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Alice Weidel im Porträt : Alternative zu Höcke

  • -Aktualisiert am

„So schön kann Deutschland sein“

Das Treffen findet in einem Hotel über dem Städtchen statt. Weidel will nicht, dass bekannt wird, wo und wie sie wohnt. Dafür sei ihr das Privatleben zu wichtig, dafür nehme sie auch die Drohungen der Antifa gegen die AfD zu ernst. Die Terrasse bietet einen phänomenalen Blick auf den See. Es ist stürmisch an diesem Tag, aber hin und wieder stechen Sonnenstrahlen durch die Wolken, und dann funkelt das Wasser. „So schön kann Deutschland sein“, sagt Weidel.

Die meisten Ökonomen haben die AfD verlassen, Weidel ist jedoch geblieben.

Also, warum AfD? „Ich will mir später nicht vorwerfen, dass ich es nicht probiert habe“, sagt sie. „Ich mache das auch für meine Kinder.“ Die Politikerin hat zwei Söhne, vier Jahre und drei Monate alt, die sie gemeinsam mit ihrer Partnerin großzieht, einer Schweizer Film- und Fernsehproduzentin. Auch Weidels Privatleben ist weit weg vom Mainstream der AfD.

Und was ist dieses „es“, das sie probiert haben will? Sie lehnt sich vor und faltet die Hände. „Ich habe eine sehr feste Überzeugung“, sagt sie und macht eine Kunstpause. „Wenn es die AfD nicht schafft, irgendwann Regierungsverantwortung zu übernehmen, dann wird es dieses Land nicht schaffen.“

Von Goldman Sachs zur AfD

Weidel hat das, was man ein Leben vor der Politik nennt. Als jüngstes von drei Kindern eines Handelsvertreters und einer Hausfrau wächst sie in der Nähe von Gütersloh auf. Nach dem Abitur studiert sie Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre in Bayreuth. Sie arbeitet für Goldman Sachs, dann im Vorstandsbüro von Allianz Global Investors und später in verschiedenen Start-ups. Heute ist sie selbständige Unternehmensberaterin. Das kann natürlich alles und nichts heißen. „Ich male keine Folien voll“, erklärt sie. Sondern? „Ich komme rein, wenn eine Firma schon Geld hat und skalieren will. Dann baue ich in wenigen Wochen Strukturen auf, mit Personal, und helfe bei der Planung der nächsten Finanzierungsrunde.“

2011 promoviert sie, summa cum laude, über Chinas Rentensystem. Die Arbeit betreut Peter Oberender. Der 2015 verstorbene Volkswirt prägt ihr ordnungspolitisches Weltbild. Oberenders wichtigste Lehre, sagt Weidel, sei diese gewesen: Märkte funktionieren, aber sie brauchen starke Institutionen. Oder knapper: Wenn es nur wenige Regeln geben soll, müssen diese unter allen Umständen eingehalten werden. Womit wir wieder bei der Politik sind.

Die meisten Ökonomen sind wieder weg

„Das Ausmaß, in dem die europäischen Länder, angeführt von der Bundesregierung, Rechts- und Regeltreue vermissen lassen, ist atemberaubend“, sagt Weidel. Ihr Doktorvater sah das ähnlich. Als sich vor der jüngsten Bundestagswahl die „Wahlalternative 2013“ bildet, der Vorläufer der AfD, gehört er, wie viele Ökonomen, zum Kreis der Unterstützer. Weidel sagt, sie habe seinen Namen damals auf der Liste entdeckt. „Da wusste ich: Hier bist du richtig.“

Ist sie das noch? Die meisten Ökonomen sind wieder weg, vergrault durch Machtkämpfe, angeekelt vom Tonfall der Radikalen. Weidel ist geblieben. „Ich bin von unserem Programm überzeugt“, sagt sie. Und von den Parteifreunden? Von der Gruppierung namens „Der Flügel“, dem Sammelbecken der Systembekämpfer? Hat sie schon mal über den Absprung nachgedacht? Weidel lächelt. „Für wie doof halten Sie mich?“, sagt ihr Blick. Sie sagt: „Wir müssen aufhören, öffentlich über die Probleme der Partei zu sprechen. Professionell zu sein heißt nicht nur, Gremienbeschlüsse zu akzeptieren. Vertraulichkeit und Disziplin gehören auch dazu.“ Andernfalls drohe die „Republikanerfalle“. Von der 34 Jahre alten Partei, die einst ausgezogen war, um die Union das Fürchten zu lehren, ist heute nur noch eine Hülle da.

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