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Unruhen in Äthiopien : Im Vorzeigeland brodelt es

Das Ende des Entwicklungswunders? Die zerstörte Farm „Africa Juice“ in Äthiopien. Bild: AFP

Äthiopien galt wegen seiner hohen Wachstumsraten als Vorzeigeland. Nun geht eine Protestwelle durchs Land. Im Mittelpunkt steht immer und überall die Landfrage.

          Das Erste, was Marc Keulemans von den Unruhen zu sehen bekam, waren dicke schwarze Rauchsäulen, die auf dem Gelände der Nachbarfarm aufstiegen. „Ich war wie gelähmt“, erinnert sich der Niederländer an diesen 3. Oktober. Einen Tag zuvor hatten äthiopische Sicherheitskräfte ein Blutbad unter den Teilnehmern des traditionellen Erntedankfestes der Volksgruppe der Oromo angerichtet, bei dem mutmaßlich mehrere hundert Menschen starben.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Die Oromo gingen daraufhin auf ausländische Betriebe in ihrer Region los, weil sie diese verantwortlich machen für die eigene Misere. Als die Nachbarfarm Africa Juice schließlich endgültig in Flammen aufging, war für den Blumenzüchter Keulemans klar, dass seine Farm die nächste sein wird.

          Vor dem Tor tauchten mehrere hundert Männer auf, mit Knüppeln, Steinen und auch Feuerwaffen in den Händen. Der Betrieb werde abgefackelt, ließen sie den Niederländer wissen. „Wir hatten alle eine Heidenangst“, erinnert sich Keulemans, dessen richtiger Name aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung erscheinen soll, „wir alle, das Management, die Arbeiter“. Einer seiner Arbeiter war am Tag zuvor von der Polizei bei dem Massaker in der Stadt Bishoftu getötet worden.

          „Das war wie im Krieg“, schildert Keulemans die schlimmsten Stunden seines Lebens. Dass seine Blumenzucht trotzdem noch steht, verdankt Keulemans den Dorfältesten, die „wie die Kavallerie in buchstäblich letzter Minute“ aufgetaucht seien und die meist jugendlichen Demonstranten beruhigen konnten.

          Äthiopien galt als der heimliche Star

          Für viele andere Betriebe aber kam in den fünf Tagen nach dem Massaker von Bishoftu jede Hilfe zu spät. Die Zahl der schwer beschädigten beziehungsweise vollständig zerstörten Betriebe im Oromo-Land soll bei weit mehr als 100 liegen, darunter auch die Zementfabrik des nigerianischen Milliardärs Dangote. Eine amerikanische Biologin, die für eine holländische Agrarfirma arbeitete, kam durch einen Steinwurf ums Leben.

          Für das Wirtschaften in Äthiopien gibt es seither zwei Zeitrechnungen: eine vor dem 2. Oktober und eine danach. Vor diesem verhängnisvollen Tag im Oktober galt das Land mit fast 100 Millionen Einwohnern am Horn von Afrika als der heimliche Star unter den aufstrebenden Nationen Afrikas. Die Wirtschaftsleistung wächst um 10 Prozent im Jahr, und das beständig seit knapp einem Jahrzehnt. Der Internationale Währungsfonds zählt Äthiopien zu den fünf am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

          China als Vorbild der Regierung

          Das Wachstum ist vor allem der Landwirtschaft geschuldet, die 48 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt und 85 Prozent aller Exporterlöse beisteuert. Äthiopien hat große Agrarflächen. Angebaut werden Kaffee, Mais, Zwerghirse, Weizen, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Zuckerrohr und Gemüse. Hinzu kommen große Schnittblumenplantagen, die vor allem für den niederländischen Großhandel produzieren, und der mit 75 Millionen Tieren größte Viehbestand des Kontinents, der wiederum die große Schuhindustrie des Landes mit Leder versorgt.

          In der Hauptstadt Addis Abeba verkehrt als Symbol des Fortschritts neuerdings eine moderne chinesische Straßenbahn. Überhaupt sind die Chinesen stark präsent, an deren autoritärem Entwicklungsmodell sich die linksgerichtete äthiopische Regierung ein Beispiel nimmt.

          Bei dem Angriff der „Africa Juice“ wurden auch kiloweise Früchte der Farm zerstört.
          Bei dem Angriff der „Africa Juice“ wurden auch kiloweise Früchte der Farm zerstört. : Bild: AFP

          Auch Keulemans war von den Rahmenbedingungen überzeugt: Preiswerte Pacht für große Ländereien, niedrige Lohnkosten und ein fruchtbarer Boden erschienen ihm ideal für eine Blumenzucht industriellen Ausmaßes. Hinzu kamen die großen Infrastrukturprojekte der äthiopischen Regierung, die den Transport der Ware einfacher machen und zusätzliche Investoren ins Land locken. Viele chinesische Textilunternehmen lassen inzwischen in Äthiopien fertigen, da die Lohnkosten daheim deutlich gestiegen sind. Die Arbeitslosigkeit in Äthiopien liegt offiziell bei etwa 15 Prozent.

          Hungersnot und Polizeigewalt

          Wegen einer extremen Dürre durch das Wetterphänomen El Niño gab es allerdings 2015 und 2016 fatale Missernten, gut ein Viertel der Bevölkerung ist von der Hungersnot betroffen, der laut Vereinte Nationen schlimmsten seit dreißig Jahren.

          Dann kam noch dieser verhängnisvolle Tag im Oktober 2016. In der Stadt Bishoftu nahe der Hauptstadt Addis Abeba feierte die Volksgruppe der Oromo ihr traditionelles Erntedankfest, und als die Teilnehmer das Fest in eine politische Demonstration verwandelt wollten, schlug die Polizei zu. Nach offiziellen Angaben kamen dabei 52 Menschen uns Leben, inoffiziell liegt die Zahl der Toten bei mehr als 300.

          Dabei war diese Demonstration nur der vorläufige Höhepunkt einer Protestwelle seit vergangenem Jahr, die sich an dem entzündet, was Äthiopien eigentlich als Erfolg zu vermarkten versucht: sein Wirtschaftswachstum. Denn dieses wird mit großen sozialen Verwerfungen erkauft, wobei im Mittelpunkt immer und überall die Landfrage steht.

          Um Platz zu schaffen für die Agrarkonzerne, werden die Bauern zwangsumgesiedelt. Als Entschädigung zahlt der Staat 1,5 Birr (umgerechnet etwa 5 Euro-Cent) je Hektar. Dasselbe Land wird anschließend für 20.000 Birr (800 Euro) an einen Ausländer verpachtet. In Oromo haben die Menschen seither das Gefühl, sie werden für dumm verkauft. Ihre Forderungen gehen deshalb weit über die Landfrage hinaus. Inzwischen fordern sie Neuwahlen und eine echte Demokratie.

          Regierung reagiert mit Gewalt

          Seit den bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Oktober stehen die meisten ausländischen Unternehmen unter Polizeischutz. Die Regierung hat den Notstand ausgerufen und Ausgangssperren verhängt. Die Baustelle des Renaissance-Staudamms am Oberlauf des Blauen Nils, mit dem Äthiopien sein Energieproblem lösen will, ist zu militärischem Sperrgebiet erklärt geworden.

          Mehr als 2000 Menschen sind seit November 2015 bei regierungsfeindlichen Demonstrationen ums Leben gekommen. Dennoch kann von einem Einlenken der Regierung keine Rede sein. Ministerpräsident Hailemariam Desalegn und sein Kabinett glauben vielmehr, das „Problem“ mit Gewalt aus der Welt schaffen zu können.

          Keuleman will bleiben

          Dabei sind es nicht nur die Oromo, immerhin die größte Volksgruppe, die sich gegen das Regime auflehnen. Die Amharen haben sich dem Protest angeschlossen, und bei den Somaliern in der Region Ogaden köchelt es ebenfalls. Die Proteste haben ein Ausmaß angenommen, das die Existenz des ethnisch organisierten Föderalismus in Äthiopien gefährdet.

          Marc Keulemans will über einen Weggang aus Äthiopien lieber nicht nachdenken. 10 Millionen Euro hat er in seine Blumenzucht investiert. Das Geld wäre verloren. Er glaubt, dass sein Betrieb nur deshalb nicht zerstört wurde, weil er in den zwölf zurückliegenden Jahren viel getan hat für das nahe Dorf. „Eine Wasserleitung gebaut, den Boden der Schule zementiert, den Generator repariert, solche Dinge“, zählt Keulemans auf.

          Aber würde er noch einmal 10 Millionen Euro in Äthiopien investieren? Der Niederländer wiegt den Kopf. Er weiß, dass jedes seiner Worte von der allgegenwärtigen äthiopischen Stasi notiert und gemeldet wird. „Was hier gerade passiert, ist nicht sehr hilfreich“, sagt er schließlich.

          Quelle: F.A.Z.

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