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Aufguss-Meisterschaft : Schwitzen bis zum Mond und zurück

  • Aktualisiert am

Zahlreiche Gäste verfolgen in Bad Staffelstein den Auftritt des Aufgießers Farid Atai. Bild: dpa

Ganz schön viel Theater in der Sauna: Drei Tage lang kämpfen die Teilnehmer der Deutschen Aufguss-Meisterschaft um die Gunst der Jury - und um einen Platz bei der WM. Mit „ein bisschen Wasser auf den Ofen“ hat das Ganze schon lange nichts mehr zu tun.

          Das Publikum ist schweißgebadet. Logisch. Denn die Zuschauer sitzen in einer Sauna. Sie sehen, wie Enrico Dejori die Showbühne betritt, verkleidet als Countrysänger mit Cowboyhut und Ledermantel. Aus dem Lautsprecher schmettert Musik von Johnny Cash. Dejori, 35 Jahre alt, interpretiert das Leben der Countrylegende. In der Sauna. Innerhalb von 15 Minuten. Denn der Brandenburger ist einer von 33 Teilnehmern - darunter acht Zweiterteams - der Deutschen Aufguss-Meisterschaft, die in diesem Jahr in Bad Staffelstein (Landkreis Lichtenfels) in der Obermain Therme ausgetragen wird.

          Die Teilnehmer wechseln immer wieder ihre Kostüme, legen mit ätherischen Ölen versehene Eisbälle auf die heißen Steine und wedeln kunstvoll mit dem Handtuch an Saunagästen und Jury vorbei. „Pizza“, „Super 8“ oder „Doppel Super 8“ heißen die komplizierten Wedelfiguren, die jahrelanges Training erfordern. Die teils üppig kostümierten Teilnehmer agieren bei Temperaturen von bis zu 80 Grad Celsius. „Die Hitze ist nicht das Problem, sondern eher die Kondition beim Wedeln“, erklärt Dejori.

          Einer seiner Konkurrenten, der 39 Jahre alte Jürgen Raab aus Seßlach bei Coburg, hat sich für seine Show Großes vorgenommen. „Ich will das Weltall in die Sauna bringen“, kündigt er an. Inspiriert zu seinem Thema „Apollo 13“ habe ihn der gleichnamige Film. In drei Aufguss-Runden fliegt er mit seinen Saunagästen zum Mond, erleidet Schiffbruch mit seiner Raumfähre und tritt dennoch den Weg zurück zur Erde an. Abgehoben sind auch die Träume einer ehrgeizigen Primaballerina, die bei einem großen Ballett-Wettbewerb an ihre Grenzen stößt. Mehr wollte die baden-württembergische Aufgussmeisterin Mira Correll vor ihrer Show „First Position“ nicht verraten.

          Als Kleinkunst bezeichnete Rolf-Andreas Pieper, Geschäftsführer des Deutschen Sauna-Bundes, die moderne Form des Sauna-Aufgusses. „Die Welt hat sich verändert, sie ist erlebnisreicher geworden“, sagte er. Diese Entwicklung habe auch vor der Sauna nicht haltgemacht. Der Erholungsaspekt sei nach wie vor ein zentrales Thema, doch seien die Aufgüsse bedeutungsvoller geworden. Es gehe um Kabarett, Theater oder Geschichten aus dem Leben.

          Die kreative Umsetzung des jeweiligen Themas ist eines der Kriterien, die die achtköpfige Jury bewertet. Daneben geht es um eine konstante Hitzesteigerung, den richtigen Einsatz von Düften, die Wedeltechnik sowie die Emotionen, die die Show beim Publikum auslöst. 45 Aufgüsse durften die Jurymitglieder innerhalb der drei Tage mitmachen. Einer von ihnen, Bernd Schuler aus Radolfzell, scherzt: „Dazu muss man schon ein wenig verrückt sein.“

          Von Herzklopfen und Glücksgefühlen sprach ein 49 Jahre alter Saunafan, der eigens für die Meisterschaft aus Uelzen in Niedersachsen angereist war. Er schwärmt: „Die Shows haben mich so gefesselt, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie schnell die Zeit vergangen ist.“ Ein 40 Jahre alter Saunagänger aus dem Landkreis Bamberg bezeichnete die Show-Aufgüsse als „schöne Abwechslung“. Eine 51-jährige Besucherin aus Coburg hatte sich sogar eigens für die Veranstaltung Urlaub genommen: „Was ich bisher gesehen habe, hat mir sehr gut gefallen.“

          Auch Marcus Düsel, stellvertretender Werkleiter der Obermain Therme, ist zufrieden. Zwar gebe es in der Therme mehrmals im Jahr ähnliche Sauna-Shows, doch sei man stolz darauf, die besten Aufgießer aus ganz Deutschland zu Gast zu haben.

          Die besten drei Einzelteilnehmer sowie die besten drei Zweierteams werden bei der Weltmeisterschaft starten. Die findet im September im niederländischen Soesterberg statt. Dort treten elf Nationen gegeneinander an, neben Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz auch die Tschechische Republik, Polen, Ungarn, Slowenien und sogar Italien. Aus dem hohen Norden sind lediglich Dänemark und Norwegen mit von der Partie. Die Sauna-Nation Finnland habe kein Interesse. Rolf-Andreas Pieper, Geschäftsführer des Deutschen Sauna-Bundes, erklärt: „Die Finnen mögen keinen Showaufguss.“ Dort stehe noch immer der Erholungsaspekt im Vordergrund.

          Quelle: dpa

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