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F.A.Z.-Ökonomenpanel : Ökonomen haben immer noch Selbstzweifel

Studenten verfolgen im Hörsaal im Hauptgebäude der Universität zu Köln in Köln (Nordrhein-Westfalen) die Erstsemesterbegrüßung. Bild: dpa

Zehn Jahre nach Ausbruch der großen Finanzkrise ziehen die deutschen Wirtschaftswissenschaftler im Ökonomenpanel der F.A.Z. Bilanz: Was hat sich in Forschung und Lehre seitdem geändert?

          Rund zehn Jahre nach Ausbruch der großen Finanzkrise beschäftigt sich die Profession der Ökonomen noch immer mit der Frage, ob und wie sehr ihre Wissenschaft sich verändern muss. Eine Mehrheit sieht Reformbedarf in Forschung und Lehre. Dies zeigt das aktuelle Ökonomenpanel, eine regelmäßige Umfrage des Ifo-Instituts in Zusammenarbeit mit der F.A.Z. Befragt werden alle deutschen Wirtschaftsprofessoren mit Universitätslehrstühlen. Fast zwei Drittel (64 Prozent) der rund 150 antwortenden Professoren stimmen zu, dass sich Forschung und Lehre durch die Finanzkrise ändern sollten.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Als Begründung wird am häufigsten genannt, dass die Annahmen der vorherrschenden Modelle der Makroökonomie oder der Finanzmarktökonomie zu weit von der Realität abwichen oder dass Finanzmärkten generell zu wenig Beachtung geschenkt worden sei. Die Ökonomen sehen mehr noch vonseiten der Studenten als vonseiten der Fachwelt den Druck, Modelle und Modellannahmen zu hinterfragen. Laut den Umfrageergebnissen hat die Verhaltensökonomik – die etwa die neoklassische Annahme eines vollständig rational und eigennützig handelnden „Homo Oeconomicus“ anzweifelt – seit der Krise an Bedeutung gewonnen. Es gab für Vertreter dieser Fachrichtung schon mehrere Nobelpreise. Außerdem haben seit der Krise empirische Arbeiten gegenüber rein theoretischen Modellen noch mehr an Bedeutung gewonnen.

          Kritik von Hans-Werner Sinn 

          Eine knappe absolute Mehrheit (51 Prozent) der Professoren gibt an, sie habe durch die Finanzkrise ihre eigene Forschung und Lehre verändert – weil Interesse der Studenten bestand, weil es neue Daten gebe oder weil sie mehr Vielfalt der Denkwelten zulassen wollen. Die andere knappe Hälfte indes, die nichts geändert hat, kommt überwiegend aus ganz anderen Bereichen der Volkswirtschaftslehre, die mit Finanzmärkten oder Makroökonomie kaum etwas zu tun haben. Daher sahen sie keine Notwendigkeit eines Wandels ihrer Lehre und Forschung. Eine deutliche Mehrheit der Wirtschaftsprofessoren sieht, dass der Einfluss der Ökonomen in Politik und Medien durch die Krise eher gelitten hat und es einen Ansehensverlust gab, vor allem in den Bereichen Finanzen, Makroökonomie und Konjunkturprognosen.

          Je offener die Antworten werden, desto mehr zeigt sich eine vielfältige Diskussion in der Profession. „Den häufig geäußerten Vorwurf, die Ökonomen hätten die Finanzkrise nicht vorhergesehen, halte ich für falsch“, sagt etwa die Bonner Professorin Isabel Schnabel, die Mitglied des Sachverständigenrates („Wirtschaftsweise“) ist. „Richtig ist hingegen, dass die Bedeutung des Finanzsystems für makroökonomische Zusammenhänge unterschätzt wurde. Gerade in diesem Bereich ist die Forschung seit der Finanzkrise sehr aktiv“, fügt Schnabel hinzu.

          Eher skeptisch zeigt sich der langjährige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der eine zu abgehobene Forschung moniert: „Eine erstaunlich hohe Zahl von Kollegen widmet sich trotz der Krise der Suche nach zeit- und raumlos richtigen Wahrheiten, so als sei nichts gewesen.“ Einige Professoren mahnen an, mehr Vielfalt der Forschungsansätze und Sichtweisen zuzulassen. Andere sehen auch eine Schuld der Medien, die ein zu simples Bild der Ökonomen zeichneten.

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