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Wiener Galerien : Datenströme im Kopfkissen

  • -Aktualisiert am

Auf dem Wiener Galeriefestival „curated by“ zeigen Kuratoren wie Max Hollein, Carson Chan oder Francesco Stocchi, was Künstler über das Bett als Home Office denken.

          Für einen Zuwachs an Aufmerksamkeit werden international unzählige Biennalen oder Kunstwochen organisiert. Die Wiener Galerien gehen mit dem Ausstellungsprojekt „curated by“ einen eigenen Weg. Seit 2009 werden jährlich rund zwanzig ausländische Kuratoren eingeladen, um eine Schau unabhängig vom Galerienprogramm zu konzipieren. Diese Vernetzungsstrategie mit Ausstellungsmachern, auf deren Landkarte Wien als Ort zeitgenössischer Kunst zuvor oft nicht vorkam, ist ein Erfolgsmodell.

          Das parallel zur Kunstmesse Viennafair stattfindende Festival wird durch Unterstützung eines kommunalen Fördertopfs für die Kreativwirtschaft ermöglicht. Jede beteiligte Galerie erhält ein Budget von 9000 Euro. Das Leitmotiv für curated by 2014 liefert die Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina mit ihrem Essay „The Century of the Bed“. Die auf das Verhältnis von Architektur und Medien spezialisierte Princeton-Professorin untersucht darin das Bett als neuralgischer Punkt für unser transformiertes Raumverständnis. Was hat das zu bedeuten? Vormals intimer Ort von Rückzug, Erholung und Lust, flößen im weichen „Home Office“ heute die Datenströme durch die Federn. Kreative Schöpfungsakte seien in der Horizontalen einst der Boheme vorbehalten gewesen – man denke an „Bett-Schreiber“ wie Marcel Proust –, heute werde die Liegestatt nun zusehends zur Produktionszelle der rastlosen Informationsgesellschaft.

          Es spricht für das Niveau von curated by, dass sich keiner der Kuratoren einfach nur am kunsthistorischen Fundus von Bettdarstellungen bedient hat. Besonders sympathisch geht Max Hollein das Verhältnis von Kunst, Architektur und Medien in seiner Schau „Little Nemo“ an. Die Wände der Galerie Thoman wurden dafür mit Bildern des gleichnamigen Comics tapeziert, das von 1905 bis 1913 wöchentlich in New Yorker Tageszeitungen erschien. Die Schau zeigt aber auch Originalzeichnungen mit dem von Winsor McCay erfundenen Knirps, der in seinen Träumen in surreale Labyrinthe aus Wolkenkratzern, Stiegenschleifen oder bauwerkhohen Himbeerstauden abtaucht. Mitten im Raum tropft Julia Bornefelds Skulptur „Melaton 45“ (22.000 Euro) von der Decke und einem metallenen Bettrost. Der Titel der Arbeit verweist auf die Pille, die ruhigen Schlaf verspricht. Die großnasigen Bronzen von TalR und Franz Wests „Lemurenkopf“ gleichen hingegen Albtraumwesen. Bruno Gironcolis Installation „Vielteilige Figur mit weißen Linien“ von 1968 wirkt wie ein Bühnenstück mit Turbinen (280.000 Euro). Historisch holt Hollein auch mit Walter Pichlers klinisch-weißem Liegetrio „Schlafsaal“ samt Phallusobjekt und eingebautem Radio aus sowie mit der „Sigmund Freud Couch“ seines Vaters Hans Hollein, der 1984 Analytikersessel und Patientensofa miteinander verschmelzen ließ (Preis auf Anfrage).

          Das Abtauchen in neue mentale und digitale Räume thematisieren die Videoinstallationen, die der 1980 geborene Kurator Carson Chan für Galerie Kerstin Engholm ausgesucht hat. In seiner Schau „Surface Modeling“ läuft Jeremy Shaws Video „DMT“ auf acht Bildschirmen: Der Künstler zeigt seine Freunde, denen er die halluzinogene Droge Dimethyltryptamin verabreicht hat, mit ekstatischen Gesichtern. Untertitel erzählen von späteren Schilderungen der Bewusstseinserweiterung. Wozu verkommt die physische Umgebung in Konkurrenz zu den künstlichen Welten der Animation? Der Künstler Jon Rafman kontrastiert in seinem zynischen Video „Betamale“ Phantasiewelten barbusiger Mangafiguren mit Bildern ekeliger Messie-Wohnungen von Computernerds (10.540 Euro). Wie eine Replik auf diese Männerphantasien wirken die Bodenmatten von Britta Thie „surface modeling“: Die auch als Model tätige Künstlerin hat die Plastikflächen mit einem perfekten Foto ihres eigenen Gesichts bedruckt, in dem sie auf höchst laszive Weise den Mittelfinger zeigt (8800 Euro). Die digitalen Gesichter hat sie in eine gestaltbare Fläche umgewandelt.

          In der benachbarten Galerie Georg Kargl hat Kurator Francesco Stocchi das Thema Architektur ganz praktisch umgesetzt: In der Schau „I know not to know“ wird den Besuchern der Weg in die Galerieräume im Souterrain versperrt, sie müssen nun um den Häuserblock herum zum Lieferanteneingang gehen. Wie reale Räume auf mediale Weise transformiert wiederkehren, ist ein zentraler Topos der so eleganten wie spannenden Schau, die als historische Position die 1993 verstorbene Schweizerin Heidi Bucher integriert, die immer noch unterschätzt ist. In ihren „Raumhäutungen“ der siebziger Jahre hat Bucher ganze Zimmer und die Möbel mit Latexmilch und Leinwand bedeckt und die gehärtete Schicht danach abgezogen. Die jetzt gezeigten Ergebnisse umfassen die Haut eines Schrankes unter dem Titel „Psychiatrische Anstalt in Kreuzlingen“ (49.000 Euro), eines Betts mit Rüschenwäsche oder auch einfach einer Türklinke. Ein Foto zeigt eine „Raumhaut“, die Bucher im Freien wieder aufstellte. Um perspektivisches Falten, Spiegeln und Verschachteln kreisen die Arbeiten von Andreas Fogarasi, Erin Shirreff und Nunzio, die Buchers Werke umkreisen. Der Wiener Fogarasi zeigt zwei seiner „Étoiles“ (15.000 Euro), sternförmige, verspiegelte Stellobjekte, die er mit Fotos von Bauten und architektonischen Details versieht. Die Kanadierin Erin Shirreff erforscht mit fotografierten Papierskulpturen den Grenzbereich zwischen Bild und Plastik (45.000 Euro), und der 1954 geborene Turiner Bildhauer Nunzio baut tiefschwarze Wand- und Raumobjekte aus verbranntem Holz und Blei (20.000 bis 22.000 Euro). (Alle 21 Ausstellungen zu „The Century of Bed“ laufen bis zum 8. November.)

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