http://www.faz.net/-gqe-75iam
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.01.2013, 13:55 Uhr

150.000 Plätze fehlen Kommunen regen „Kita-Platz-Sharing“ an

Ab August haben Eltern einen Rechtsanspruch auf ein Betreuungsangebot für ihre Kinder unter drei Jahren. Doch es fehlen aktuell noch rund 150.000 Plätze. Die Not macht die Kommunen erfinderisch. Mehrere Kinder könnten sich einen Kita-Platz teilen.

© dpa Von August an können Eltern die Betreuung einklagen.

Not macht erfinderisch: Angesichts des Mangels an Kita-Plätzen für Kinder unter drei Jahren plädieren die Kommunen für flexible Übergangslösungen. Denkbar sei etwa, dass sich Eltern einen Betreuungsplatz für ihre Kinder teilten, also eine Art „Kita-Platz-Sharing“, sagte der Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Christian Schramm, am Freitag in Berlin. Nicht jeder brauche einen kompletten Kita-Platz für sein Kind.

Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg sagte, auch der Austausch von Erziehern zwischen verschiedenen Städten sei eine Möglichkeit. Viele Erzieher arbeiteten außerdem nicht in Vollzeit. Einige von ihnen seien vielleicht bereit, vorübergehend mehr zu arbeiten.

Vom 1. August 2013 an haben Eltern einen Rechtsanspruch auf ein Betreuungsangebot für ihre Kinder unter drei Jahren. Laut Städte- und Gemeindebund fehlen aktuell noch rund 150.000 Plätze, um diese gesetzliche Garantie einlösen zu können.

Krippengipfel im März

Es gebe auch einen deutlichen Mangel an Erziehern, sagte Schramm. Das bereite den Kommunen große Sorgen. Das Ziel werde bis August wohl nicht ganz zu erreichen sein. Deshalb müssten einige Städte und Gemeinden vermutlich auch mit Klagen von Eltern rechnen, die bei der Suche nach einem Kita-Platz leer ausgehen.

Landsberg sagte, der 1. März sei Stichtag für die Kita-Anmeldungen zum 1. August. Dann müsse es einen Kassensturz und einen Kita-Gipfel mit Bund, Ländern und Kommunen geben. Er beklagte ein Schwarzer-Peter-Spiel zwischen allen Beteiligten beim Thema Kita-Ausbau. Das helfe den Eltern allerdings nicht.

Der Sprecher des Bundesfamilienministeriums, Christoph Steegmans, zeigte sich überrascht über die Einschätzung des kommunalen Spitzenverbandes. Bislang gebe es keinerlei offizielle Mitteilung aus Ländern und Kommunen, dass der Rechtsanspruch nicht zu halten sei. Das Ministerium gehe davon aus, dass sich alle Akteure ihrer Verantwortung bewusst seien. Der Bund habe seinen Beitrag bereits geleistet und das zugesagte Geld für den Kita-Ausbau bereitgestellt.

Die Kommunen haben das Jahr 2012 nach bisheriger Einschätzung mit einer schwarzen Null abgeschlossen, sagte Schramm weiter. Dies sei zum Teil erkauft durch unterlassene Investitionen, beklagte er und sprach von einem Verfall der Infrastruktur. Schätzungen zufolge gebe es bei den Kommunen einen Investitionsrückstand in Höhe von 100 Milliarden Euro.

Mehr zum Thema

Bund, Länder und Kommunen seien mit mehr als zwei Billionen Euro verschuldet, rechnete Schramm vor. „Für Steuersenkungen ist angesichts dieser Situationen kein Platz.“ Eine Diskussion darüber verbiete sich. Stattdessen seien nun Reformen nötig, um die Einnahmen des Staats zu steigern und die Ausgaben zu reduzieren. Die Bürger müssten auch mehr Eigenverantwortung übernehmen, zum Beispiel bei der Vorsorge für das Alter und den Pflegefall.

Eine weitere Herausforderung sei die Energiewende. „Das ist eine Operation am offenen Herzen der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde“, sagte Schramm. Der Umstieg auf neue Energiequellen sei noch lange nicht gelungen. Landsberg warnte vor einer Strompreishysterie: „Die Strompreise sind immer gestiegen“, betonte er. Und das werde auch in Zukunft so sein - unabhängig von der Energiewende.

Quelle: DPA

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Großer Verdi-Warnstreik Streik In Hessen wird morgen gestreikt

Morgen wird in Hessen gestreikt. Nur wann und wo ist nicht klar. Es werden Arbeitsniederlegungen am Flughafen, bei Kitas und der Müllabfuhr erwartet. Mehr

26.04.2016, 07:11 Uhr | Rhein-Main
Video Warnstreiks im öffentlichen Dienst

Vor der zweiten Runde der Tarifverhandlungen für die rund zwei Millionen Bediensteten von Bund und Kommunen hat es am Dienstag Warnstreiks und Kundgebungen gegeben. Mehr

05.04.2016, 17:55 Uhr | Wirtschaft
Gesundheitssystem Einträglicher Betrug

Kassieren für nicht erbrachte Leistungen: Die Politik zeigt sich empört über angeblich massenhaften Betrug der Pflege- und Krankenkassen. Unangemeldete Kontrollen sollen das verhindern. Mehr Von Andreas Mihm, Berlin

19.04.2016, 20:33 Uhr | Wirtschaft
Video Tausendfacher Kindesmissbrauch in nordenglischer Stadt

In Nordengland haben pakistanische Banden mindestens 1.400 Kinder über einen Zeitraum von 16 Jahren sexuell missbraucht. Viele Bürger und Behörden wussten davon. Doch passiert ist nichts. Mehr

20.04.2016, 16:20 Uhr | Gesellschaft
Mehr Einnahmen, mehr Schulden Die Finanzmisere der Städte und Gemeinden

Die Steuereinnahmen steigen, und doch machen viele Kommunen wieder mehr Schulden. Das liegt nicht nur an hohen Kosten für Flüchtlinge. Mehr Von Jan Hauser

20.04.2016, 08:56 Uhr | Wirtschaft

Was Trillerpfeifen übertönen

Von Dietrich Creutzburg, Berlin

Wem gehört der Produktivitätsfortschritt? Verdi und IG Metall lassen für Rentner nichts übrig. Mehr 12 28


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Ungleichheit Norwegens Staatsfonds geht gegen überhöhte Managergehälter vor

Der weltgrößte Staatsfonds will bald Prinzipien zu einer angemessenen Bezahlung für Top-Manager vorstellen. Die Institution ist an mehr als 9000 Unternehmen beteiligt. Mehr 46

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“