Snap und dem zum sozialen Netzwerk Facebook gehörenden Fotodienst Instagram härter geworden sei.

          Analysen, Schmanalysen

          Analysten und Investmentbanker – Letztere sind unter anderem für Börsengänge zuständig - müssen in amerikanischen Finanzkonzernen getrennt sein. Dazu wurde eine Gruppe großer Wall-Street-Banken, darunter auch Morgan Stanley, im Jahr 2003 in einem öffentlichkeitswirksamen Vergleich verpflichtet. Diese Einigung sollte Interessenkonflikte von Analysten eliminieren, wie sie zuvor in einigen Skandalen eine Rolle gespielt hatten.

          Ob dieses Ziel tatsächlich vollständig erreicht wurde, ist indessen fraglich. Erst 2014 gab es einen weiteren Vergleich zwischen Banken und amerikanischen Regulierern. Den Finanzhäusern wurde vorgeworfen, im Werben um Mandate für einen bevorstehenden Börsengang in Aussicht gestellt zu haben, dass Analysten positive Bewertungen des betreffenden Unternehmens veröffentlichen. Morgan Stanley war auch bei diesem Vergleich dabei, neben anderen Banken wie Goldman Sachs oder der Deutschen Bank.

          Ent-Täuschung

          Dass Konsortialbanken positive Beurteilungen von Börsendebütanten herausgeben, ist jedenfalls in Amerika gang und gäbe. Ungewöhnlicher erscheint, dass eine Bank nach so kurzer Zeit ihre Einschätzung schon wieder so drastisch revidiert wie Morgan Stanley jetzt im Fall von Snap. Dies ließe sich sogar auf schmeichelhafte Weise für den New Yorker Finanzkonzern interpretieren, nämlich dass es gerade signalisiere, wie gut die Trennung zwischen Analysten und Investmentbankern hier funktioniere. Genauso gut könnte man aber auch die Frage stellen, ob die Bank in ihrer ursprünglichen Bewertung von Snap vielleicht allzu viel Euphorie verbreitet hat.

          Snap hat seit seinem Börsengang selbst schlechte Nachrichten und damit mögliche Argumente für eine Herabstufung geliefert. Der erste Quartalsbericht als börsennotiertes Unternehmen war eine Enttäuschung, die Umsätze und das Wachstum bei den Nutzerzahlen fielen schwächer als erwartet aus.

          Andererseits klingen die von Morgan Stanley genannten Gründe für die Herabstufung nicht allesamt neu. Die Konkurrenz durch Facebook-Dienste wie Instagram zum Beispiel galt schon vor dem Börsengang als enorme Bedrohung für Snap. Instagram hat Funktionen von Snapchat fast exakt kopiert, eine von ihnen hat nach Angaben von Facebook heute schon deutlich mehr Nutzer als Snapchat.

          Morgan Stanley ist die wichtigste, aber nicht die einzige Konsortialbank, die von ihrem ursprünglichen Urteil über Snap abgerückt ist. Die Deutsche Bank, die ebenfalls beim Börsengang dabei war, gab für das Unternehmen zunächst ein Kursziel von 30 Dollar aus, reduzierte es dann aber nach der Vorlage des Quartalsberichts auf 23 Dollar. Anders als Morgan Stanley blieb es aber bei einer Kaufempfehlung. Goldman Sachs wiederum hat bislang keinen Anlass gesehen, seine Meinung über Snap zu ändern. Die Bank hat im März ein Kursziel von 27 Dollar für Snap angesetzt und hält bis heute daran fest.

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