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25.000 Euro für einen Platz : Kostspieliger Krippenausbau

Deutschland hat in Sachen Kinderbetreuung Nachholbedarf. Bild: dapd

Über die immensen Kosten des Kita-Ausbaus wird gerne geschwiegen. Ein Platz kostet 25.000 Euro. Der Staat bleibt zunächst auf mehr als der Hälfte davon sitzen. Wer soll zahlen?

          Der Ausbau der Kinderbetreuung schreitet rasant voran. Von August an erhalten alle Kinder, die zumindest ein Jahr alt sind, einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Das Bundesfamilienministerium nimmt an, dass 780.000 Krippenplätze gebraucht werden, um die Nachfrage zu decken. Das sind dreimal mehr, als es vor sieben Jahren in Deutschland gab. Wer die Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Umbruchs erfassen will, sollte sich auch die Betreuungsquoten vor Augen führen: Im Jahr 2006 besuchten in Deutschland nur 13,5 Prozent der unter Dreijährigen eine Betreuungseinrichtung, in Westdeutschland wurde nicht mal jedes zwölfte Krippenkind fremdbetreut. In diesem Sommer wird die Quote drastisch höher ausfallen: Dann werden wahrscheinlich 39 Prozent der Eltern einen Betreuungsplatz für ihre Kinder einfordern.

          Es bedarf keiner prophetischen Gaben, um vorauszusagen, dass die Entwicklung auch auf diesem Niveau nicht stehenbleiben wird. Die Betreuungsquote wird weiter steigen. Zum einen sind Frauen aus individuellen und finanziellen Gründen immer seltener bereit, über Jahre aus ihrem Beruf auszusteigen und sich zu Hause um die Kinder zu kümmern. Zum anderen steigt die gesellschaftliche Akzeptanz der Fremdbetreuung. Müttern fällt es zunehmend leichter, ihr Kind in eine Krippe zu geben, weil sie sich dafür im Bekanntenkreis seltener rechtfertigen müssen.

          Außerdem verweisen Fachleute darauf, dass es für nicht-berufstätige Elternteile schwieriger wird, Gleichgesinnte mit Kindern zu finden, um sich beispielsweise für den Spielplatz zu verabreden. Je mehr Familien eine Kita nutzen, desto stärker verlagern sich die sozialen Kontakte dorthin. Aus all diesen Gründen dürfte es in Deutschland über kurz oder lang ähnlich hohe Betreuungsquoten wie in den meisten Nachbarstaaten geben. In den Niederlanden und Frankreich werden etwa die Hälfte der Kleinstkinder fremdbetreut, in Dänemark sogar drei von vieren.

          Wirtschaft wirbt für Ausbau von Kitas

          In Deutschland konzentriert sich die Diskussion seit Monaten darauf, wie viele Plätze noch fehlen, um die gesteckten Ausbauziele zu erreichen. Es könnten etwa 100.000 sein; Genaues weiß niemand. Allerorten werden daher Ratschläge gegeben, wie Kommunen erfolgreich verklagt werden können, falls sie im August keinen bedarfsgerechten Platz anbieten. Die immensen volkswirtschaftlichen Kosten des Ausbaus geraten darüber gerne in Vergessenheit. Wer weiß schon, dass der Bau eines neuen Krippenplatzes im Durchschnitt 25.000 Euro kostet?

          Wer ist sich darüber im Klaren, dass die Betriebskosten je Platz und Monat etwa 1000 Euro betragen? Offiziell weist die Bundesregierung die laufenden Kosten des Ausbaus mit 2,4 Milliarden Euro im Jahr aus. In dieser Rechnung sind aber nur die Ausgaben für jene Plätze enthalten, die über die Ziele des Tagesbetreuungs-Ausbaugesetzes von 2005 hinausgehen. Die tatsächlichen Betriebskosten dürften etwa 4 Milliarden Euro jährlich betragen, die einmaligen Baukosten liegen noch höher.

          Kürzlich rechnete das Ifo-Institut in einer Studie für die Bundesregierung allerdings vor, dass sich die öffentlich geförderte Kinderbetreuung zu 40 bis 50 Prozent von selbst finanziere. Einerseits zahlten die Eltern Beiträge. Andererseits zahlten Mütter, die ihr jüngstes Kind in eine Kita gäben, im Durchschnitt 210 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben als Mütter ohne einen Betreuungsplatz. Hinzu kommen diverse Langzeiteffekte, die sich seriös kaum berechnen lassen. Eine Mutter, die ihre Kinder zügig in eine Kita gibt, wird später tendenziell mehr Geld verdienen und Steuern zahlen als eine Mutter, die jahrelang aus dem Beruf aussteigt. Auch die Spitzenverbände der Wirtschaft werben vehement für den Ausbau, um den sich abzeichnenden Fachkräftemangel durch eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen zu verringern.

          Staat bleibt auf den Kosten sitzen

          Ein Kind aus schwierigen Verhältnissen wird im Zweifel in einer Kita besser gefördert und erhöht seine Chancen auf einen guten Schulabschluss und Berufserfolg. Nicht zuletzt gibt es signifikante Hinweise darauf, dass der Krippenausbau die Geburtenrate erhöht. Das ist kaum verwunderlich: Es gehört zu den Binsenweisheiten der Politik, dass Familien am besten durch einen ausgewogenen Dreiklang aus Zeit, Geld und staatlicher Infrastruktur gefördert werden. Der Krippenausbau gehört zur letztgenannten Kategorie.

          Am Ende aller Rechnerei wird trotzdem die Erkenntnis bleiben, dass der Staat zunächst auf mehr als der Hälfte der Kosten sitzenbleibt. Die Frage, wer die Zeche dafür zahlen soll, muss politisch entschieden werden. Viele Kommunen erhöhen wegen des Ausbaus die Steuern, legen die Kosten also auf die Allgemeinheit um. Denkbar wären aber auch höhere Elternbeiträge oder eine Pflicht zu Betriebskitas ab einer bestimmten Unternehmensgröße. Auch stellen sich Fragen nach dem Kindeswohl und den Grenzen der Entwicklung, wenn nun auch im Westen erste 24-Stunden-Kitas gebaut werden, damit beide Elternteile voll flexibel arbeiten können. Die Forderung, ein Elternteil sollte besser zu Hause bleiben und sich um sein Kind kümmern, sollte aber nur erheben, wer selbst bereit wäre, seinen Dienst- gegen einen Kinderwagen zu tauschen.

          Quelle: F.A.Z.

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