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Wirtschaftsgipfel in Kenia : Wie sich die deutsche Entwicklungshilfe neu erfinden will

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) beim Besuch der Getränkefirma Kevian Bild: dpa

Kredite für den Mittelstand statt Brunnen bohren: Entwicklungsminister Gerd Müller will einen Neuanfang in Afrika. Beim Gipfeltreffen in Nairobi gibt es aber auch Enttäuschungen.

          Die Firma Kevian ist ganz nach dem Geschmack des deutschen Ministers: Ein erfolgreicher kenianischer Getränkehersteller mit mehr als 1000 Mitarbeitern und einem Maschinenpark „made in Germany“. Am Standort Thika, einer Industriestadt etwa 50 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Nairobi, produziert die vollautomatische Abfüllanlage des deutschen Herstellers mit unglaublicher Präzision Palette um Palette von Mango-, Orangen- und Tomatensäften, die Kevian auch in die Nachbarländer exportiert.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Das mittelständische Unternehmen ist ohne Zweifel eine Erfolgsgeschichte, doch wird das Bild ein wenig getrübt von dem altersschwachen Lastwagen, der den ganzen Betrieb aufhält, weil ihm ausgerechnet an der Laderampe ein Radlager zerbröselt ist. Der malawische Beifahrer schraubt schon seit Stunden an dem Oldtimer herum. Wann der nächste Lastwagen beladen werden kann, weiß kein Mensch. „This is Africa“, würde ein Zyniker dazu sagen, weil auf diesem Kontinent nie etwas reibungslos funktioniert.

          Gerd Müller, deutscher Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, war nach Kenia gekommen, um seinen „Marschall-Plan“ für Afrika vorzustellen und mit Leben zu füllen. Der Rahmen dafür war das sogenannte Deutsch-Afrikanische Wirtschaftsforum, das als Zusammenkunft von deutschen und afrikanischen Geschäftsleuten geplant war und bei dem die Vertreter von deutschen Ministerien und Handelsverbänden eindeutig in der Mehrzahl waren.

          Kaum Handel zwischen Deutschland und Afrika

          Müller kündigte an, die deutsche Entwicklungshilfe vom Kopf auf die Füße stellen zu wollen. Er will in Afrika nicht länger „nach dem Gießkannenprinzip“ Entwicklungsprojekte von Brunnenbau bis Batikhandwerk finanzieren, deren Werthaltigkeit von Afrikanern schon lange bezweifelt wird, sondern er will dem Mittelstand auf beiden Seiten bei der Anbahnung von Geschäften helfen. Deutsche Unternehmen sollen in Afrika investieren oder afrikanischen Unternehmen Investitionsgüter verkaufen, damit Arbeitsplätze entstehen und die drohende Apokalypse von explosionsartigem Bevölkerungswachstum, Massenarbeitslosigkeit und Flucht nach Europa abgewendet werden kann. „Stellen sie sich vor, was wir mit 3 Milliarden Euro alles machen können: Wenn wir diese Summe hebeln, können wir Kreditgarantien über 30 Milliarden Euro sicherstellen“, erklärte Müller das ehrgeizige Projekt. Der Minister mit CSU-Parteibuch versicherte zudem, dass alle Ressorts der Bundesregierung in dieser Frage inzwischen an einem Strang ziehen.

          Aus der Sicht deutscher Unternehmer ist Afrika in der Tat der letzte weiße Fleck auf Erden. Gerade einmal 2 Prozent der deutschen Exporte gehen in das Afrika südlich der Sahara. Darin eingerechnet ist allerdings Südafrika, das aufgrund seiner exzellenten Infrastruktur und der hohen Kaufkraft eine Sonderstellung auf dem Kontinent innehat. Wie unterentwickelt der Handel zwischen Deutschland und den afrikanischen Ländern tatsächlich ist, zeigt das Beispiel Kenia: Auf gerade einmal 533 Millionen Euro belief sich der deutsche Import aus Kenia und der Export dorthin im Jahr 2015. Dabei wächst die Wirtschaft des Landes mit gut 45 Millionen Einwohnern seit Jahren um 5 bis 8 Prozent.

          Chinesen fragen nicht nach Menschenrechten

          Doch Entwicklungshilfeminister Müller und die ebenfalls nach Kenia gereiste neue SPD-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries mussten feststellen, dass dort niemand auf die Deutschen gewartet hat. Präsident Uhuru Kenyatta ließ sich trotz Zusage auf dem Gipfel nicht blicken und Industrie- und Handelsminister Adan Mohammed schickte einen Vertreter. Außenministerin Amina Mohamed verlas eine Grußbotschaft des Präsidenten, die zu allen Gelegenheiten passt und an Banalität kaum zu übertreffen war.

          Das Desinteresse kommt nicht von ungefähr. Kenia hat mit China seinen vermeintlichen Traumpartner gefunden. Die Chinesen fragen nicht nach Menschenrechten, Demokratiedefiziten und Korruptionsbekämpfung. Die bauen einfach drauflos. In Kenia existiert kein einziges Großprojekt, das nicht von Chinesen realisiert wird – ob es die neue Eisenbahnlinie vom Hafen von Mombasa bis an die ugandische Grenze ist, das geplante Kohlekraftwerk in Lamu oder der ebenfalls geplante Industriepark in Naivasha. Das ist mittlerweile nahezu überall so in Afrika: Äthiopien ist zu einer chinesischen Werkbank geworden, Tansania setzt ebenso auf Peking und Südafrika sucht sein Heil neuerdings bei den Schwellenländern Brics (Brasilien, Russland, Indien, China und eben Südafrika).

          Über weite Strecken reine Subsistenzwirtschaft

          Die chinesische Regierung unterstützt die Expansion ihrer Unternehmen auf dem afrikanischen Kontinent massiv und hat beispielsweise in Kenia Handels- und Niederlassungserleichterungen für ihre Landsleute ausgehandelt. Dagegen kritisieren deutsche Unternehmer immer wieder: Dass die Bundesregierung zwar mehr Investitionen in Afrika fordert, aber nicht das politische Feld für die riskanten Engagements bereite. Der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft plädiert für eine stärkere staatliche Absicherung für in Afrika tätige deutsche Firmen.

          Ob sich das alles mit dem neuen „Marshall-Plan“ ändern wird, bleibt abzuwarten. In Nairobi wurden zwei Vereinbarungen zum Bau einer ostafrikanisch-deutschen Fachhochschule sowie eines von VW Südafrika betriebenen Ausbildungszentrum unterzeichnet, weil fehlende oder unzulängliche Ausbildung zu einem großen Problem für Unternehmen geworden ist. Daneben will der Marshall-Plan der Landwirtschaft besonders viel Aufmerksamkeit widmen, was vordergründig Sinn macht: Die afrikanische Landwirtschaft, die über weite Strecken reine Subsistenzwirtschaft ist, könnte mit entsprechender Modernisierung zu einem veritablen Jobmotor werden. Leider steht auch hier wieder die afrikanische Realität all den schönen Plänen im Weg: Landwirtschaft ist in den Augen junger Afrikaner derart unattraktiv, dass sie ein prekäres Leben in der Stadt dem Dasein auf dem Land bei weitem vorziehen.

          Quelle: F.A.Z.

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