Schon kurz nachdem der zweite Zwillingsturm zusammengefallen war, gingen die Schadensberechnungen los - war der Anschlag auf das World Trade Center der größte Versicherungsfall in der Geschichte? Wie hoch sind die Schäden für New York? Ein Jahr nach der Tragödie wird immer noch gerechnet.
Während bei den unmittelbaren Folgen der Attacken mittlerweile einigermaßen Klarheit besteht - Ansprüche an Versicherungen liegen vor, sinkende Fluggastzahlen führten zu ersten Pleiten in der amerikanischen Flugbranche, New York legte kürzlich einen umfassenden Schadensbericht vor -, sind die mittelbaren Kosten viel schwieriger zu berechnen. Natürlich ahnten die Experten, dass die Angst vor weiteren Anschlägen, aber auch die Gefahr eines Krieges zu einer Zurückhaltung der Konsumenten führen würde. Doch um wieviel Prozent drückte das gesunkene Verbrauchervertrauen das Volkseinkommen?
Nachfrageschock und Produktivitätseinbußen
Wie sich die Terroranschläge nicht nur auf die amerikanische Konjunktur, sondern auf die gesamte Weltwirtschaft auswirkten, hat nun das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) zusammen mit internationalen Wissenschaftlern versucht zu kalkulieren. In ihren Untersuchungen kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die direkten Schäden „nur“ 0,1 Prozent des gesamten nationalen Vermögens vernichteten. Im Vergleich zum Erdbeben 1995 im japanischen Kobe (2,5 Prozent) oder dem Wirbelsturm Andrew 1992 (mehr als ein Prozent) also ein überschaubarer Betrag.
Doch weitaus folgenschwerer waren die indirekten Effekte. Dazu gehörten neben dem schon angesprochenen Nachfrageschock die Folgen der massiven zusätzlichen Sicherheitsausgaben. Laut DIW führten die Erhöhung der Sicherheitsaufwendungen in der amerikanischen Wirtschaft zu einer Senkung der Arbeitsproduktivität um 1,12 Prozent. Für sich genommen entspräche das einem Verlust für das amerikanische Bruttoinlandsprodukt von 70 Milliarden Dollar im Jahr. Allerdings räumen die Wissenschaftler ein, dass effizienzsteigernde Maßnahmen wie der Einsatz neuer Technologien die Produktivität wieder erhöhen könnten.
Erhöhte Transaktionskosten
Auf internationaler Ebene führen die verstärkten Sicherheitsbemühungen zu erhöhten Transaktionskosten. Als Transaktionskosten gelten alle Aufwendungen, die rund um den Tausch von Gütern und Dienstleistungen anfallen. Diese erhöhten sich nach den Berechnungen der Wissenschaftler aufgrund der Terroranschläge weltweit um rund einen Prozentpunkt des gehandelten Warenwertes.
Absolut betrachtet entstanden laut DIW die höchsten Wohlfahrtsverluste in Westeuropa, Nordamerika und Nordasien. Die Wohlfahrtsverluste seien absolut gesehen in Südasien, Nordafrika und im Nahen Osten zwar geringer, fielen dort aber im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt stärker ins Gewicht. Nicht zuletzt die hohe Importabhängigkeit in diesen Regionen verstärke die Wirkung.
Ausgleichende Wachstumsimpulse
Insgesamt ergebt sich nach DIW-Kalkulationen eine Abnahme des Weltbruttosozialproduktes um rund 75 Milliarden Dollar, was 0,24 Prozent des Wertes aus dem Jahr 2001 entspricht. Um die Beeinträchtigungen zu kompensieren, müssten nach Auffassung der Wissenschaftler weltweit ausgleichende Wachstumsimpulse geschaffen werden. Dazu gehörten auch ein beschleunigter Abbau von Handelsbarrieren bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation. Dies dürfte auch Entwicklungsländer motivieren, die ursprüngliche Anti-Terror-Koalition weiter zu unterstützen.