08.07.2011 · 83.000 Deutsche arbeiten in Österreich. Sie sind die zweitgrößte Einwanderergruppe auf dem Arbeitsmarkt. In zehn Jahren hat sich ihre Zahl vervierfacht. Österreich lockt mit einer Arbeitslosenquote von nur vier Prozent.
Von Michaela Seiser, WienWer in Thomas Hädickes Arbeitszimmer kommt, sieht gleich die schwarzrotgoldene Fahne. Es ist eine Erinnerung an seine Heimat. Seit zehn Jahren lebt Hädicke in Österreich und arbeitet im drittgrößten Geldhaus des Landes, der Raiffeisen Zentralbank (RZB), als Leiter der Abteilung Kreditkonsortialgeschäft. „Es war für mich eine Herausforderung, das k.u.k.Terrain zu bearbeiten“, sagt der Wahlösterreicher. Der 36 Jahre alte gebürtige Magdeburger hatte zuvor bei der Bankgesellschaft Berlin gearbeitet - und eine Chance gesucht, sein Betätigungsfeld nach Osteuropa auszuweiten. Die Perspektiven dafür seien in Österreich besser als in Deutschland, weil viele österreichische Unternehmen seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in den noch jungen osteuropäischen Marktwirtschaften engagiert sind.
Hädicke hat seinen deutschen Akzent mittlerweile deutlich abgeschliffen und sich schnell an die österreichische Art gewöhnt. „Die Österreicher haben eine Mischung aus deutscher Gründlichkeit und südländischem Laissez-faire“, findet er. Man sei weniger direkt im Umgang. Wenn es in Deutschland ja oder nein heiße, werde daraus in der den Österreichern eigenen Kompromisssucht ein Jein.
Was darunter zu verstehen ist, weiß Jockel Weichert. Der gebürtige Schwabe hat sich in Österreich mit einer Presse- und Marketingagentur selbständig gemacht. Anlässlich der Fußball EM 2008 gründete er für zugezogene Deutsche die Vereinigung Piefke Connection Austria, die sich als Austausch- und Veranstaltungs-Plattform versteht. Ideengeber und Namenspate sei die schwäbische „Spätzle-Connection“ in Berlin gewesen. Weichert empfiehlt seinen Landsleuten: „Keine Schlaubergereien mit hochdeutschem Akzent. Man muss aufpassen, wie man formuliert, damit es nicht zu zackig und befehlsartig rüberkommt.“ Am Anfang hat der Deutsche wenig verstanden von dem Deutsch, das in Österreich gesprochen wird. Inzwischen hat er sich an vieles gewöhnt - an manches aber bis heute nicht. Auch hat er so manche Ressentiments gegen seine Landsleute erlebt. Positiv sei, dass in Österreich Weihnachts- und Urlaubsgeld in den meisten Tarifverträgen verpflichtend sind und jeweils einem Monatsgehalt entsprechen.
„Wir nehmen die Deutschen mit offenen Armen auf“
Hädicke und Weichert gehören zu den rund 83.000 deutschen Arbeitnehmern in Österreich. Ihre Anzahl hat sich in der vergangen Dekade beinahe vervierfacht. Deutsche bilden mittlerweile die zweitgrößte Gruppe unter den insgesamt 487.000 ausländischen Beschäftigten, die der Hauptverband der Sozialversicherungsträger erfasst. Vor ihnen rangieren Arbeitnehmer aus dem ehemaligen Jugoslawien. Inzwischen arbeiten Deutsche in Österreich in allen Branchen - Mitte des vergangenen Jahrzehnts waren hier noch vor allem ostdeutsche Gastarbeiter in Tourismusberufen tätig. Zwar arbeiteten auch Ende Mai noch mehr als 9000 Deutsche im Tourismus. Doch verdienten auch mehr als 11 000 Deutsche ihren Lebensunterhalt im Handel, mehr als 5000 arbeiteten in der Baubranche und rund 4000 im Bildungsbereich. „Wir nehmen die Deutschen mit offenen Armen auf“, sagt Christoph Leitl, Präsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Leitl beschreibt die deutschen Einwanderer als tüchtig, fröhlich und herzlich.
Der Ökonom Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien (IHS) lobt die Qualifikation der Deutschen in Österreich, die besser sei als die des durchschnittlichen Inländers. Sie füllen aber nicht nur Lücken auf dem angespannten Arbeitsmarkt, der mit einer Erwerbslosenquote von gut 4 Prozent im internationalen Vergleich gut abschneidet. Auch Studenten, vor allem Numerus-clausus-Flüchtlinge, zieht es in das südliche Nachbarland. Und für deutsche Unternehmen ist Österreich schon lange ein attraktiver Investitionsstandort. Deutsche Investoren stellen nach Angaben der Österreichischen Nationalbank (OeNB) mehr als ein Viertel der ausländischen Direktinvestitionen. Rund 5000 Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen und Gesellschaften mit deutscher Mehrheitsbeteiligung zählt die Deutsche Handelskammer in Österreich. Deren Geschäftsführer Thomas Gindele beobachtet ein ungebrochen starkes Interesse deutscher Investoren. Seit Beginn des vergangenen Jahres seien die Anfragen für Vertriebsniederlassungen um fast ein Fünftel gestiegen, sagt Gindele.
Als Standortvorteil erweise sich vor allem das im Vergleich zu Deutschland flexible Arbeitsrecht. In Österreich gibt es nur einen eingeschränkten Kündigungsschutz. Das führt dazu, dass Arbeitgeber bei guter Konjunktur schneller einstellen. Denn Unternehmen wissen, dass aufgebaute Kapazitäten auch wieder leicht abzubauen sind. Zudem profitiere der Standort von verlässlichen Rahmenbedingungen und Fördermaßnahmen für Forschung und Entwicklung. Kritisch sieht Gindele den Facharbeitermangel und Defizite im Bildungswesen: „Wenn nicht Maßnahmen getroffen werden, um diesen Engpass zu bekämpfen, sind weitere Produktionsverlagerungen aus Deutschland schwierig.“ Österreichs Regierung will das Problem durch ein Zuwanderungsgesetz lösen. Mit dem Inkrafttreten der sogenannten Rot-Weiß-Rot-Card im Juli 2011 soll der Zuzug von Bürgern aus Nicht-EU-Ländern nach einem Punktesystem gesteuert werden statt über Quoten. Wer die Karte erhält, hat das Recht auf Aufenthalt und auf Arbeitsmarktzugang. Entscheidend für das Punktesystem sind Kriterien wie berufliche Qualifikation, Sprachkenntnisse und Alter.
Hohe Abgabenlast
Nicht alles ist Gold in Österreich. So zeigte der Pisa-Test Defizite des Nachwuchses beim Lesen. Mehr als jeder vierte Jugendliche gehört dem Test zufolge zur Gruppe der „Risikoschüler“, die nicht sinnerfassend lesen können. Beobachter sprechen von einer heranwachsenden Schicht von Analphabeten - und das, obwohl sich Österreich eines der teuersten Schulsysteme der Welt leistet. Für die österreichischen Betriebe ist das ein Problem, denn sie finden zu wenig qualifizierten Nachwuchs. Besonders betroffen ist das Bundesland Wien: Mehr als zwei Drittel der Unternehmen klagen dort über Schwierigkeiten bei der Suche nach ausreichend qualifizierten Schulabgängern.
Als nachteilig bewertet Gindele außerdem die hohe Abgabenlast, die mit gut 44 Prozent deutlich höher ausfällt als in anderen Euroländern. Angesichts der Schieflage im Staatshaushalt dürfte diese nicht so rasch fallen. Inzwischen beläuft sich die Staatsverschuldung Österreichs auf fast drei Viertel der Wirtschaftsleistung, das Haushaltsdefizit betrug im vergangenen Jahr 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit schneidet die kleine Volkswirtschaft zwar besser ab als der gesamte Euroraum. Doch der Trend ist negativ: Es ist der höchste Fehlbetrag seit 15 Jahren.
Auffällig ist, dass inzwischen fast der halbe Bundeshaushalt für Renten und Zinsen verwendet wird. „Über 40 Prozent des Budgets wandern dorthin, nur ein Viertel geben wir für die Zukunft - Bildung, Forschung, Infrastruktur - aus“, kritisiert Veit Sorger, Präsident der Industriellenvereinigung.
Und ab heute
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 08.07.2011, 19:04 Uhr
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2369 | 0,00% |
| Rohöl Brent Crude | 103,03 $ | −0,21% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
Anonym bewerben? Ist das gut?