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„Schindler Boliviens“ : Bergbauunternehmer aus Biblis rettete Tausende Juden

  • Aktualisiert am

Die Dokumente, die Hochschilds Rettungstaten belegen, wurden erst in den vergangenen Jahren durchgesehen. Bild: AFP

Oscar Schindler war nicht der einzige. Auch der Bergbauunternehmer Moritz Hochschild aus Biblis rettete wohl tausenden Juden das Leben, indem er sie nach Bolivien holte.

          Mehr als fünf Jahrzehnte nach seinem Tod wird die Geschichte des deutschen Bergbauunternehmers Moritz Hochschild neu geschrieben. „Don Mauricio“, wie er in seiner Wahlheimat Bolivien genannt wird, war nicht nur ein erfolgreicher Zinnbaron mit schillerndem Lebenswandel. Er hat durch seine guten Kontakte zum damaligen Präsidenten German Busch (1937-39) auch tausenden Juden die Flucht vor dem Nationalsozialismus in Europa ermöglicht. Dank der umfangreichen Dokumente, die inzwischen zugänglich sind, wird Mauricio Hochschild damit zum „Oskar Schindler Boliviens“.

          „1938 rechnete Hochschild aus, dass er 2000 bis 3000 Juden hergeholt hatte, 1939 kam er auf 9000“, sagt der Historiker Robert Brockmann, der an einer Biografie des kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs gestorbenen Präsidenten Busch arbeitet. Busch war es, der das südamerikanische Land 1938 für die Einwanderung von Juden öffnete. Offiziell sollten nur Landwirte angelockt werden, aber es kamen auch Historiker, Schriftsteller und andere Intellektuelle. Hochschild stand für Transportkosten, Einwanderungsformalitäten und die erste Aufnahme auf einem Bauernhof in der Region Yungas ein.

          Erst nach dem Jahr 2000 machte sich die Bolivianische Minengesellschaft (Comibol) daran, die alten Aktenberge der Bergbauunternehmen aufzuarbeiten. Sie waren „vollkommen vernachlässigt“ und „der Verwitterung ausgesetzt“, wie Archiv-Direktor Edgar Ramirez sagt. Die Unterlagen waren 1952 mit der Verstaatlichung der Unternehmen Hochschilds in öffentlichen Besitz übergegangen.

          Da findet sich beispielsweise ein Arbeitsvertrag von Erico Nagel Thale, der 1904 in Leipzig zur Welt kam und mit 32 Jahren zusammen mit seiner Mutter Ana nach Bolivien gelangte. Oder ein Bittschreiben des Kindergartens Miraflores in La Paz, der wegen der Ankunft zahlreicher jüdischer Kinder um finanzielle Unterstützung für den Ausbau bat. Oder eine Anfrage der französischen Regierung, die fast tausend jüdische Waisenkinder nach Bolivien schicken wollte.

          Im vergangenen Oktober wurde der Comibol-Fund vom Unesco-Weltregister Memory of the World als authentisch eingestuft. Das bolivianische Minen-Museum hat sich zum Ziel gesetzt, den gesamten Fundus in diesen Wochen ins Internet zu stellen. In den 1940er Jahren stieg die Zahl der Juden, die sich in Bolivien niederließen, auf rund 15.000 an. „Wir sind Bolivien sehr dankbar, dass es den Flüchtlingen die Türen öffnete“, sagte Monica Blankitny, deren Vater Jacob dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau entkam.

          Archiv-Direktor Ramírez und der Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Boliviens, Ricardo Udler, sehen weitreichende Parallelen zwischen Hochschild und dem Unternehmer Oskar Schindler, der mehr als tausend Juden vor den Nazis rettete und dem der Regisseur Steven Spielberg mit seinem Film „Schindlers Liste“ 1993 ein Denkmal setzte.

          Hochschild, ein aus dem hessischen Biblis stammender Jude, war 1921 nach Bolivien ausgewandert. 1944 verließ er das Land wieder - er starb 1965 in Paris, ohne dass er sein Geheimnis preisgegeben hätte. In Bolivien war er lange Jahre auch als ein Großunternehmer kritisierte worden, der nur auf seinen eigenen Profit aus gewesen sei.

          Die meisten Juden, die mit der Hilfe von „Don Mauricio“ nach Bolivien gelangten, kehrten dem Land später den Rücken. Sie wanderten in die Vereinigten Staaten, nach Argentinien, Brasilien oder Israel weiter. Heute leben nur noch schätzungsweise 500 Juden in Bolivien.

          Quelle: AFP

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