In keinem anderen Industrieunternehmen ist die Unternehmensgeschichte so früh und umfangreich in Bildern festgehalten worden wie bei der Firma Krupp. Seit 1848 wurden mehr als 2 Millionen Fotos gesammelt. Eine winzige Auswahl wird seit Juni in dem von Alfred Krupp als Familiensitz errichteten, schlossähnlichen Anwesen, der Villa Hügel, in Essen ausgestellt. In fünf Monaten haben sich schon weit mehr als 100.000 Besucher einen Eindruck von der Eigentümerfamilie, dem Management („Krupp-Beamten“) und den Belegschaften („Kruppianern“) machen können. Beeindruckend sind vor allem die zum Teil über Wochen angefertigten Panoramafotos des wuchernden Werksgeländes. Sie bebildern, wie das Provinzstädtchen Essen im 19. Jahrhundert durch die Expansion der Firma in eine Industriestadt verwandelt wurde.
Vor allem der Gründersohn Alfred Krupp gilt als umtriebiger, unermüdlicher Genius für den rasanten Aufstieg der Firma Krupp im Europa des 19. Jahrhunderts. Er war von den technischen Entwicklungen der Industrialisierung besessen, wirkte jahrzehntelang an Innovationen der Stahlherstellung und -bearbeitung mit. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in Europa die Zahl der eingetragenen Patente der Firma Krupp allein von Siemens übertroffen. Und der Technikfreak Alfred hatte früh die noch junge Fotografie als Medium für seine Zwecke entdeckt.
Anders als sein Vater Friedrich, der in seiner Besessenheit, Stahl von bester englischer Qualität zu erschmelzen, innerhalb von 15 Jahren nach heutigem Maßstab ein Millionenerbe verwirtschaftete, war Alfred auch ein ausgebuffter Marketingfachmann. Die 1861 auf dem Werksgelände errichtete „Photographische Anstalt“ war ihm mehr als nur ein teures Hobby. Sie fertigte permanent „Werbematerial“: für die ausgedehnten Kundenbesuche sowie die regelmäßigen Auftritte auf Messen und Weltausstellungen: durchweg inszenierte Bilder einer harmonischen Unternehmerfamilie, illustrer Kunden aus dem In- und Ausland, eines gigantischen Konzerns mit schweren Schmiedeprodukten.
Mit deutscher Geschichte verwoben
Seine Nachfolger - Sohn Friedrich Alfred, Enkeltochter Berta beziehungsweise deren Ehemann Gustav von Bohlen und Halbach sowie Urenkel Alfried Krupp von Bohlen und Halbach - hielten an dieser Strategie fest. Ältere Leser erinnern sich an die Fernsehbilder von den Hannover-Messen der sechziger Jahre, wenn Staatsoberhäupter aus Russland, der DDR oder Polen den Krupp-Stand besuchten.
Im Jahr 1881, sechs Jahre vor seinem Tod, schrieb der damals 69 Jahre alte Industrielle: „Ich habe den Zweck vor Auge, dass die von mir geschaffenen Werke so lange, als es nach den Gesetzen möglich ist, conserviert und nach Möglichkeit erweitert werden.“ Damals war das Stahlkonglomerat Fried. Krupp mit rund 18.000 Beschäftigten der größte private Industriekonzern in Europa. Und weiter: „Es ist ja bekannt, dass ich Bergwerke für Jahrhunderte erworben habe, dass ich die Einhaltung der Substanz für alle Zeiten in der Familie wünsche, dass, wenn ein Jahrhundert über unsere Güter hinweggezogen sein wird, eine weise, solide Verwaltung noch für ein weiteres Jahrhundert verbürgt sein muss.“
Keine der aus der Industrialisierung im 19. Jahrhundert hervorgegangenen Industriellendynastien ist so eng mit deutscher Geschichte verwoben wie das Haus Krupp. Lange waren der nahtlose Radreifen für Eisenbahnen, die als drei Ringe zum Firmenlogo wurden, und die Stahlrohre für die bis dahin aus Bronze gefertigten Kanonen die fruchtbarsten Innovationen des Konzerns. Die Gewinne aus diesen Geschäftsfeldern waren die Quelle für frühe vorbildliche Sozialleistungen für die Arbeiter, die der Eigentümer freilich auch mit heute undenkbaren Pflichten für seine Beschäftigten verband.
Frühe Globalisierung
Alfred Krupp hat früh durch enge Kontakte mit gekrönten und ungekrönten Staatshäuptern die Globalisierung der Firma vorangetrieben und bis 1881 den Auslandsanteil am Umsatz auf fast 70 Prozent ausgebaut. Was in den Weltkriegen beim Wegbrechen der Auslandsmärkte dazu führte, dass der auf Stahl, Eisenbahn und Schifffahrt, Maschinen- und Anlagenbau ausgerichtete Konzern sich ganz auf Rüstungsgüter konzentrierte.
Lange war die Firma Krupp wegen ihrer Waffen auch von ausländischen Regierungen umworben. Aber als „Waffenschmiede Des deutschen Reiches“ mit ihren Zehntausenden von Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg schlug dem Konzern im Ausland abgrundtiefer Hass entgegen.
Alfried Krupp wurde 1945 stellvertretend für seinen verhandlungsunfähigen Vater Gustaf als Kriegsverbrecher verurteilt und enteignet. Dem Konzern drohte mehr als zwei Jahrzehnte die Zerschlagung. In jenen Jahren zog sich Krupp ganz aus dem Rüstungsgeschäft zurück. Im Ausland besserte die Firma das ramponierte Image nach und nach als verantwortungsvoller Partner in Entwicklungs- und Schwellenländern auf. Im Inland sorgte die von der Bundesregierung lange mit Argwohn betrachtete Ostpolitik der Firma wie auch die von anderen Industriekonzernen abgelehnte freiwillige Entschädigung jüdischer Nazi-Opfer für ein neues Image von Krupp.
Seit Alfred Krupp 1881 sein Vermächtnis niederschrieb, sind 130 wechselhafte Jahre vergangen. Am 20. November wird die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung den 200. Jahrestag der Firma Krupp feiern, exakt zum Jahrestag, an dem 1811 die Gussstahlfabrik Friedrich Krupp in Essen eingetragen worden war.
„Herr Beitz, kümmern Sie sich um die Firma“
Nicht alle Vorgaben des genialen Gründersohns ließen sich bis in die Neuzeit durchhalten. Der 1967 verstorbene Alfried Krupp war der letzte Alleininhaber und Namensträger der Firma. Der Vermögensverzicht seines einzigen Kindes, Arndt von Bohlen und Halbach, ermöglichte es ihm, sein Vermögen der Stiftung zu übertragen.
Seit die beiden führenden deutschen Montan-Konglomerate 1999 zur Thyssen-Krupp AG fusionierten, halten familienfremde Aktionäre zwar die Kapitalmehrheit. Aber die Krupp-Stiftung ist mit ihrer 25,3 Prozent betragenden Beteiligung der Ankeraktionär. Sie soll die Eigenständigkeit des wie in früheren Zeiten bedeutenden Technologie-, Stahl- und Industriegüterkonzerns wahren und aus dessen Erträgen dem Gemeinwohl dienen.
Wenige Tage vor seinem Tod hat Alfried Krupp seinem Generalbevollmächtigten und Testamentsvollstrecker Berthold Beitz ein Versprechen abgenommen: „Herr Beitz, kümmern Sie sich um die Firma, solange Sie leben und von der Gesundheit her können.“ Bis heute folgt der nun Achtundneunzigjährige als einflussreicher Stiftungschef konsequent seinem Versprechen.
Auch wenn der Konzern wegen des problemreichen Stahlhüttenneubaus in Brasilien nicht gerade in Bestform ist, sieht Beitz das Haus gut bestellt. Wie einst die Firma Krupp konzentriert sich der Konzern mit hochwertigen Produkten auf zukunftsträchtige Nischenmärkte. Im vergangenen Jahr ist die Konzernverwaltung auf historisches Krupp-Betriebsgelände nach Essen zurückgekehrt. Die Stiftung hat seit 1968 gemeinnützige Projekte mit mehr als 615 Millionen Euro gefördert.
Auch seine eigene Nachfolge hat Beitz geregelt. Er setzt auf Gerhard Cromme, den Aufsichtsratsvorsitzenden von Thyssen-Krupp und sein Stellvertreter im Stiftungskuratorium. Ihm will Beitz irgendwann seine Aufgabe übertragen. „Ich habe mit Herrn Cromme schon vor Jahren gesprochen, dass nicht alles umgemodelt wird und der Geist der Krupps bewahrt bleibt“, sagte er dieser Zeitung.