Der Ovington Square im noblen Londoner Stadtteil Kensington ist das perfekte Versteck für die größte Musikband aller Zeiten. Das Luxuskaufhaus Harrods ist nur ein paar Straßen entfernt, aber über dem kleinen Platz mit den hohen alten Bäumen in der Mitte liegt schläfrige Stille. Über den Gehweg schiebt eine junge Mutter mit Chanel-Sonnenbrille ihren Bugaboo-Kinderwagen. Sonst tut sich nichts. An der Hausnummr 27 verrät nur ein kleines Namensschild unter dem Kameraauge der penibel blankpolierten Gegensprechanlage, was es mit dieser Adresse auf sich hat: „Apple“ steht da neben dem einzigen Klingelknopf, dahinter ein grüner Apfel.
Den Namen kennt jeder, aber das Unternehmen, das hier residiert, ist weitgehend unbekannt. Das hier ist keine Zweigstelle von Apple Inc., dem Computerriesen aus Kalifornien. Hier hat die Apple Corps Ltd. ihre Büros - die Musikrechtegesellschaft der Beatles und eines der verschwiegensten Unternehmen der Unterhaltungsindustrie. Gegründet 1968 und damit acht Jahre bevor der Beatles-Fan Steve Jobs sein Garagenunternehmen auf denselben Namen taufte. Die Idee zu dem Namen stammte von Paul McCartney: Er hatte sich gerade ein Magritte-Gemälde gekauft, dessen Motiv ein Apfel war.
Einmaliges Phänomen im Musikgeschäft
Im stillen Millionärswinkel in Kensington wird der wertvollste Schatz der Musikindustrie gehütet. Vor 50 Jahren, am 5. Oktober 1962, haben die damals noch völlig unbekannten Beatles ihre erste Single veröffentlicht: „Love me do“ klingt heute ziemlich dröge, aber damals wurden die „Fab Four“ geboren. Binnen weniger Monate wurden die vier Musiker zu Weltstars. Bis heute ist die Band ein einmaliges Phänomen im Musikgeschäft geblieben.
„Magisch“ seien die Beatles gewesen, sagt Klaus Voormann. Das war ihm sofort klar, als er die jungen Musiker aus Liverpool im Herbst 1960, gut zwei Jahre vor ihrem Durchbruch, zum ersten Mal auf der kleinen Bühne des Hamburger „Kaiserkeller“ sah. Unter Beatles-Fans ist Voormann selbst ein Star. Der Grafiker und Musiker zählte zum inneren Zirkel um die Band. Die berühmte Collage auf dem Albumcover von „Revolver“ stammt von ihm. Nachdem sich die Band 1970 im Streit aufgelöst hatte, machte Voormann regelmäßig Musik mit den Superstars. Auf John Lennons „Imagine“ und „Instant Karma“ spielte er Bass.
Der junge Deutsche war ein Freund. Als die Beatles-Rakete 1962 abhob, war Voormann mit an Bord. Hätte er sich damals träumen lassen, dass diese Musik auch ein halbes Jahrhundert später noch die Menschen in ihren Bann schlagen würde? Ja, sagt Voormann, der heute Mitte siebzig ist und am Starnberger See lebt. „Nach ihren ersten vier Alben wusste ich, die werden unsterblich sein.“ Mindestens 250 Millionen Tonträger haben die Beatles in den vergangenen 50 Jahren verkauft. Nur Elvis kann da annähernd mithalten.
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50 Pfund pauschal, bei Abtretung aller Rechte, bekam Klaus Voormann für sein berühmtes Cover für die Beatles-LP „Revolver“. Ihn stört das bis heute nicht, Voormann ist immer noch mit den Beatles befreundet. Verbunden hat sie seither die Musik: Voormann war Bassist auf Lennons ersten Soloalben.
Das Geschäft mit ihrer Musik ist ein finanzielles Perpetuum mobile: Als vor drei Jahren das Werk der Band in einer klanglich aufpolierten Remaster-Version veröffentlicht wurde, bekamen die Fans kein einziges neues Lied zu hören. Dennoch brach in den Hitparaden rund um den Globus eine neue Beatlemania los: In den Top Ten der amerikanischen Billboard-Charts notierten fünf Beatles-Klassiker. Allein in den Vereinigten Staaten wurden binnen fünf Tagen mehr als eine Million Alben verkauft.
Geld verdienen und schweigen, so lautet das Motto der Apple Corps, der wichtigsten Schaltzentrale im globalen Beatles-Business. Fragen werden nicht beantwortet. Interviewwünsche enden im Nichts. Bis heute gehört das Unternehmen den vier Bandmitgliedern, beziehungsweise deren Erben. Der vierköpfige Verwaltungsrat von Apple ist quasi der Olymp der Popmusik-Mythologie. Lennons Witwe Yoko Ono gehört ihm an und Olivia Harrison, die Witwe von George Harrison. Die beiden anderen Mitglieder sind von Paul McCartney und Ringo Starr entsandt. Der Geschäftsführer von Apple, ein früherer Manager von Sony Music, firmiert offiziell nur als „Sekretär“.
Aufschlussreich ist der Blick ins Handelsregister, wo die Apple Corps ihre Jahresabschlüsse veröffentlicht. In den fünf Jahren bis 2011 hat das Unternehmen, wohl vor allem mit Lizenzeinnahmen aus Tonträgerverkäufen, einen Nettogewinn von umgerechnet knapp 90 Millionen Euro erwirtschaftet. McCartney und die Lennon-Erbin Ono dürften außerdem Millionen an den Komponisten-Tantiemen verdienen. Diese Einnahmen laufen jedoch nicht über die Bücher von Apple. Lennon/McCartney firmieren als gemeinsame Komponisten von fast 200 Liedern. Allein von „Yesterday“ veröffentlichten mehrere tausend andere Musiker Cover-Versionen.
„EMI tut das, was Apple will“
Ob Musik-Videospiele oder Album-Downloads - gegen den Willen der Apple Corps geschieht im Beatles-Universum kaum etwas kommerziell Relevantes. Dabei gehören die Rechte an den Tonaufnahmen der Band gar nicht. Sie sind Eigentum von EMI, dem Musikkonzern, bei dem sie auch nach der Gründung von Apple weiter unter Vertrag standen. Das letzte Wort haben die Beatles trotzdem, dafür haben ihre Anwälte inzwischen gesorgt. Das ungeschriebene Gesetz dieser Partnerschaft sei ganz einfach, sagt der Beatles-Experte Brian Southall: „EMI tut das, was Apple will.“ Der Buchautor berichtet aus eigener Anschauung. Er hat lange für EMI gearbeitet.
Als die Beatles vor 45 Jahren Apple ersannen, interessierten sie sich kein bisschen für juristische Spitzfindigkeiten. Die Neugründung sollte ein Unternehmen sein, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte - und das war es zunächst auch. Ein utopischer Sponti-Konzern, in dem John Lennon eines Morgens den Verwaltungsrat zusammentrommelte, um den verblüfften Mitstreitern im LSD-Nebel von einer Erleuchtung zu berichten: Er wisse jetzt, dass er der wiedergeborene Jesus Christus sei.
Zeitweise wurde bei Apple ein hauseigener Astrologe beschäftigt. In der Pressestelle hingen nach Augenzeugenberichten Schwaden von Cannabis-Qualm. Das Schmarotzertum blühte. Die Spesenrechnungen der Mitarbeiter waren astronomisch. Eine Betriebsweihnachtsfeier, zu der auch eine Gruppe Hell’s Angels geladen war, endete in einer Schlägerei. Als die ersten Schallplatten mit dem Apfel-Logo gepresst waren, schickten die Beatles einen Boten im schneeweißen Dienst-Mercedes zum Buckingham Palace, um der Königin die revolutionären Produkte zukommen zu lassen.
Ein Plattenlabel war zu langweilig
„Eine Art westlicher Kommunismus“ schwebe ihnen vor, hatten die Beatles im Frühjahr 1968 verkündet. „Wir wollen herausfinden, ob wir nicht künstlerische Freiheit innerhalb einer Unternehmensstruktur schaffen können, ob wir Dinge herstellen und verkaufen können, ohne das Dreifache davon zu verlangen, was sie uns gekostet haben“, erläuterte McCartney. Wer eine tolle Idee habe, solle nicht mehr auf Knien um die Produktionsmittel betteln müssen, kündigte Lennon an. Was die Beatles nicht sagten: Apple war vor allem ein Steuersparmodell. Ihre Berater hatten den Superstars nach dem Tod ihres Managers Brian Epstein empfohlen, ihre Einkünfte auf diese Weise zu reinvestieren, um dem damals in Großbritannien geltenden Spitzensteuersatz von mehr als 90 Prozent zu entgehen.
Bloß ein Plattenlabel zu gründen war den Beatles zu langweilig. Sie bauten gleich ein ganzes Firmenimperium auf: eine Filmgesellschaft, einen Buchverlag, sogar eine Apple-Schule sollte es geben. In der Baker Street eröffneten die Beatles in einem psychedelisch-buntbemalten Eckhaus eine Apple Boutique, in der Kunden und Mitarbeiter bald klauten wie die Raben. Die wahnwitzigste Unternehmenssparte war jedoch Apple Electronics. Lennon hatte einen Narren gefressen an einem jungen Griechen namens Alexis Mardas. „Magic Alex“, wie er unternehmensintern hieß, reiste nicht nur mit den Beatles zum Meditieren nach Indien, er wurde vorübergehend auch ihr Technikguru.
Apple richtete „Magic Alex“ eine Werkstatt ein, in der dieser an allerlei erstaunlichen Weltneuheiten tüfteln konnte. Darunter war ein Telefon, das automatisch auf gesprochene Befehle reagieren sollte, und ein elektroakustischer Kopierschutz für Schallplatten, denn die Beatles fürchteten, dass der damals neue Cassettenrecorder ihre Plattenverkäufe gefährden werde. Dumm nur, dass Mardas keine einzige Erfindung zur Produktionsreife gebracht hat.
Apple wurde zum finanziellen Desaster
Tony Bramwell war mittendrin im kreativen Chaos von Apple. Er ist heute 66 Jahre alt, ein Alt-Hippie mit schulterlangen grauen Haaren. Bramwell jettet um die Welt und tritt als Zeitzeuge auf den Stammestreffen der Beatles-Fans auf. George Harrison war ein alter Kumpel von ihm aus gemeinsamen Kindheitstagen in Liverpool. So bekam er seinen ersten Job als Tourhelfer für die Beatles.
Ende der sechziger Jahre leitete Bramwell die Filmsparte des Beatles-Konglomerats, die zu den Pionieren des Musikvideos zählte. „Apple war eine gute Idee“, findet Bramwell noch heute. „Das Plattenlabel und der Musikverlag waren enorm erfolgreich“. Apple entdeckte unter anderem Mary Hopkin, die mit „Those were the days“ 1968 einen Welthit landete. Dennoch entwickelte sich Apple rasch zum finanziellen Desaster. „Unser Problem war, dass wir zwar einerseits viel Geld verdienten, es aber andererseits mit vollen Händen wieder zum Fenster herauswarfen“, erinnert sich Bramwell. Allein die Elektronik-Abenteuer von „Magic Alex“ Mardas sollen Schätzungen zufolge mindestens 300 000 Pfund verschlungen haben – nach heutigem Geldwert fast 5 Millionen Euro.
1969 zogen die Beatles die Notbremse. Lennon setzte durch, dass ein für seine aggressiven Geschäftsmethoden bekannter Musikmanager bei Apple aufräumte: Allen Klein war ein kleiner, etwas dicklicher Bilanzexperte aus New Jersey, der gern Rollkragenpullis und Strickjacken trug. Er bereitete der Geldverschwendung bei Apple ein Ende und entließ zahlreiche Mitarbeiter. Die meisten Sparten des Unternehmens stellten faktisch ihr Geschäft ein. „Klein wollte der Manager der Beatles sein, Apple interessierte ihn nicht“, sagt Tony Bramwell. Er selbst hielt noch zwei weitere Jahre durch, dann ging er. Aus dem Unternehmensexperiment war eine straff geführte Rechteverwertungsgesellschaft für vier Superstars geworden.
Mythos und Marktwert wuchsen
Die Beatles gab es da schon nicht mehr. Aber nun begann etwas, womit niemand gerechnet hatte: Mit jedem Jahr wuchs ihr Mythos – und mit ihm ihr Marktwert. Abzulesen ist dies am Wertzuwachs ihrer Kompositionen. Normalerweise sind solche Urheberrechte im schnelllebigen Popgeschäft ein vergänglicher Vermögenswert. Aber die Lieder des Songwriter-Duos Lennon/McCartney gelten heute als das wertvollste Kompositionswerk der Musikgeschichte.
Davon allerdings haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur die Komponisten profitiert. Zwar zahlen Radiosender jedes Mal Tantiemen, wenn sie „Yesterday“ oder „Strawberry Fields“ spielen. Aber ihre Beteiligung an dem Musikverlag, der ihre Kompositionsrechte hielt, hatten Lennon und McCartney früh verkauft. Sie erhielten seither nur noch einen Teil der Tantiemen. Stattdessen verdiente seit den achtziger Jahren ein anderer Superstar mit: Michael Jackson war nicht nur ein glühender Verehrer der „Fab Four“, sondern auch ein cleverer Investor. 1985 kaufte er – sehr zum Ärger seines damaligen Freundes McCartney – für 47,5 Millionen Dollar den Musikverlag ATV, dem die Rechte an den Melodien und Texten von mehr als 200 Beatles-Stücken gehörten.
Sie versprachen kontinuierliche Einnahmen. Hinzu kam der Wertzuwachs: Jackson fusionierte das Unternehmen später mit der Musikrechtesparte von Sony zu einem der größten Musikverlage der Welt. 2006, drei Jahre vor seinem Tod, brauchte der inzwischen tief gefallene „King of Pop“ Geld und verkaufte die Hälfte seiner Beteiligung. Die Beatles-Lieder wurden damals auf rund 500 Millionen Dollar geschätzt. Der Wert der Kompositionen hatte sich also binnen zwei Jahrzehnten mehr als verzehnfacht.
Um die Zukunft müssen sich Apple und die Erben von Michael Jackson wenig Sorgen machen. Das gesetzliche Copyright für Kompositionen endet erst 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Und die Schutzfrist für die Urheberrechte von Tonaufnahmen wurde in der EU kürzlich von 50 auf 70 Jahre verlängert. Niemand wird davon so stark profitieren wie die Beatles und ihre Nachfahren.
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