11.02.2004 · Die Arbeitsagenturen sollen sich künftig aneinander messen / Einsparungen von 550 Millionen Euro angepeilt
clb. FRANKFURT, 10. Februar. Dresden ist Duisburg näher als Düsseldorf. Zumindest sehen das die Reformer in der Bundesagentur für Arbeit (BA) so. Mit der Neuordnung in Nürnberg hat sich für die Mitarbeiter in den Agenturen für Arbeit auch die deutsche Landkarte geändert: Deutschland ist ein riesiger Fleckenteppich. 180 Farbkleckse, für jeden Arbeitsamtsbezirk einen. Im Süden dominieren blaue Flächen, im Osten taucht viel Gelb auf. Duisburg bildet wie Dresden einen braunen Spritzer, während sich Düsseldorf in kräftigem Rot davon deutlich absetzt.
Mit Akribie haben die Arbeitsmarktforscher der BA jeden Arbeitsamtsbezirk untersucht und mit einer entsprechenden Farbe auf der Landkarte vermerkt. Rot steht für Zentren mit günstiger Arbeitsmarktlage und hoher Dynamik, Gelb für ostdeutsche Bezirke mit schlechten Bedingungen und Braun für großstädtisch geprägte Bezirke mit hoher Arbeitslosigkeit. Insgesamt gibt es zwölf solcher Typen, jeder mit eigenem Farbton.
Mit der neuen Landkarte will die Zentrale in Nürnberg den neuen Agenturen den Geist des Wettbewerbs einhauchen. Sie sollen sich aneinander messen. "Benchmarking" und "Best practice" heißt das im neuen Sprachduktus. Anhand eines langen Kriterienkatalogs wird ermittelt, welche Agenturen in welchen Bereichen am besten und welche am schlechtesten abschneiden. Der Katalog reicht von der Frage, wie lange es dauert, eine Stelle zu besetzen, bis zu den Kosten und dem Erfolg der Weiterbildungs- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Da sich die Arbeitsagentur Stralsund kaum mit Traunstein vergleichen läßt, müssen Gruppen vergleichbarer Agenturen gebildet werden. So tritt Duisburg mit Dresden in Wettbewerb, Düsseldorf konkurriert mit Frankfurt, München oder Stuttgart. Für die Behörden bedeutet das einen Quantensprung. Denn bisher maß sich ein Amt allenfalls mit seinem Nachbarbezirk; viele wurstelten im stillen vor sich hin.
"Es gibt große Leistungsunterschiede zwischen den Agenturen für Arbeit, obwohl sie methodisch vergleichbar sind", stellte BA-Finanzvorstand Frank-Jürgen Weise jüngst in Nürnberg fest. Genauer wollte er sich dazu nicht äußern. Denn das Thema ist heikel. Kein Amtsleiter will in der Öffentlichkeit als Versager dastehen. Die Bereitschaft zu Reformen könnte schnell schwinden, wenn einzelne an den Pranger gestellt werden. "Es wird eine neue Führungsaufgabe sein, die Differenzen auszumerzen", drückt sich der BA-Vorstand denn auch diplomatisch aus. Die Transparenz sei aber ein sehr großer Erfolg. Damit werde eine "objektivierbare Führung der BA" möglich. In der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen reicht beispielsweise die durchschnittliche Dauer, bis eine Stelle besetzt ist, von 20 bis zu 52 Tagen, und die Kosten, um einen Erwerbslosen über die berufliche Weiterbildung in Arbeit zu bringen, schwanken zwischen 11 000 und 13 000 Euro.
In den Agenturen selbst wird der neue Kurs offiziell gutgeheißen. Dennoch ist Skepsis zu spüren. Man könne die Agenturen nicht in zwölf Klassen einteilen, heißt es. Beispielsweise gebe es in Dresden ein völlig anderes Mietniveau als in Duisburg. Daher könnten die Kosten nicht miteinander verglichen werden. Und was passiert, wenn in Duisburg ein Großunternehmen Konkurs anmeldet und mit einemmal Hunderte Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren?
Die Bundesagentur verspricht sich von dem Wettstreit nicht nur einen besseren Service für die Arbeitsuchenden, sondern auch handfeste Einsparungen. 550 Millionen Euro Einsparungen sind für dieses Jahr mit den Regionaldirektionen vereinbart worden. Diese feilschen jetzt mit den Agenturen für Arbeit, wieviel jede einzelne sparen kann, um dieses Ziel zu erreichen. Ungeachtet des Sparkurses sollen gleichzeitig wieder mehr Menschen den Sprung auf den Arbeitsmarkt schaffen. Die Nürnberger Zentrale will eine Steigerung von 15 Prozent erreichen. Auch das muß in den Zielvorgaben für die Agenturen vor Ort übersetzt werden.
Unmittelbare Konsequenzen hat ein gutes oder schlechtes Abschneiden im Wettbewerb nicht. "Es geht erst einmal um die Anerkennung", erklärt Bereichsleiter Rudolf Knorr. Es sei schon ein Fortschritt, daß Agenturen ihr schlechtes Abschneiden erklären müßten. Die Verträge mit Führungskräften würden aber nur noch befristet abgeschlossen, um so zur Leistung anzuspornen. Auf lange Sicht denkt man in den Reformschmieden in Nürnberg auch über finanzielle Anreize wie in der Privatwirtschaft nach. Bisher winkt Bereichsleiter Knorr aber noch ab. "Das ist Zukunftsmusik."
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.524,40 | +0,56% |
| EUR/USD | 1,2484 | −0,46% |
| Rohöl Brent Crude | 106,74 $ | −0,48% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |