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20 Jahre nach „Rio 1992“ Gemischte Bilanz der Weltenretter

 ·  Intensive Landwirtschaft ernährt die wachsende Weltbevölkerung. Die Armutsquote sinkt, so viele Menschen wie nie haben Zugang zu Strom und Wasser. Tierarten und Ressourcen aber schwinden.

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© dpa Ein Amazonas-Regenwald kurz vor dem Exodus im brasilianischen Belo Monte, wo das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt entstehen soll

Der Kalte Krieg war vorüber, ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte sollte aufgeschlagen werden. Die erste Konferenz von Rio vor genau 20 Jahren war das bis dato größte Gipfeltreffen in der Geschichte. Mit großer Zukunftszuversicht trafen Delegationen aus 170 Ländern, darunter mehr als 100 Staats- und Regierungschefs, zusammen, um Ziele für die Umwelt- und Entwicklungspolitik festzulegen. Ihre Erkenntnis lautete, dass ohne Entwicklung der armen Länder auch der Umweltschutz chancenlos sein werde. Die Staatschefs beschlossen die erste Klimakonvention der Vereinten Nationen (UN) und Regeln für eine nachhaltige Nutzung aller natürlichen Ressourcen, zudem verabschiedeten sie eine Erklärung über die Erhaltung von Pflanzen- und Tierwelt sowie Wäldern. Seitdem hat es weitere Klima- und Umweltkonferenzen gegeben.

Was hat es gebracht? 20 Jahre „nach Rio“ ist die Entwicklung der Menschheit weitergekommen. Sie wächst rasant, zugleich ist die bittere Armut stark zurückgegangen. Mehr Menschen denn je leben in Wohlstand - das aber hat mit „Rio“ wenig zu tun, wo sich die Industrieländer zu höheren Entwicklungshilfeleistungen (mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes) verpflichteten; vielmehr hat der zunehmende Wohlstand mit der Globalisierung, der Einbindung Chinas, Indiens und weiterer Schwellenländer in die Weltwirtschaft zu tun.

Millionen haben sich aus der Armut herausgearbeitet

Der Anteil der Menschen in tiefster Armut, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten knapp halbiert. Nach Angaben der Weltbank waren es 1990 noch 43Prozent, inzwischen sind es 22 Prozent. Auch in absoluten Zahlen ist der Rückgang beachtlich: von 1,9 auf 1,3 Milliarden Menschen. Beim gegenwärtigen Tempo werde die Zahl der extrem Armen bis 2015 auf 1 Milliarde sinken. In Afrika gibt es zwar kaum Fortschritt, dagegen haben sich in China, Indien und anderen Schwellenländern Hunderte Millionen aus der Armut herausgearbeitet.

Während sich der Mensch und der Wohlstand also weiter ausgebreitet haben, zeigen viele andere Kennzahlen, dass die „grüne Wende“ nicht gelungen ist, obwohl Umweltpolitik medial immer präsenter wurde und seit Rio die Nichtregierungsorganisationen, die mit Umweltschutz werben, politisch immer mächtiger und finanzstärker wurden. Ihre Alarmrufe und Klagen sind nun auch bei der aktuellen Rio-Konferenz laut zu hören.

Zu den beklagten Entwicklungen gehört die fortschreitende Abholzung und Brandrodung von Wäldern. Vor allem in Südamerika und Afrika gehen Waldflächen verloren. Die Regenwälder schrumpfen weiter. Laut dem UN-Umweltprogramm Unep gingen seit 1992 weitere 3Millionen Quadratkilometer Urwald verloren. Das ist eine Fläche mehr als achtmal so groß wie Deutschland. Während die Zahl der Menschen zunimmt und sie in vielen Ländern besser leben, so geht es der Tierwelt weniger gut. Mindestens jede achte Tierart ist in den vergangenen 20 Jahren verschwunden oder konnte nicht mehr entdeckt werden, in den Tropen sind es noch weit mehr, da ihr Lebensraum schwindet.

Es gibt auch klare umweltpolitische Erfolge. Seit Rio sind sehr viele neue Naturschutzgebiete eingerichtet worden. Ihre Zahl nahm um mehr als 40 Prozent zu. Inzwischen sind 13 Prozent der globalen Landfläche, 7 Prozent der Küstengewässer und 1,4 Prozent aller Ozeanflächen geschützt, wie aus dem neuesten „Geo5“-Bericht der Unep hervorgeht.

Auch seien seit 1992 „bedeutende Fortschritte“ erreicht worden, den Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu gewähren, obwohl immer noch für etwa ein Sechstel der Menschheit große Defizite bestehen. Die Vereinten Nationen erklärten den Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen 2010 zum Menschenrecht. Laut UN-Wasserbericht 2012 gibt es Fortschritte in der Umsetzung der Mehrzahl der weltweit aufgestellten Wassermanagementpläne.

Nicht Regionalität und Ökolandbau, wie von einigen Umweltvereinen gefordert, sondern Intensivierung und moderne Landwirtschaft und zunehmender Welthandel konnten die Welternährung seit 1992 verbessern. Der Welthandel mit Nahrungsmitteln nimmt seit 1992 stetig zu. Die Größe der globalen Ackerflächen stagnierte laut FAO bei etwa 4,9 Milliarden Hektar. Weil die Weltbevölkerung von rund 5,5 auf 7,1 Milliarden Menschen anwachsen ist, müssen die Erträge steigen - und sie stiegen überproportional. Es wird mehr Fleisch und Fisch gegessen. Während sich seit 1992 die Bevölkerung um gut ein Viertel erhöhte, wuchs die Fleischerzeugung laut Unep um 26Prozent und die Fisch- und Meeresfrüchteerzeugung um 32 Prozent.

Vor allem in den Schwellenländern verbessert sich die Versorgung. Pro Kopf werden in Afrika heute rund ein Viertel mehr Lebensmittel hergestellt als noch 1992, in Nord- und Südamerika stieg die Erzeugung - wie auf der Welt insgesamt - noch etwas stärker, in Europa ging sie zurück. Am stärksten legte Asien zu, das laut FAO 1992 je Einwohner die wenigsten Lebensmittel herstellte und 2010 die meisten auf der Welt.

Die landwirtschaftliche Produktion stagniert

Getreide- und Reispreise sind zwar 2007 und 2011 zweimal drastisch gestiegen, zumindest der Reis ist aber abzüglich der allgemeinen Inflation laut FAO immer noch günstiger als 1992. In den siebziger Jahren waren die Agrarrohstoffe ohnehin real noch deutlich teurer als heute. Aber die Zukunft macht Agrarexperten Sorgen, nicht nur wegen der Kriege in Nahost. Während das Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion in den neunziger Jahren enorm war, scheint es nun zu stagnieren.

Mit dem steigenden Wohlstand und der Industrialisierung der Schwellenländer sind auch die CO2-Emissionen gestiegen. Von 1992 bis 2011 haben sie laut Internationaler Energieagentur IEA von 22 auf 31,6 Milliarden Tonnen zugenommen. Die Stromerzeugung und Heizungen trugen dazu mehr als 40 Prozent bei. Besonders stark erhöhen sich die Emissionen in China, das stark auf Kohlekraftwerke setzt. Die Energieerzeugung erhöhte sich in den vergangenen 20 Jahren trotz steigender Preise für fossile Energieträger immens.

Seit 1992 stieg der Energieverbrauch je Kopf um durchschnittlich 5 Prozent im Jahr. Im Jahr 2009 - in der weltweiten Rezession - ging der Energieverbrauch der Welt laut Unep erstmals und zum einzigen Mal seit 30 Jahren zurück. Die Pro-Kopf-Stromerzeugung in den entwickelten Ländern nahm laut IEA seit Rio 1992 um 33 Prozent zu, die in den Entwicklungsländern um 68 Prozent. Immer noch leben 1,3 Milliarden Menschen ohne Stromanschluss, 2,7 Milliarden kochen ihr Essen auf Feuern oder mit Holzöfen, was zu Waldverlusten führt.

Der Energiemix änderte sich stetig. Öl hat relativ an Bedeutung verloren. Der Anteil der Kohle an allen Energieträgern blieb etwa gleich. Wegen stetigen Ausbaus der Kernkraftkapazitäten vor allem in Asien wächst die Kernenergieerzeugung weltweit weiter an. Die Anzahl der Kernkraftwerke steig um mehr als 20 Prozent auf etwa 435 in diesem Jahr an. Laut der Welt-Nuklearenergieagentur WNA werden weltweit 60 neue Kernkraftwerke gebaut, 155 sind in Planung, 339 angekündigt, allein in China werden gerade 25 neue Kernkraftwerke gebaut.

Auch Erneuerbare Energien gewinnen an Gewicht und trugen laut dem Forschungsnetzwerk REN21 im Jahr 2010 rund 16 Prozent zur weltweiten Energieerzeugung bei, vor allem die Biomasse (10 Prozent). Wind- und Wasserkraft sind also weltweit betrachtet noch fast bedeutungslos: Sie trugen nur 3 Prozent zur weltweiten Stromerzeugung bei. Trotz vieler Klimakonferenzen und ehrgeiziger Beschlüsse geht die Erderwärmung weiter. Das Eis an den Polkappen ist deutlich geschmolzen: Die arktische Eiskappe nahm um 35 Prozent auf 4,5 Millionen Quadratkilometer ab.

Der Verlust an Biodiversität macht auch in anderer Hinsicht Sorge: Die Verluste an Feuchtgrünland sind dramatisch. Die Politik versucht gegen die Verarmung gegenzusteuern: Die internationalen Finanzhilfen für den Grünlandschutz stiegen seit 1992 um 38 Prozent auf nunmehr 3,1 Milliarden Dollar im Jahr.

Die Grenze des Wachstums

Wo hört der Regenwald auf? Mit Kettensägen und durch Brandrodung werden die Wälder dezimiert, 1992 wie heute. In Südamerika ist die Waldfläche in den vergangenen 20 Jahren stark geschrumpft, wobei Brasilien zuletzt den Rückgang bremsen konnte. Auch in Afrika sind die Waldflächen seitdem viel kleiner geworden. Dafür geht es vielen Menschen dort besser. In Europa, Nordamerika und Asien nahmen die Waldflächen sogar zu - freilich nicht die Urwälder, sondern vor allem Plantagen zur Holzerzeugung. Zumindest die Industrieländer haben so eines ihrer Versprechen von Rio gehalten: Die Waldfläche auf der gesamten Erde ist bei gut 4 Milliarden Hektar seit 1990 nur geringfügig zurückgegangen.

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