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19. Weltklimakonferenz : Das Klima-Dilemma

Vor der Weltklimakonferenz in Warschau: Protestaktion von Greenpeace an einem polnischen Kohlekraftwerk Bild: dpa

Klimawandel kostet Leben und Geld. Doch je länger über die Reduktion der Treibhausgasemissionen verhandelt wird, desto mehr steigen sie an. Warum auch vom Weltklimagipfel in Warschau nicht viel zu erwarten ist.

          Klimapolitik ist ein wunderliches Geschäft: Je länger über die Reduktion der Treibhausgasemissionen verhandelt wird, von heute an wieder in Warschau, desto stärker steigen sie an. Seit Beginn der Klimadiplomatie Anfang der neunziger Jahre haben allein die Emissionen des bedeutendsten Klimagases Kohlendioxid (CO2) um die Hälfte zugenommen. Das ist merkwürdig. Denn es gilt als sicher, dass der Mensch mit seiner Art zu Leben und zu Wirtschaften den Anstieg der Erdtemperatur verursacht.

          Die Auswirkungen lassen sich nicht nur in Modellen berechnen, sie lassen sich in nüchternen Zahlen ablesen. Die Luft wird wärmer, der Meeresspiegel steigt, Gletscher und die Eismassen auf Grönland gehen zurück. Der größte Rückversicherer der Welt, Munich Re, berichtet, die Anzahl schwerer Unwetter habe sich seit 1980 weltweit nahezu verdreifacht, die der Hochwasser sich in Deutschland und Mitteleuropa seit 1980 verdoppelt. Klimawandel kostet Leben und Geld.

          Das zu verhindern, scheitert nicht an fehlender Erkenntnis sondern an mangelndem Willen und Durchsetzungsvermögen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Klima nur global geschützt werden kann, die Regierungen aber nationalstaatliche Interessen verfolgen. Altruismus ist auch in der internationalen Klimadiplomatie keine Kategorie des Handelns. Dort hinterlassen auch Veränderungen im weltpolitischen Machtgefüge ihre Spuren. Die Industriestaaten sind nicht mehr wie nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Taktgeber internationaler Politik. China und die anderen neuen Industrieländer haben sich ökonomisch emanzipiert, sie spielen in der Weltpolitik eine eigenständige, selbstbewusste Rolle. Amerika ist weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Es steht Verpflichtungen zum Klimaschutz skeptisch gegenüber, auch Barack Obama hält hier mehr vom Reden als vom Handeln. Europa hat, von der Euro- und Wirtschaftskrise gebeutelt, an Vorbildcharakter eingebüßt. Für große Politikentwürfe im Rahmen der Vereinten Nationen, die der Einstimmigkeit bedürfen, sind das schlechte Voraussetzungen.

          Subventionen in dreistelliger Milliardenhöhe

          Um den Multilateralismus steht es nicht gut. Vergeblich wird seit mehr als zehn Jahren über ein neues Welthandelsabkommen beraten, der Weltsicherheitsrat blockiert die Syrien-Politik, das Abkommen zum Schutz der Antarktis ist gerade gescheitert. Beispielhaft sei Russland erwähnt, das auch bei der Weltklimakonferenz zuletzt die Rolle des Blockierers übernommen hat. Das weist auf ein schier unlösbares Problem der Klimaverhandlungen hin. Der für 2015 beabsichtigte Abschluss eines Weltvertrags zur Vermeidung von CO2-Emissionen kann, ist es ernst damit gemeint, nur bedeuten, den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas zu reduzieren. Das liegt nicht im Interesse jener Staaten, die davon leben, die Rohstoffe zu verkaufen. Deren Namensliste ist lang, sie fängt in Afrika und der arabischen Halbinsel an und endet nicht bei Russland und Venezuela. Die Gruppe der Produzenten wird vielmehr größer. Wer hofft, dass die Endlichkeit fossiler Brennstoffe der Nachfrage bald ein natürliches Ende bereiten wird, unterschätzt die Reserven und die Findigkeit, mit neuen Techniken Gas und Öl ans Tageslicht zu holen. Nur wenige Länder sind bereit, auf Techniken wie das „Fracking“ zu verzichten.

          Ein ökonomischer Ansatz, Angebot und Nachfrage zu steuern, wären Handelssysteme für Verschmutzungsrechte wie der europäische CO2-Emissionshandel oder Steuern auf den CO2-Verbrauch. Das könnten die Finanzminister interessieren, würde aber die Bürger gegen sie aufbringen. Schon heute fällt es vielen Regierungen schwer, allein die weltweit in dreistelliger Milliardenhöhe geschätzten Subventionen für Benzin, Kohle und Gas auch nur zu reduzieren.

          Eine Gutschrift für Deutschland

          Die Menschheit verlangt nicht nach weniger, sondern nach mehr Energie, gerade in den Regionen, in denen die Bevölkerung stark wächst. Die Motorisierung und damit die Nachfrage nach Öl steigt; der Bedarf an Elektrizität nimmt zu und damit die nach preiswerter Kohle und Gas für deren Erzeugung. Für die Emissionen und Temperatur bedeutet das: sie steigen. Davor verblassen die von wenigen Staaten zugesagten freiwilligen Reduktionen.

          Auf die deutsche Debatte um mehr Klimaschutz wirft das ein eigenes Licht, machen die Emissionen doch nur 2,5 Prozent jene der Welt aus. Deutschland emittiert im Jahr so viel, wie die Schwellenländer 2012 zusätzlich ausstießen. Denen wäre mehr geholfen, wenn sie energiesparende hiesige Technik einsetzen, als wenn Deutschland zu hohen Kosten höhere Einsparungen erzwingen würde. Dabei geht es nicht nur um Kraftwerke, Chemieanlagen und Automobile.

          Dazu gehören auch die inzwischen hocheffizienten Hersteller von Solaranlagen in Südostasien, die ohne deutsche Technologie und Nachfrage nie so schnell marktfähig geworden wären. Heute können sie dank des milliardenschweren „Anschubs“ aus der Ökostromumlage ihre preisgünstigen Anlagen zur CO2-freien Stromerzeugung in die ganze Welt liefern. Die deutsche Delegation sollte in Warschau dafür eine Gutschrift bei allfälligen Geldforderungen für den Klimaschutz verlangen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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