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WAZ-Gruppe Nach den Zechen sterben die Zeitungen

Die Krise des Ruhrgebiets ist auch die Krise seiner Zeitungen. Der mit 5,2 Millionen Einwohnern größte deutsche Ballungsraum hat ein Wahrnehmungsproblem.

© dapd Vergrößern Die Schließung der Redaktion der „Westfälischen Rundschau“ trifft Dortmund hart.

Die Krise des Ruhrgebiets ist auch die Krise seiner Zeitungen. Der mit 5,2 Millionen Einwohnern größte deutsche Ballungsraum hat ein Wahrnehmungsproblem. Belegt mit einem Klischeeteppich, gewinnt er nur mit schwarz-gelben und blau-weißen Trikots breitere Aufmerksamkeit. Dabei ist in Essen der drittgrößte Zeitungsverlag Deutschlands zu Hause, doch keines seiner vier Blätter schafft es in Berlin oder auch nur in Köln an den Kiosk. Die WAZ-Gruppe, die 2011 einen Umsatz von - ohne Auslandsgeschäfte - 1,3 Milliarden Euro erwirtschaftete, ist ein grauer Riese - ähnlich grau, wie das Ruhrgebiet von außen gesehen wird. An der journalistischen Kompetenz liegt das nicht. „Die Zeitungen“, so Hans Bohrmann, langjähriger Direktor des Instituts für Zeitungsforschung in Dortmund, „werden betont kaufmännisch geführt.“ Hauptsache, die Rendite stimmt.

Andreas Rossmann Folgen:

Die Geschäfte liefen jahrzehntelang wie geschmiert, die Tageszeitungen und mehr noch die Anzeigenblätter galten als Gelddruckmaschinen. Mitte der siebziger Jahre war die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) als Sieger aus einem Konzentrationsprozess hervorgegangen, der dem Verlag eine monopolähnliche Stellung sichert, der selbst die „Bild“-Zeitung wenig anhaben kann. Am Anfang stand 1973 ein Anzeigenverbund mit der „Westfalenpost“ (WP) in Hagen, der 1975 um die „Westfälische Rundschau“ (WR) in Dortmund erweitert wurde. Schon im Herbst 1974 waren Lokalredaktionen von WAZ und WR fusioniert worden; ein Jahr später wurde die „Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung“ (NRZ) in Essen der WAZ-Gruppe einverleibt. Allein die „Ruhr Nachrichten“ (RN) in Dortmund blieben selbständig. Nach den Zechen starben die Zeitungen, vor den Stahlproduzenten fusionierten die Presseverlage.

Beschleunigung des Abwärtstrends

In vielen der 53 Ruhrgebietskommunen unterhielt die WAZ-Gruppe zunächst zwei Vollredaktionen, eine Doppelpräsenz, die schrittweise abgebaut und 2009 durch ein „Content-Desk“ in Essen auf die Lokalteile zurückgeschnitten wurde. Kleine Wettbewerber wurden aufgekauft oder aus dem Markt gedrängt. Von der niederländischen Grenze im Nordwesten bis tief ins Sauerland im Südosten reicht das Verbreitungsgebiet der vier Zeitungen, die von den Verlegerfamilien Brost (sozialdemokratisch) und Funke (konservativ) kostenbewusst und mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen geführt wurden. Bis auf 1,5 Millionen Exemplare stieg Mitte der neunziger Jahre die Gesamtauflage. Heute sind es, nach eigenen Angaben, „rund 700 000“. Während die deutschen Tageszeitungen im Schnitt einen Rückgang von 2,2 Prozent im Jahr beklagen, beträgt er bei den Zeitungen der WAZ-Gruppe vier bis fünf Prozent. Die höchsten Verluste verzeichnet die WR: Ihre Auflage ist seit 2008 um 30 000 auf 115 000 Exemplare gesunken.

Der Niedergang der WR hat gesamtwirtschaftliche wie auch hausgemachte Gründe. 2005 wurden die vier Stadtteilredaktionen geschlossen, seit 2009 wird der größte Teil des Mantels vom „Content-Desk“ geliefert. Beides beschleunigte den Abwärtstrend, der nun einen weiteren Schub erhalten dürfte. Denn statt die Kräfte in Dortmund, wo es auch noch eine Rumpflokalredaktion der WAZ gibt, zu bündeln, löst die Konzernleitung die WR-Redaktion auf und führt, ein in der deutschen Presselandschaft bisher einmaliger Vorgang, nur den Titel fort. Der Mantel wird der WR aus Essen zugeliefert, die Lokalteile - außer in Wetter/Herdecke und Ennepe-Süd, wo die WP einsteigt - von konkurrierenden Verlagen: in Dortmund, Lünen und Schwerte von den RN, in Unna und Kamen vom „Hellweger Anzeiger“, im Märkischen Kreis vom Märkischen Zeitungsverlag in Lüdenscheid. Anders als die NRZ im Westen und die WP im Süden des Ruhrgebiets, die etwa die gleiche Auflage haben, ist die WR nur mit zwei ihrer vierundzwanzig Ausgaben Marktführer. Wie lange der Kopf nach dieser Entleibung überleben kann, ist die Frage.

Ende des Gleichgewichts

Mit der Entscheidung, die am 1. Februar umgesetzt wird, zieht der Konzern neue Saiten auf und beendet die Tradition, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Die harte Hand, mit der geführt wird, ist kalt geworden: 120 feste und etwa 180 freie Mitarbeiter sind betroffen. Statt Arbeitsplätzen ist der Anzeigenverbund gesichert.

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