http://www.faz.net/-gqe-91rfm

Leben wir gerne in Deutschland?

Foto: dpa, Anna Steiner

Leben wir gerne in Deutschland?

Foto: dpa, Anna Steiner

22.09.2017 · Deutschland ist das Land, in dem wir gut und gerne leben. Wirklich? Anna Steiner ist quer durch die Republik gefahren und hat die Leute gefragt.

W ahlkampf hatte selten so wenig mit Kampf zu tun. Vielleicht liegt es an zwölf Jahren CDU-geführter Regierung oder an der Tatsache, dass ich mit 28 Jahren einer jüngeren Generation als die meisten Wähler angehöre, doch selten erschien mir ein Wahlkampf so inhaltsleer. Die Euro-Krise scheint bewältigt, die Flüchtlingskrise ebenso. Mit dem Atomausstieg hat man vermeintlich sein Umweltgewissen beruhigt, und die Arbeitslosenzahlen sind niedrig wie lange nicht. Wofür sich also begeistern, worüber sich aufregen?

Auf der B1 von West nach Ost Video: F.A.Z.

Ich entschließe mich zu einer Reise durch Deutschland, um mich umzuhören, ob es uns wirklich so gutgeht, wie die Kanzlerin behauptet: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, heißt es auf ihren Wahlplakaten. Die Bundesstraße 1 bietet sich an, sie führt von Grenze zu Grenze – vom Westen in den Osten. Auf der folgenden Karte erfahren Sie durch Klicken auf die Icons, wem wir auf der Reise begegnen werden.

+Foto: Anna SteinerPaderborn+Foto: Anna SteinerHameln+Foto: Anna SteinerMagdeburg+Foto: Anna SteinerKüstrin+Foto: Anna SteinerGarzweilerFoto: Anna SteinerPotsdam

In Potsdam treffen wir den Erfinder Tristan August und seine Partnerin Julia.

Foto: Anna SteinerMorsleben

Im Endlager Morsleben treffen wir auf den Bergmann Peter Osbelt.

Foto: Anna SteinerHildesheim

In Hildesheim treffen wir den Softwareingenieur Luca Fabritz.

Foto: Anna SteinerDortmund

In Dortmund treffen wir die Jusos-Vorsitzende Indra Paas.

Foto: Anna SteinerDüsseldorf

In Düsseldorf treffen wir den Brauereimeister Michael Schnitzler.

Foto: Anna SteinerAachen

In Aachen treffen wir Rachel und Benjamin auf einem Weinfest.

Eine Route quer durch Deutschland, von Westen nach Osten Karte: F.A.Z. Siebel
+Foto: Anna SteinerMagdeburg+Foto: Anna SteinerHameln+Foto: Anna SteinerPaderborn+Foto: Anna SteinerKüstrin+Foto: Anna SteinerGarzweilerFoto: Anna SteinerPotsdam

In Potsdam treffen wir den Erfinder Tristan August und seine Partnerin Julia.

Foto: Anna SteinerMorsleben

Im Endlager Morsleben treffen wir auf den Bergmann Peter Osbelt.

Foto: Anna SteinerHildesheim

In Hildesheim treffen wir den Softwareingenieur Luca Fabritz.

Foto: Anna SteinerDortmund

In Dortmund treffen wir die Jusos-Vorsitzende Indra Paas.

Foto: Anna SteinerDüsseldorf

In Düsseldorf treffen wir den Brauereimeister Michael Schnitzler.

Foto: Anna SteinerAachen

In Aachen treffen wir Rachel und Benjamin auf einem Weinfest.

Eine Route quer durch Deutschland, von Westen nach Osten Karte: F.A.Z. Siebel

In den nächsten sechs Tagen werde ich mehr als 800 Kilometer fahren, zwanzig Städte besuchen und unzählige Gespräche führen. Ich werde reiche und arme Menschen besuchen, ich werde mir ein Atommülllager anschauen, mich mit einem Obdachlosen ebenso wie mit einem AfD-Jungpolitiker unterhalten, politische und unpolitische Vertreter meiner Generation treffen. Bei meiner Visite werde ich sie alle fragen: „Geht es uns gut?“ Und genau zuhören.


Nächstes Kapitel:

Alles joot!


Karte: F.A.Z. Siebel

Karte: F.A.Z. Siebel

M eine Reise beginnt da, wo mein Navigationssystem aufhört: an der niederländischen Grenze in Aachen. Natürlich gibt es keinen Schlagbaum mehr. Nur ein unscheinbares, blaues Schild erinnert daran, dass hier die Bundesrepublik beginnt. Noch immer üben offene Ländergrenzen eine Faszination auf mich aus – obwohl ich es als Endzwanzigerin kaum anders kennengelernt habe. Dass in Europa ein Schritt genügt, um das Land zu wechseln, ganz ohne Bürokratie und ohne Pass, beeindruckt mich.

Die Bundesstraße 1 erstreckt sich von der niederländischen Grenze bei Aachen im Westen bis zur polnischen Grenze in Küstriner Vorland an der Oder im Osten. Foto: Anna Steiner

Meine erste Station ist Aachen. Zwischen Dom und historischem Rathaus findet gerade ein Weinfest statt. Hunderte Menschen drängen sich zwischen den Zelten und trinken Riesling. Ich geselle mich zu einem Paar an einen der Tische. Beide sind etwa in meinem Alter. Er wirkt mit dem Jackett über seinem karierten Hemd etwas zu förmlich für ein Weinfest. Aber das Treffen kam auch spontan zustande. Benjamin und Rachel haben sich seit acht Jahren nicht gesehen. Sie haben sich einst im Tanzkurs kennengelernt und dann aus den Augen verloren. „Kontakt hatten wir alle paar Monate mal über Facebook“, erzählt Rachel. Mehr war nicht drin. Zu oft waren die beiden unterwegs, zu sehr beschäftigt. Er ist Jurist und arbeitet viel, sie zog fürs Studium weg und kam erst vor wenigen Wochen zurück. Schnell kommen wir auf die Wahl zu sprechen – und die Rolle unserer Generation. Sind wir wirklich so unpolitisch, wie gerne behauptet wird? Wir haben nicht die großen Studentenproteste wie in den Sechzigern initiiert, und auch die grüne Welle der achtziger Jahre ist an uns vorbeigerauscht. „Unsere Generation ist aber nicht politikverdrossen“, stellt Benjamin klar. Sondern zu bequem. Ein großer Unterschied. „An vielen ist die Erfahrung vorbeigegangen, wie es ist, sich wirklich für eine Sache einzusetzen.“ Es gebe durchaus Themen, die junge Leute interessierten. Eine gesunde Ernährung zum Beispiel, Ängste angesichts einer unsicheren Zukunft oder das kapitalistische System. Aber um etwas zu verändern, dafür fehle vielen der Wille oder die Energie.

Benjamin und Rachel glauben nicht, dass die Generation Y politikverdrossen ist, sondern bequem. Rachel sucht nach Gründen: „Es liegt nicht einmal unbedingt daran, dass wir faul sind. Es ist schwer, Wurzeln zu schlagen und sich festzulegen.“ Foto: Anna Steiner

Rachel sucht nach Gründen: „Wir leben in einer mobilen Welt. Es liegt nicht einmal unbedingt daran, dass wir faul sind. Es ist schwer, Wurzeln zu schlagen und sich festzulegen.“ Daher sei es kein Wunder, dass viele sich erst gar nicht aktiv in Vereine oder gar Parteien einbringen: zu kurz sei die Zeitspanne, die man an einem Ort bleibt. Benjamin bleibt beim Vorwurf der Bequemlichkeit: „In unserer Generation haben viele das Wesentliche von Anfang an in die Wiege gelegt bekommen“, kritisiert er. „Die mussten sich nie Gedanken um etwas machen. Da ist es normal, dass man sich an diesen Zustand gewöhnt.“ Nicht einmal den Wehrdienst gebe es noch. Der habe wenigstens den einen oder anderen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. „Ich finde, jeder sollte nach dem Abitur zumindest einen sozialen Dienst machen müssen – und zwar egal, ob Mann oder Frau.“ Wir müssten wieder lernen, wie es ist, sich für eine Sache starkzumachen und nicht einfach alles geschenkt zu bekommen. „Unsere Generation ist zu sehr auf sich selbst bezogen. Sie versteht manchmal nicht, was Gesellschaft eigentlich bedeutet.“ Nach einem solchen Dienst könne man immer noch von Papas Geld in Singapur studieren gehen und ein Auslandssemester auf Bali dranhängen.

Benjamin wirkt verärgert, dabei erging es ihm selbst nicht viel anders: Nach Abitur und Zivildienst konnte er problemlos studieren, zur Bundeswehr ist er nicht, inzwischen hat er seine Doktorarbeit abgegeben. Ich werde nachdenklich, immerhin fehlte es auch mir während meiner Ausbildung an nichts. Benjamin scheint das zu merken: „Wenn ich an mich selbst denke, muss ich aber zugeben, dass auch ich noch mehr machen könnte.“ Irgendwie waren dann doch immer andere Dinge wichtiger: das Abitur, der Notendurchschnitt, der Studienplatz.

A m nächsten Morgen fahre ich weiter nach Norden. Wenige Kilometer hinter Aachen wird die Bundesstraße 1 unterbrochen. Über 48 Quadratkilometer erstreckt sich hier in Garzweiler der Braunkohletagebau. Im Hintergrund zeichnen sich die rauchenden Türme des Kraftwerks Neurath ab. Die Energiewende scheint hier so weit weg wie selten in Deutschland. Um Garzweiler herum führt mich die B1 durch Neuss bis nach Düsseldorf.

An der Berger Straße, unweit des Rheins, treffe ich auf ein echtes Urgestein. Hier braut man das typische Düsseldorfer Altbier. Ich nehme auf einer Bierbank vor der Brauerei Uerige Platz und mache den Fehler, mir eine Cola zu bestellen. „Hier gibt et nur Bier, Wasser un’ Apfelschorle“, werde ich belehrt. Während „uerig“ aus dem Düsseldorfer Platt kommt und grob übersetzt „mürrisch“ bedeutet, ist Geschäftsführer Michael Schnitzler eine rheinische Frohnatur, leger in Jeans. Schon im zweiten Satz sagt er: „Wir machen hier unser Ding und können gut leben.“ Bei der Besichtigung der Brauerei, die im Anbau direkt neben der Gaststätte liegt, erkundigt er sich hier nach der Familie und dort nach den Rückenschmerzen.

Die Brauerei Uerige in Düsseldorf Foto: Anna Steiner
Die Deutschen konsumieren immer weniger Bier. Waren es 1980 noch 146 Liter pro Kopf und Jahr, sind es 2016 nur noch 104 Liter. Foto: Anna Steiner
Mit neuen Produkten wie einem Weizenbier und seit kurzem dem hauseigenen Whiskey versucht Schnitzler, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Foto: Anna Steiner

Die Gaststätte ist gut besucht, die Zahlen stimmen, sagt Schnitzler. „Obwohl es schon einfacher war, Bier zu verkaufen.“ Denn die Deutschen konsumieren immer weniger. Waren es 1980 noch 146 Liter pro Kopf und Jahr, sind es 2016 nur noch 104 Liter. Mit neuen Produkten wie einem Weizenbier und seit kurzem dem hauseigenen Whiskey versucht Schnitzler, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Das scheint zu funktionieren. „Wir haben keine Expansionsgedanken“, erklärt er. Sein Bier wird überwiegend regional vertrieben und vermarktet, allerdings auch bis nach Amerika exportiert. Also alles gut? „Alles joot“, bestätigt er.

Er sei von Natur aus ein positiver Typ, versichert Schnitzler. „Ich glaube, wir können uns alle glücklich schätzen, dass wir in Deutschland leben.“ Das spiegele sich dann auch in der Annäherung der Parteien wider. Bei einem so hohen Lebensstandard seien die Stellschrauben für die Politik eben klein, die großen inhaltlichen Gegensätze meist aufgelöst. Mit der Bundespolitik habe er es aber ohnehin nicht so. Sicher gebe es Menschen, denen es an allerhand fehle. Man könne die Ungerechtigkeit auch nicht einfach wegdiskutieren. „Aber in der Schule hat ja auch nicht jeder eine Eins“, sinniert Schnitzler. „Und ob das wirklich immer nur am Geldbeutel der Eltern liegt, wage ich zu bezweifeln.“ Die meisten Herausforderungen für ihn und seinen Betrieb fänden sich ohnehin auf kommunaler Ebene. „Ich glaube, bei sich vor der Tür zu kehren ist immer die erste Prämisse – das hat mir mein Vater schon so beigebracht.“

Brauereimeister Michael Schnitzler (rechts), hier mit dem Azubi Moritz Turowski (links) in seiner Brauerei, ist zufrieden: Die Gaststätte ist gut besucht, die Zahlen stimmen. „Obwohl es schon einfacher war, Bier zu verkaufen.“ Foto: Anna Steiner

Michael Schnitzler wägt vieles ab. Im eigenen Unternehmen – immerhin hat der Mittelständler die Verantwortung für über hundert Mitarbeiter –, aber auch in der Politik. Die Extreme seien nicht wählbar. Eine große Koalition will er aber auch nicht mehr, eine starke Opposition sei wichtig. Meinen Unmut angesichts des Wahlkampfs tut er ab: „Ihr jungen Leute seid immer auf Veränderung aus.“ Aber so einfach sei es nicht. Themen, mit denen Rechte und Linke versuchten, die Wähler zu ködern, bildeten oft nur einen Teil des Problems ab. „Die politischen Vertreter mit den griffigen Slogans sagen doch meistens nicht die ganze Wahrheit.“ Politik sei eben nicht das sauberste Geschäft, bedauert der Braumeister, dem Verlässlichkeit und Beständigkeit wichtig sind. „Man braucht eine starke Persönlichkeit, wenn man da wirklich etwas werden will.“

D urch Essen und Bochum fahre ich weiter nach Dortmund. In einem kleinen Café treffe ich Indra Paas. Die 24-Jährige ist seit November vergangenen Jahres Juso-Vorsitzende in Dortmund. Indra ist das Gegenteil von dem, was der Generation Y gerne nachgesagt wird: Politisch und sozial engagiert, kümmert sie sich als Sozialarbeiterin um Flüchtlingsfamilien. „Ich bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen“, erzählt sie. „Politik war beim Abendessen immer ein Thema.“ Mit 14 trat sie in die SPD ein. Überhaupt scheint Indra vieles nicht schnell genug zu gehen. Sie wirkt rastlos, so vieles müsse sich ändern. Ihre rotbraunen Haare zwirbelt sie während unseres Gesprächs um ihre Finger.

Besonders im Wahlkampf investiert sie neben ihrer Vollzeitstelle viele Stunden in die Politik. Ihr Thema: die Gleichstellung. „Männer und Frauen sind immer noch nicht gleichberechtigt“, erklärt sie. „Als Frau kann man nachts nicht allein über die Straße gehen, ohne angemacht zu werden. Außerdem verdienen wir weniger.“ Natürlich sei Deutschland heute viel weiter als noch vor wenigen Jahrzehnten, aber es liege vieles im Argen. Für ihre Position wird sie oft belächelt. „Es gibt immer noch Leute, die meinen, Feministen sind die mit den unrasierten Achseln.“ Indra lacht. Bemerkenswert: Sie ist die erste weibliche Vorsitzende der Jusos in Dortmund. „Das zeigt, dass es in der Politik noch strukturelle Probleme gibt.“ Den Politikersprech hat sie auf jeden Fall schon drauf.

Jusos-Vorsitzende Indra Paas investiert viel Zeit in die Politk. Ihr Thema: die Gleichstellung. „Männer und Frauen sind immer noch nicht gleichberechtigt“, erklärt sie. Foto: Anna Steiner

Dass sie irgendwann einmal ein Politik-Rockstar wird, glaubt sie eher nicht. „Dafür muss man sein Privatleben opfern. Ich weiß nicht, ob ich das will“, gibt sie zu. Außerdem könne man in der SPD nicht so klare Positionen vertreten wie bei den Jusos. Denn Indra plädiert für eine klare Kante. „Ich würde mir wünschen, dass das Wahlprogramm härter formuliert wäre.“ Dann wäre es für die Bürger einfacher zu begreifen, was die Partei will. Mehr Mindestlohn zum Beispiel und eine höhere Vermögensteuer. Nur weil man nicht alle Wähler bedienen könne, müsse man trotzdem zu seinen Forderungen stehen. „Man versucht es allen recht zu machen und macht dann damit alles falsch.“

Dass der Schulz-Zug inzwischen abgefahren ist, kann sie nachvollziehen. „Die Politik ist viel zu unsensibel. Sie geht nicht richtig auf die Menschen zu und sieht nicht, was sie wirklich brauchen“, kritisiert die Jungpolitikerin. Nach Martin Schulz’ Nominierung zum Kanzlerkandidaten lag die SPD zeitweise gleichauf lag mit der Union. Inzwischen dümpelt sie nur noch bei 21 Prozent in den Umfragen. Die Ursache liegt für Indra auf der Hand: „In der SPD gibt es gute Ideen, aber nicht den Ehrgeiz, sich an diesen festzubeißen. Warum sollten die Menschen einen wählen, wenn man nicht einmal den politischen Gegner angreift?“ Andererseits sei es aber auch nicht mehr so einfach, die Bürger zu begeistern. „Heute verschenkt doch niemand mehr sein Herz an eine Idee“, seufzt Indra und schiebt dann mit einem Lachen nach: „Außer vielleicht an den Veganismus.“


Nächstes Kapitel:

Weicheierland


Karte: F.A.Z. Siebel

Karte: F.A.Z. Siebel

S olche Sorgen macht sich mein nächster Gastgeber nicht. Mit seiner Freundin Jessi bewohnt Luca eine kleine Wohnung in Hildesheim. Er ist Softwareingenieur. „Die werden immer gesucht“, zeigt er sich überzeugt. Zurzeit arbeitet der 25-Jährige als Software-Berater für einen großen Energiekonzern. „Selbst wenn es hier wegen der Energiewende mal nicht mehr weitergehen würde, könnte ich schnell etwas Neues finden.“ Freundin Jessi ist ebenfalls in der Computerbranche tätig. Probleme? Nicht die Spur davon.

Politik interessiert Luca nicht besonders. Dafür hat er keine Zeit. „Das ist immer alles so umständlich formuliert, dass man wirklich Zeit brauchen würde, um sich da richtig reinzudenken.“ Wählen gehen will er am 24. September trotzdem. Wen? Weiß er noch nicht. „Auf jeden Fall nicht die AfD“, überlegt Luca laut. Obwohl sich gerade die AfD das Flüchtlingsthema im Wahlkampf zu eigen gemacht hat. Und dann wird Luca doch politisch.

Luca interessiert sich nicht besonders für Politik: „Das ist immer alles so umständlich formuliert, dass man wirklich Zeit brauchen würde, um sich da richtig reinzudenken.“ Foto: Anna Steiner

Über die „Flüchtlingskacke“ habe er schon oft diskutiert. „Wenn du dich hinstellst und sagst, die Sache mit den Flüchtlingen ist verkehrt gelaufen, bist du gleich ein Nazi.“ Dass die Bundeskanzlerin im Herbst 2015 Hunderttausenden die Tore öffnete, hält er für falsch: „Die anderen haben doch auch alle dicht gemacht. Warum mussten wir da plötzlich als einzige verantwortlich sein?“ Wegen seiner Haltung hat Luca schon so manchen Streit mit seiner Freundin ausgetragen. Sie findet, Deutschland sei reich und habe eine moralische Verantwortung. Er findet es ungerecht, dass Flüchtlinge so viel Geld bekämen.

„Deutschland ist ein echtes Weicheierland“, findet Luca. Wenn Deutsche auf der Straße aus Angst vor Flüchtlingen Haken schlügen, frage er sich schon: „Habt ihr eigentlich noch Eier in der Hose?“ Die Deutschen könnten ja nicht einmal mehr deutsch sein wollen, ohne als Nazi dazustehen. „Dabei hätten wir doch allen Grund, stolz zu sein.“ Immerhin sei Deutschland in technologischer und wirtschaftlicher Hinsicht führend, es gehe doch eigentlich allen gut.

N achdem ich in Braunschweig vergeblich an das Tor des Volkswagenwerks geklopft habe – offenbar ist man hier noch von der Dieselkrise beeindruckt –, fahre ich über die frühere innerdeutsche Grenze in Helmstedt. Wachtürme, Lautsprecher und die Grenzanlagen sind an einer Raststätte zur Gedenkstätte umfunktioniert worden. Den meisten Autofahrern fällt das braune Schild an der Autobahn wohl nicht einmal mehr auf.

Die Tore des Volkswagenwerks in Braunschweig bleiben geschlossen. Foto: Anna Steiner

Wenige Kilometer später erreiche ich mein erstes Ziel für diesen Tag: das Endlager Morsleben. Die Geschichte des Endlagers ist abwechslungsreich. Im 19. Jahrhundert wurde hier Salz abgebaut, im Zweiten Weltkrieg wurden in Morsleben Rüstungsgüter produziert, selbst Hühner wurden im Stollen zeitweise gehalten. Dann folgten ab 1974 die radioaktiven Abfälle. Noch bis 1998 wurden neue Fässer angeliefert und eingelagert. Dabei galt das Bergwerk schon damals als einsturzgefährdet. Ich möchte erfahren, wie man hier die Energiewende wahrnimmt und was man zur Energiepolitik der Kanzlerin sagt. Peter Osbelt erwartet mich bereits. Osbelt ist Bergmann, Leiter der Grubenwehr – einer Art Feuerwehr unter Tage – und wird mich durch den Vormittag begleiten. „Glück auf!“, begrüßt er mich, ganz der Bergmann.

Auf dem Weg zum Schacht erzählt Osbelt, dass er seine Ausbildung zum Bergbauingenieur in Gorleben gemacht hat. Dort lagern die hochradioaktiven Stoffe, während in Morsleben nur Abfälle mit geringerer Strahlung liegen. Warum arbeitet er ausgerechnet in einem Atommüllendlager, frage ich. Osbelt zuckt die Schultern: „So viel Auswahl hat man in Deutschland nicht gehabt als Bergmann.“ Heute sind die Angestellten in Morsleben vor allem mit der Stabilisierung des Bergwerks und der Verfüllung der Schächte beschäftigt.

Bergmann Peter Osbelt sagt zum Thema Atomkraft: „Wenn man wie ich jeden Tag mit dem Abfallprodukt zu tun hat, steht man der Atomkraft wesentlich kritischer gegenüber.“ Foto: Anna Steiner

Bevor wir unter Tage fahren, ziehen wir uns um. Schutzanzug, Sicherheitsschuhe und Helm sind Pflicht. Auf dem Weg zum Korb, der uns nach unten bringen soll, bekomme ich ein Sicherheits-Kit, das mich im Notfall mit Sauerstoff versorgen soll. Die Nervosität wächst, und selbst der Spiegel in der Umkleide will mich belehren: „Diese Person allein ist für deine Sicherheit verantwortlich.“ Bevor ich mir Gedanken machen kann, läutet die Glocke, und die Türen zum Korb gehen auf. Etwa 340 Meter geht es nun senkrecht in die Tiefe. Unten angekommen, steigen wir in „das sauberste Dieselfahrzeug Deutschlands“, wie Osbelt witzelt. Mit einem zusätzlichen Katalysator ausgestattet, soll der Caddy die Luft unter Tage möglichst wenig durch Abgase belasten. Verständlich, sorgt doch erst eine aufwendige Bewetterung der Stollen für annehmbare Atemverhältnisse.

Die Herausforderung für die kommenden Jahre ist die Stilllegung des Lagers. „Die Schwierigkeit ist die Verfallszeit des radioaktiven Materials“, erklärt Osbelt. Immerhin braucht es etwa 20000 Jahre, bis die radioaktive Strahlung nicht mehr gefährlich ist. So lange muss das Bergwerk halten – eine unvorstellbar lange Zeit. Um zu garantieren, dass aus dem Stollen nach der Schließung keine giftigen Stoffe austreten können, führte man umfangreiche Tests durch. Ein Teil des Bergwerks wurde inzwischen mit Salzbeton verfüllt. „Wir gehen hier vom schlimmsten Fall aus“, erklärt mir Osbelt und deutet auf die Naht zwischen Salzbeton-Pfropfen und ursprünglichem Fels. „Wenn die Aller, ein Flüsschen hier in der Nähe, über ihre Ufer treten sollte und in das Bergwerk fließt, muss der Atommüll sicher sein.“ Sonst könnte radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Bergwerk große Schäden anrichten. Wichtig ist daher, dass sich der Salzbeton möglichst dicht in den Berg einfügt.

Die Herausforderung für die kommenden Jahre ist die Stilllegung des Lagers. Foto: Anna Steiner
„Die Schwierigkeit ist die Verfallszeit des radioaktiven Materials“, erklärt Osbelt. Foto: Anna Steiner
Immerhin braucht es etwa 20000 Jahre, bis die radioaktive Strahlung nicht mehr gefährlich ist. So lange muss das Bergwerk halten – eine unvorstellbar lange Zeit. Foto: Anna Steiner

Inzwischen sind wir auf der vorletzten Sohle angekommen. Unter uns, nur wenige Meter durch den Fels getrennt, liegt das Ostfeld des Endlagers mit einem Teil der radioaktiven Abfälle. Was hält man vom Atomausstieg der Kanzlerin, wenn doch der eigene Arbeitsplatz mit dieser Form der Energiegewinnung zusammenhängt? „Wenn man wie ich jeden Tag mit dem Abfallprodukt zu tun hat, steht man der Atomkraft wesentlich kritischer gegenüber“, sagt Osbelt. „Als normaler Verbraucher interessiert es die meisten doch wenig, woraus der Strom gewonnen wurde.“

Allerdings macht Osbelt auch deutlich, dass Stabilisierung und Stilllegung in Morsleben noch so lange dauern werden, dass selbst die jetzigen Lehrlinge hier wohl auch noch das Rentenalter erreichen werden. Dass er wegen des Atomausstiegs seinen Arbeitsplatz verliert, muss Osbelt also nicht befürchten.

N ach dem Umziehen breche ich nach Magdeburg auf. Hier wurde die Alternative für Deutschland bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr mit 24,3 Prozent zweitstärkste Kraft hinter der CDU. 22 Abgeordnete stellt die Partei seitdem im Landtag, so viele wie in keinem anderen Landesparlament. Ich treffe einen von ihnen, doch warum die AfD so gute Wahlergebnisse erzielt, wird mir erst im Gespräch mit Wählern entlang der B1 klar. „Der deutsche Michel ist ein Schlafschaf“, empört sich eine von ihnen. Zu wenige Probleme würden wirklich angesprochen, die großen Parteien seien sich zu ähnlich. Das politische System in Deutschland mache ihr Sorgen. „Ohne wirkliche Opposition ist die Demokratie gefährdet“, sagt die Frau, die aus Angst vor beruflichem Ärger unerkannt bleiben will. Dass die AfD so weit rechts verortet wird, ärgert sie. Dabei habe die Partei gute Ideen. Das direktdemokratische Modell nach Schweizer Vorbild zum Beispiel. Das sei richtig: „In einer Demokratie ist schließlich das Volk der Souverän.“ Und das Volk stimmt gerade im Osten der Republik in vielen Punkten mit der AfD überein.


Nächstes Kapitel:

Wahlducken


Karte: F.A.Z. Siebel

Karte: F.A.Z. Siebel

I m Potsdamer Stadtteil Klein Glienicke bewohnen Julia und Tristan eine ruhige Altbauwohnung. Als ich ankomme, steht die Eingangstür offen, genau so werde ich empfangen. Das Paar lebt seit Jahren vegan. Zahnpasta und Shampoo stellen sie selbst her, auf dem Dach halten sie ein Bienenvolk, und auf ein Auto verzichten sie schon lange. Stattdessen steht auf der Anrichte in der Küche ein uralt anmutender Bleiakku. „Den habe ich mal im Wald gefunden und wieder flottgemacht“, erläutert Tristan. Jetzt nutzt Julia ihn für ihr Fahrrad. Tristan bezeichnet sich als Erfinder. Vor vier Jahren hat er sich mit einem Start-up in Berlin selbständig gemacht. „Den Begriff mag ich aber nicht“, sagte er. „Das klingt so nach pseudo-hippen, Software entwickelnden, Club Mate trinkenden Hipstern.“

Die Idee mit der Selbständigkeit entstand aus dem Nachhaltigkeitsgedanken, den Tristan und seine Frau leben. „Anstatt etwas wegzuwerfen, kann man es meist noch reparieren oder für etwas Neues nutzen.“ Der 35-Jährige hat sein Hobby zum Beruf gemacht. „Ich habe nach dem Abi nicht studiert. Was ich kann, habe ich mir beigebracht.“ Sein Geschäftspartner Felix ist Ingenieur. Felix macht die Theorie und das Konzeptionelle, Tristan fallen die passenden Materialien ein. Die Werkstatt ist eine Augenweide. Überall stehen beschriftete Kunststoffkästen herum. „Lötzeugs“ steht auf dem einen, „Sensoren“ auf einem anderen. Sogar einen 3D-Drucker kann ich ausfindig machen. Ein Freund hat ihn dem Start-up geschenkt.

Die Werkstatt ist eine Augenweide. Foto: Anna Steiner
Überall stehen beschriftete Kunststoffkästen herum. Foto: Anna Steiner
„Konstruktiv-Erfinder“ Tristan August findet: „Wahlkampf ist eigentlich immer Wahlducken: Bloß nicht anecken und dabei möglichst gut aussehen“. Foto: Anna Steiner

Und wer gehört zu den Kunden von „Konstruktiv“, wie Tristan und Felix ihr Unternehmen genannt haben? „Alle möglichen Menschen, die sagen, dieses und jenes könnte man doch mal erfinden“, sagt Tristan. Manchmal kommen aber auch Unternehmen auf die Tüftler zu, die eine ganz bestimmte Lösung für einen Prototypen suchen. Gerade bastelt Tristan an einem Gegenstand, der frei über einer Platte schweben kann. Mehr erzählen darf er nicht. Alles geheim.

Tristan und Julia entsprechen dem Prototyp von Ökos. Lange engagierte sich Julia für „Die Violetten“, war zeitweise sogar deren Landesvorsitzende in Berlin. Zu den Forderungen der Partei gehören ein bedingungsloses Grundeinkommen, die direkte Demokratie und eine neue Bildungspolitik. Für das Paar aus Potsdam ist der Umweltschutz das alles bestimmende Thema. Hier werde viel zu wenig gemacht. „Anstatt Umgehungsstraßen zu bauen und ganze Städte zu untertunneln, sollte man auf flexible Lösungen setzen“, findet Julia. Schließlich sei die junge Generation viel mehr auf Sharing aus als auf den dicken BMW in der Garage.

Julia August sagt: „Die Lösungen liegen auf dem Tisch, wenn man nur alles vernünftig einsetzt.“ Foto: Anna Steiner

Dass es umweltbewussten Menschen so schwergemacht wird, ärgert Tristan. „Wir wollten vor Jahren einen Elektroroller kaufen“, erinnert er sich. „Aber selbst die Händler wussten nichts davon.“ Stattdessen interessiere man sich trotz Abgasskandal nur für immer größere und schnellere Autos. Dabei gebe es doch längst Alternativen. Das Problem der langen Ladezeiten von Elektroautos könnte so einfach gelöst werden, glaubt der Erfinder. „Statt Strom zu tanken, sollte es ein Tauschsystem für Akkus geben.“ Der Fahrer eines Elektroautos würde an einer Tankstelle seinen leeren Akku gegen einen vollen tauschen. Dazu müssten die Akkus aller Hersteller jedoch kompatibel sein. „Und das klappt nicht einmal im Kleinen bei den Digitalkameras“, nörgelt Julia.

Überhaupt setze die Politik falsche Schwerpunkte. Wohnungsbau, Elektrowende oder mehr Gerechtigkeit? „Es ist doch eigentlich alles da“, meint Julia. „Die Lösungen liegen auf dem Tisch, wenn man nur alles vernünftig einsetzt.“ Tristan sieht es differenzierter: „Es gibt so viele Themen, bei denen man, auf gut Deutsch gesagt, einfach mal den Arsch in der Hose haben müsste, um sie zu revolutionieren.“ Das deutsche Rentensystem beispielsweise. Anstatt am Renteneinstiegsalter zu feilen, solle man angesichts der Überalterung der Gesellschaft lieber ganz vom Umlageverfahren abrücken, in dem die wenigen Jungen die Renten der vielen Alten finanzieren. „Wahlkampf ist deshalb eigentlich immer Wahlducken: Bloß nicht anecken und dabei möglichst gut aussehen“, findet Tristan.


Nächstes Kapitel:

Geht es uns gut?


Karte: F.A.Z.-Siebel

Karte: F.A.Z.-Siebel

A ls ich nach sechs Tagen, fünf Nächten, Hunderten Kilometern auf der Straße an der polnischen Grenze in Küstrin ankomme, versuche ich, meine Erfahrungen zu sortieren. Der Patient Deutschland versichert, es gehe ihm gut – und hat damit eigentlich recht. Das Wirtschaftssystem ist stabil, der Sozialstaat fängt die Verlierer der Gesellschaft auf, und von Krisen ist keine Spur. Kurz gesagt: Es lässt sich hierzulande tatsächlich gut leben.

Die Reise endet an der polnischen Grenze in Küstrin. Foto: Anna Steiner

Dennoch plagen die Deutschen vor allem in ihrem persönlichen Umfeld kleine und größere Wehwehchen. Und die unterscheiden sich, je nachdem, wen man fragt. Der eine stört sich am politischen System an sich, der andere an den Themen, die im Wahlkampf gesetzt werden, und wieder andere daran, wie die Bürger am System teilnehmen. Und dann gibt es natürlich die, denen ein bestimmtes Thema wie die Geschlechtergerechtigkeit besonders am Herzen liegt oder der Umweltschutz. Den Deutschen bleiben auch in Zukunft viele Baustellen. Eine eindeutige Antwort auf die Frage „Geht es uns gut?“ gibt es nicht. Die klarste, die mir auf dieser Reise immer wieder gegeben wurde, ist: „Ja, aber ...!“

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 22.09.2017 15:10 Uhr