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Zulassungsverfahren : Ärzte verlangen mehr Studienplätze in Humanmedizin

Tod und Rettung liegen im OP-Saal eng beieinander. Bild: LAIF

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts fordert die Ärzteschaft mehr Studienplätze für Humanmedizin. Doch die Politik hat bei der Umsetzung ihre ganz eigenen Bedingungen im Sinn.

          Die Ärzteschaft will das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Reform des Zulassungsverfahrens bis Ende 2019 auch dazu nutzen um weitreichende Forderungen nach mehr Studienplätzen für Humanmedizin durchzusetzen. „Nun kommt es darauf an, dass die Länder endlich tätig werden und mehr Studienplätze schaffen“, sagt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Die Zahl der Studienplätze müsse „um mindestens zehn Prozent“ auf dann 10.000 steigen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Unterstützt wurde er von der Krankenhausärztegewerkschaft Marburger Bund. Viele geeignete Bewerber würden an der Aufnahme ihres Wunschstudiums gehindert, sagte der Vorsitzende Rudolf Henke. Zehn Prozent mehr Studienplätze seien versorgungspolitisch geboten, weil der Ersatzbedarf an Ärzten wachse, denn die Babyboomer-Generation gehe in den nächsten zehn bis 15 Jahren aus dem Beruf.

          Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Andreas Gassen plädierte für eine „moderate Erhöhung“. Da die aber frühestens in zehn bis 15 Jahren der Versorgung zugute komme, helfe das nicht auf kurze Frist der kommenden Jahre. Der Chef des Hartmannbundes Klaus Reinhardt sagte: „5000 Studienplätze weniger als zu Zeiten der Wiedervereinigung sprechen eine klare Sprache – besonders vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung.“ Der Handlungsbedarf sei überdeutlich. Aus der Bundespolitik kommt indessen Gegenwind: „Wer jetzt aber pauschal mehr Geld vom Bund für neue Medizinstudienplätze verlangt, liegt falsch“, sagte der bildungspolitische Sprecher der Unions-Fraktion Albert Rupprecht.

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          Bund unterstützt Länder wie nie zuvor

          Der Bund unterstütze die Länder wie nie zuvor und investiere alleine im Hochschulpakt 2020 mehr als 20 Milliarden Euro für zusätzliche Studienplätze, sagte Rupprecht. Dass die Länder die Herausforderung aus eigener Kraft stemmen könnten, zeige Bayern mit der Neugründung einer medizinischen Fakultät in Augsburg. Auch die CDU/FDP-Regierung in Nordrhein-Westfalen will zusätzliche Studienplätze in Humanmedizin schaffen. Der „Masterplan 2020“ von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zur Reform des Medizinstudiums hatte mehr Studienplätze vorgesehen – die aber die Länder bezahlen müssten.

          Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sagte, das Verfassungsgericht habe „den Weg dafür frei gemacht, dass wir zukünftig mehr Ärzte für die Versorgung der Patienten gewinnen können“. Die Zulassung zum Studium müsse sich an der Eignung dafür und Anforderungen an ärztliche Tätigkeiten orientieren. Die hausärztliche Versorgung auf dem Land müsse sichergestellt werden. Bayern wolle die Landarztquote einführen. „Damit sollen bis zu fünf Prozent aller Medizinstudienplätze im Freistaat für Studierende vorgehalten werden, die sich verbindlich bereit erklären, später als Hausarzt in Regionen zu arbeiten, die bereits hausärztlich unterversorgt sind oder von Unterversorgung bedroht sind.“

          Ärzte lehnen Lockangebote ab

          Solche Lockangebote lehnen die Ärzte ab. „Wir brauchen mehr Studienplätze, aber ohne Bedingungen“, sagte KBV-Chef Gassen. Zulassungsvoraussetzungen, die an weit in die Zukunft reichende Zusagen gebunden seien, gebe es auch in anderen Studiengängen nicht. Auch die Krankenhausärzte halten davon nichts.

          Die Zahl der berufstätigen Ärzte ist in Deutschland nach Zahlen der Bundesärztekammer so hoch wie nie zuvor. Ende 2016 waren 378.607 Ärzte als berufstätig gemeldet – 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, waren es 237.750. Auf jeden Arzt kommen damit 217 Einwohner, 1960 waren es 786. Der Zuwachs schlägt sich in allen Bereichen nieder. So stieg seit 1990 die Zahl ambulant tätiger Ärzte von 92.300 auf 152.000, in den Kliniken legte die Zahl von 118.000 auf 194.400 zu. Weitere 32.200 Ärzte arbeiten in „anderen Bereichen“ wie dem öffentlichen oder betrieblichen Gesundheitswesen, 1990 waren es 27.400. Mehr als verdoppelt hat sich die Zahl jener ausgebildeten Mediziner „ohne ärztliche Tätigkeit“. Waren dies im Jahr der Wiedervereinigung noch 51.400, so verzeichnete die Statistik im vergangenen Jahr bereits 117.700.

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