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Umstrittener Bestsellerautor : Der Provokateur

Thorsten Schulte ist Vorsitzender des Vereins „Pro Bargeld“, Ex-CDU-Mitglied, AfD-Sympathisant, Vermögensberater, gefeuerter Deutsch-Banker, Bestsellerautor Bild: Frank Röth

Der ehemalige Banker Thorsten Schulte hat sich die Wut auf Angela Merkel und Mario Draghi von der Seele geschrieben. Das Buch des AfD-Sympathisanten ist ein Bestseller – obwohl der Handel es boykottiert. Oder gerade deswegen?

          Thorsten Schulte darf sich als Geächteter fühlen. Das passiert Bestseller-Autoren selten. Normalerweise werden solche Leute hofiert, ihr Werk erhält den prominentesten Platz im Buchladen, auf dass die Kassen klingeln. Im Fall von Schulte ist alles anders. "Kontrollverlust", so heißt sein Buch, fehlt in der Auslage der meisten Buchhändler. Erst auf hartnäckige Nachfrage wird es für den Kunden bestellt, gerade so, als handle es sich um heiße Ware. "Diesen Artikel präsentieren wir nicht", hat ein Thalia-Händler in Hamburg auf ein Blatt Papier geschrieben, das statt des Buches im Regal mit den Bestsellern steht.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Warum dieser Boykott? Was hat der Autor verbrochen? Steht sein Buch etwa auf einem Index? Nein, nichts dergleichen. Der Verfassungsschutz wird nichts juristisch Verwertbares auf den 288 Seiten finden. Das Buch ist nicht verboten, allenfalls politisch provokant (das glauben die Fans) oder inhaltlich missraten, das sagt der Rest. Dem Handel genügt der Verdacht, Schulte sei irgendwie rechts, sein Verlag dubios, um das Buch zu sabotieren.

          Tatsächlich schreibt er, was AfD-Anhänger gerne lesen, aber auch was CDU/CSU-Leute so schon formuliert haben. In Flüchtlings- wie Euro-Krise sei geltendes Recht gebrochen worden, lautet Schultes These. Der Maastricht-Vertrag sieht vor, dass kein Pleiteland von anderen Staaten rausgepaukt wird. Dublin steht dafür, dass Flüchtlinge in demjenigen EU-Staat aufgenommen werden, wo sie europäischen Boden betreten. Beide Male wurde gegen die Paragraphen verstoßen, sagt Schulte. "Staatsversagen" ist der Kampfbegriff aller Merkel-Gegner in- und außerhalb der Union, Schulte spricht von Organversagen: "Und das Organ heißt Angela Merkel."

          „Fassungslose“ Wut

          Der Mann, von Haus aus Finanzexperte, steigert sich in eine "fassungslose" Wut über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, empört sich über die Nullzinspolitik von EZB-Präsident Mario Draghi. Außerdem kämpft er gegen die Abschaffung des Bargelds, für mehr direkte Demokratie und für die Freiheit, auch in Deutschland Waffen tragen zu dürfen. Aufrufe zur Gewalt finden sich nirgendwo, so wenig wie völkisches, rechtsextremes Gedankengut.

          Wie auch? Thorsten Schulte, ein gelernter Banker, entstammt der Mitte der Gesellschaft. In seinem früheren Leben war der Mann braves CDU-Mitglied. 26 Jahre verbringt er im Schoß der Partei, angelt sich Ämter in der Kommunalpolitik, stellt sich in seiner Heimatstadt Hamm mit Lautsprecher in die Fußgängerzone, macht vor Ort Wahlkampf für Laurenz Meyer, seinen Förderer, den damaligen CDU-Generalsekretär, den er bisweilen in die Hauptstadt begleitet: "Ich ging in der CDU-Zentrale ein und aus", behauptet Schulte, heute Mitte 40 und noch immer ein jugendlicher Typ: Jeans, Sakko, weißes Hemd, das kurze Haar stichelig hochgegelt.

          Mit 14 Jahren ist er in die Junge Union eingetreten, Helmut Kohl regiert damals in Bonn. Als der Bundeskanzler den europäischen Binnenmarkt vollendet, fährt Schulte mit seinen JU-Kumpels nach Brüssel, Silvester 1992/93 war das, um das historische Ereignis zu feiern. Er erzählt die Anekdote, um ein für alle Mal klarzustellen: "Seht her, ich bin ein guter Europäer, weit weg vom Nationalismus."

          Nicht er hat sich radikalisiert, so sieht Thorsten Schulte das, sondern die Union hat ihre Werte verraten. Seine Liebe zur Partei wich einem Hass auf die Kanzlerin. "Merkel muss weg" ist die Melodie hinter all seinem Reden, die Kanzlerin wird darin zur Karikatur eines ehemaligen FDJ-Mädchens, das die CDU gekapert hat, um auf dem Boden der Bundesrepublik eine "DDR 2.0" zu errichten. Diese These hat Schulte nicht exklusiv. Er greift auf die einschlägige Schmäh-Literatur zurück, stützt sich auf die Frustrierten und Verfemten in der CDU. Würde die Kanzlerin "morgen in die Wüste geschickt", prophezeit er, "würden viele Enttäuschte zur Union zurückkehren". Er wohl nicht, dafür ist zu viel passiert in der Zwischenzeit.

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