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Ablesedienste : Der Ärger der Mieter ist berechtigt

Ablesedienste könnten für den Verbraucher bald günstiger werden. Bild: dpa

Viele fühlen sich von den Heizkostenablesern geschröpft. Das Kartellamt moniert jetzt die Marktmacht der Anbieter – und will, dass der Gesetzgeber handelt.

          Mieter und Eigentümer kennen die Zettel an der Haustür: Ableser kündigen einmal im Jahr Besuch an, um den Heizmittelverbrauch zu erfassen, meist sind es die Unternehmen Techem oder Ista. Das Bundeskartellamt fordert nach einer Analyse der Branche nun den Gesetzgeber auf, für mehr Wettbewerb zu sorgen und damit mieterfreundlicher zu werden.

          Klaus Max  Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Nach den Erkenntnissen der Sektoruntersuchung ist davon auszugehen, dass hier ein wettbewerbsloses Oligopol vorliegt, dem zumindest die beiden Marktführer, möglicherweise aber auch weitere der größten fünf Anbieter angehören“, schreibt das Amt in seinem Bericht. Kritisch bewertet es auch, dass der Mieter zwar zahlt, aber nicht über die Preise verhandeln kann.

          Die Bonner Behörde veröffentlichte am Donnerstag den Befund der Sektoruntersuchung, welche sie 2015 nach mehreren Berichten der F.A.Z. und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Gebaren der Branche eingeleitet hatte. „Eine Belebung des Wettbewerbs kann im Ergebnis dazu führen, dass die Verbraucher weniger bezahlen müssen. Wir haben dazu in unserem Bericht Vorschläge für gesetzliche Maßnahmen formuliert“, teilte Mundt mit. „Außerdem behalten wir uns vor, marktabschottende Verhaltensweisen der Anbieter genauer zu prüfen.“

          „Die Preissensibiltät der Auftraggeber ist nur schwach ausgeprägt“

          Die Ablesedienste erfassen in Mehrparteienhäusern den Heizenergie- und oft auch den Wasserverbrauch je Wohnung. Diese „Submetering“-Branche steht aus mehreren Gründen in der Kritik: Zum einen beherrschen in Deutschland wenige Anbieter den Markt. Zum anderen können die Ableser die schwache Position jener ausnutzen, die am Ende zahlen. Denn die Gesellschaften verhandeln mit dem Vermieter oder Hausverwalter – die können sich das Geld von den Bewohnern zurückholen. Drittens wird der Wechsel von einem Anbieter zum anderen teilweise mit technischen Mitteln erschwert.

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          Das Kartellamt ging auf alle Punkte ein. Nach seiner Erhebung erzielten im Jahr 2014 Ista und Techem hierzulande zusammen 50 bis 60 Prozent des Branchenumsatzes, die größten fünf Anbieter 70 bis 80 Prozent. Auch das Dreiecksverhältnis in der Geschäftsbeziehung wird beleuchtet. „Es ist ein Grundproblem, dass die Kosten für das Ablesen in der Regel vom Mieter getragen werden, die Auswahl und die Beauftragung des Ablesedienstes hingegen der Vermieter trifft“, sagte Mundt.

          „Die Preissensibiltät der Auftraggeber ist nur schwach ausgeprägt“, heißt es. „Wollte man die hieraus resultierenden Hindernisse für mehr Wettbewerb vollständig abbauen, müsste man dieses Dreiecksverhältnis als solches in Frage stellen und die Kosten für das Submetering dem Auftraggeber des Submetering-Unternehmens auferlegen.“

          1,47 Milliarden Euro Umsatz

          Schließlich bauten die Unternehmen Kunden Hürden für den Anbieterwechsel auf, weil sie jeweils spezifische Ablesegeräte verwendeten, befinden die Wettbewerbshüter: „Der Einsatz proprietärer Zählersysteme, die nicht mit Zählersystemen von Wettbewerbern kompatibel sind, ist aus wettbewerblicher Sicht kritisch zu bewerten.“ Weiterhin werde der Wettbewerb durch die langen tatsächlichen Vertragslaufzeiten gehemmt, die etwa durch unterschiedliche Eichfristen entstünden.

          Einen bisher kaum beachteten Aspekt nennt das Kartellamt in dem 75 Seiten starken Bericht auch noch: „Bei Techem und Ista bestehen – im weiteren Sinne – Verflechtungen mit anderen Unternehmen.“ Beispiel: Die Immobilienfirma LEG sei im Beirat von Techem vertreten.

          Die Branche erzielte den Angaben zufolge 2014 in Deutschland rund 1,47 Milliarden Euro Umsatz, im Schnitt jährlich 74 Euro je Wohneinheit. Branchenkenner sehen das als einen Vorteil für die Anbieter: Kaum ein Mieter geht wegen solcher Beträge auf die Barrikaden – aber die Masse macht das Geschäft. „Die Renditen der Submetering-Unternehmen sind verhältnismäßig hoch“, so das Kartellamt. Dem Gesetzgeber empfiehlt die Behörde nun, Zähler kompatibel zu machen, Eichfristen zu vereinheitlichen und mehr Transparenz für die Wohnungsmieter zu schaffen. Geschieht nicht genug, will sie selbst einschreiten.

          Techem will sich mit Befunden auseinandersetzen

          Pikant: Die Eigentümer von Techem und Ista, in beiden Fällen Finanzinvestoren, haben die Unternehmen zum Verkauf vorbereitet und dafür schon Investmentbanken mandatiert. Sie wollten aber, wie zu hören war, erst den Ausgang der Sektoruntersuchung abwarten.

          Die könnte nun auf den Preis schlagen. Denn Kaufinteressenten dürften geltend machen, dass gesetzliche Maßnahmen drohen, die den Wettbewerb erhöhen und damit die Margen beeinträchtigen könnten. Soeben ist der Zählerhersteller Qundis an eine Investorengruppe um die Ablesefirma Kalorimeta verkauft worden. Auch der Anbieter Landis+Gyr soll zum Verkauf stehen.

          Techem kündigte am Donnerstag an, sich ernsthaft mit den Befunden des Bundeskartellamts auseinanderzusetzen. Ista sprach von „Anregungen für eine noch verbraucherfreundlichere Ausgestaltung des Marktes“.

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