http://www.faz.net/-gqe-8133p

Entwicklungsbank in Schanghai : Amerika verliert Machtkampf mit China

Der chinesische Präsident Xi Jinping trifft Gäste der asiatischen Entwicklungsbank. Bild: Reuters

Vergeblich haben die Vereinigten Staaten versucht, eine chinesische Konkurrenz zur Weltbank zu verhindern. Pekings neuer Entwicklungsbank für Asien treten nach Großbritannien nun auch Deutschland, Frankreich und Italien bei.

          Washington ist eine lebenswerte Stadt. Heerscharen von deutschen Universitätsabsolventen finden hier alljährlich in einer der vielen internationalen Institutionen eine Arbeitsstelle. Unter anderem im Gebäude der Weltbank an der H Street unweit des Weißen Hauses, in dem der amerikanische Präsident alle paar Jahre den Weltbankpräsident nominiert – haben die Amerikaner doch mit fast 16 Prozent den größten Stimmrechtsanteil in der Entwicklungsbank, die in allererster Linie dafür sorgen soll, dass möglichst bald kein Mensch mehr in Armut lebt. Der Fokus der Institution liegt demnach auf der Förderung des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts in Entwicklungsländern.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Bald könnte es die deutschen Volkswirte nach Master und Promotion sowie jene, die bisher in Amerika lebten, indes nach China ziehen, um von dort aus den Welthunger zu bekämpfen: nach Peking, wo bald das Hauptquartier der neuen Konkurrenzinstitution zur Weltbank entstehen soll. Ursprünglich war als Sitz die Freihandelszone in Chinas Wirtschaftskapitale Schanghai für die neue Asiatische Infrastruktur und Investmentbank (AIIB) vorgesehen gewesen. Ihr Gründer ist Chinas Präsident Xi Jinping. Und die Mitgliedsstaaten der Bank bestehen aus halb Europa – sehr zum Missfallen Amerikas.

          Bitter hatte sich das Weiße Haus in der vergangenen Woche beklagt, nachdem Großbritannien am Donnerstag seinen Beitritt zur AIIB erklärt hatte. Seitdem China an dem Gegenentwurf zur Weltbank bastelt, haben die Amerikaner alles versucht, um seine Verbündeten von einer Mitgliedschaft abzuhalten. Um nicht weniger ging es als den Einfluss Washingtons in der wirtschaftlich dynamischsten Weltregion, dem Asien-Pazifik-Raum. Vergebens: Deutschland beteiligt sich wie Frankreich und Italien an der AIIB, teilten Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der chinesische Vize-Premierminister Ma Kai nach einem Treffen am Dienstag in Berlin mit.

          Australien, von den Amerikanern unter Druck gesetzt, der Schanghaier Konkurrenzbank zur Washingtoner Institution tunlichst fernzubleiben, hat am Wochenende bereits mitgeteilt, seine Position zu überdenken. Amerikas Partner Südkorea hat ebenfalls Interesse. Neuseeland will Mitglied werden. Damit verbleibt praktisch nur noch Japan im Verbund mit den Vereinigten Staaten gegen das neue Machtzentrum Chinas, in dem wie das Weiße Haus im Fall der Amerika-dominierten Weltbank künftig der chinesische Präsident die Leitung und Ausrichtung bestimmen wird.

          Vorerst wird die AIIB-Bank vor allem in Bauprojekte in Asien investieren. Wer von Anfang an dabei ist, kann für die Bauwirtschaft der eigenen Nation die lukrativsten Verträge an Land ziehen. Die Eintrittsfrist für Gründungsmitglieder der AIIB, für das Peking ein Startkapital von rund 50 Milliarden Dollar bereitstellen will, endet am 31. März. Staaten, die bis dahin beitreten, haben anders als später hinzustoßende Länder Einfluss auf die Ausrichtung der neuen Institution und auf die Aufnahme neuer Kandidaten. Bis jetzt sind der AIIB 27 Länder beigetreten.

          Im Machtspiel zwischen Peking und Washington geht es nicht nur um die Gründung und den Sitz einer neuen internationalen Institution. Der Streit um die AIIB steht nach Meinung aller Beobachter stellvertretend für nichts weniger als den Einfluss der Großmächte in Asien und vielleicht auch bald in der Welt. Ein „Debakel“ für die Amerikaner nennt der amerikanische Thinktank Council on Foreign Relations den Beitritt der Europäer gegen den massiven Widerstand Washingtons.

          Ignorieren oder selbst beitreten

          Immer wieder haben die Amerikaner kritisiert, dass eine von Peking geführte Bank das Niveau der Weltbank etwa mit Blick auf die Führungsstruktur, Umwelt- und Sozialstandards untergraben werde. Washington fürchtet, dass die AIIB immer dort Ländern und Investoren Geld für den dringend benötigten Ausbau ihrer Infrastruktur geben werde, wo andere multilaterale Banken aufgrund der Umstände zögerten, wie etwa bei der Umsiedlung von Menschen beim Staudammbau. Dass die Kreditvergabe der neuen Bank wohl weit lockerer gehandhabt wird als von der Weltbank, ist tatsächlich wohl nicht von der Hand zu weisen. Auch dass China die Bankgelder vor allem in gigantische Infrastrukturprojekte im eigenen Land leiten könnte, ist eine immer wieder geäußerte Sorge, die nach aller Erfahrung berechtigt scheint. Von einem möglichen Interessenskonflikt Pekings ist die Rede.

          Letztlich geht es jedoch auch um die Vorherrschaft im asiatisch-pazifischen Raum. Schnell, nachdem Peking im Jahr 2013 erstmals über die Pläne für eine eigene asiatische Entwicklungsbank gesprochen hatte, an der es den größten Anteil halten wird, hat Washington begonnen, Druck auf andere Staaten auszuüben und sich nicht von den Versprechen der Chinesen auf lukrative Investitionen in gigantische Bauprojekte verführen zu lassen. Die immer noch unangefochtene Militärstärke Washingtons stand gegen den immer größer werdenden Einfluss Pekings auf die Weltkonjunktur. Das Machtspiel zwischen der größten und der zweitgrößten, aber weit schneller wachsenden Volkswirtschaft der Welt, scheint nun entschieden zugunsten Chinas und sendet ein Signal zur Machtverschiebung im 21. Jahrhundert.

          Der Thinktank Council on Foreign Relations sieht nur nur noch zwei Optionen für die Amerikaner: die neue Entwicklungsbank AIIB fortan zu ignorieren oder ihr ebenfalls beizutreten und zu versuchen, sich gegen die Chinesen zu behaupten. Die Politikexperten raten zu letzterem. Allein aus realistischen Erwägungen heraus.

          Weitere Themen

          Und wieder keine Einigung Video-Seite öffnen

          Brexit-Hängepartie geht weiter : Und wieder keine Einigung

          Fünf Monate vor dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, bleibt der Ausgang der Austrittsverhandlungen weiter ungewiss. Theresa May unterbreitete laut Teilnehmern keine neuen Vorschläge.

          Warnungen vor Überschuldung Italiens Video-Seite öffnen

          EU- Gipfel in Brüssel : Warnungen vor Überschuldung Italiens

          Bei den Beratungen über die Weiterentwicklung der Wirtschafts- und Währungsunion am Donnerstag steht Italiens Etat zwar offiziell nicht auf der Agenda. Es wird aber erwartet, dass die Regierung ihre Haushaltspläne erläutert.

          Topmeldungen

          Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl: Rainer Rahn, stellvertretender Vorsitzender der AfD Hessen.

          AfD vor den Landtagswahlen : Bürgerliche Brandstifter?

          Die hessische AfD präsentiert sich vor der Landtagswahl gemäßigter als der Rest der Partei. Die Angriffe aus der CDU versucht sie, für sich zu nutzen.
          Stadtvillen in Dresden

          Immer mehr Geld : So viele neue Millionäre gibt es in Deutschland

          Der Club der Reichen hierzulande wächst – und könnte in den nächsten Jahren noch deutlich größer werden. Denn besonders eine Sache erweist sich für die Deutschen derzeit als hochprofitabel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.