19.10.2011 · Am Sonntag stellt sich Präsidentin Kirchner den Wählern. Trotz hoher Inflation ist sie gerade bei den Armen beliebt, an ihrer Wiederwahl gibt es kaum Zweifel.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresDelia hatte Glück. Sie hat zusammen mit ihrem siebenjährigen Kind und ihrem Mann eine nagelneue Wohnung beziehen können. In den Armenvierteln der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires sind in den vergangenen Jahren anstelle der Hütten aus zusammengeklaubten Backsteinen, Wellblech und Plastikplanen immer mehr massive Wohnblocks entstanden. Aus müllübersäten Pfaden sind regelrechte Straßen geworden, an denen sich Geschäfte, Bars und Kioske eingenistet haben. Als es in der „Verborgenen Stadt“ am südlichen Rand von Buenos Aires mit dem Häuserbau anfing, gab es auch Arbeit, weil die Bewohner an den Bauarbeiten beteiligt wurden.
Die Regierung des Präsidentenehepaars Néstor und Cristina Kirchner hatte das Wohnungsbauprogramm in den Elendsquartieren weitgehend einer der beiden Organisationen der „Mütter der Plaza de Mayo“ überlassen. Die Kinder dieser Frauen waren in der Diktatur von der Staatsmacht entführt und gefoltert worden, sie zählen zu den Verschwundenen. Das Wohnungsbauprojekt „Gemeinsame Träume“ mehrte das Ansehen der Regierung, brachte ihr allerdings auch einen der größten Skandale der vergangenen Jahre.
„Plötzlich zahlten sie nicht mehr oder nur mit Verspätung, und dann entließen sie die ersten“, erzählt Delia. „Außerdem waren die Häuser, die sie übergaben, von miserabler Qualität, die Wasserleitungen leckten, Gas strömte aus. Die Decke ist mir in der kurzen Zeit, die wir dort wohnen, schon zehn Mal buchstäblich auf den Kopf gefallen, der Fußboden wölbt sich, es dringt Wasser ein, wir wissen nicht, woher es kommt.“ Seit ruchbar wurde, dass der von den „Müttern der Plaza de Mayo“ mit dem Wohnungsbau beauftragte Sergio Schoklender mutmaßlich große Beträge aus dem für das Wohnungsprogramm bestimmten Etat veruntreut und Materialien für private Zwecke abgezweigt hat, sind die Bewohner der neuen Häuser auf sich gestellt. „Keiner kommt mehr, um etwas zu reparieren, keiner ist mehr zuständig“, sagt Delia. Andere Frauen mit den gleichen Problemen pflichten ihr bei.
Wenn Argentiniens Präsidentin vom „Projekt“ oder dem „Modell“ spricht, das ihr vor einem Jahr verstorbener Mann Néstor begonnen habe und das es fortzusetzen gelte, meint sie Programme wie den Wohnungsbau in den Armenvierteln, Sozialhilfe für den Familienvorstand oder eine neue Form von Kindergeld. Projekte zur Schaffung von dauerhaften Arbeitsplätzen sind nicht dabei. Ein Arbeitsbeschaffungsplan ist eingestellt worden.
Der Wohnungsbau war in den Armenvierteln eine der wenigen Möglichkeiten, mit regelmäßiger Beschäftigung ein bescheidenes Einkommen zu erzielen. Auch das ist jetzt weggefallen, zumindest bis die Vorgänge um die Veruntreuung der Mittel und Materialien geklärt sind. Die seit Mitte des Jahres laufenden Ermittlungen der Justiz sind offensichtlich so lange hinausgezögert worden, dass erst nach den Präsidentenwahlen an diesem Sonntag Details bekannt werden, welche die Regierung und die „Mütter“-Organisation belasten.
Auch wer Arbeit auf dem Bau hatte, konnte von heute auf morgen gefeuert werden - wenn er sich nicht an Kundgebungen von regierungstreuen Organisationen beteiligte, zu denen vor allem die „Mütter der Plaza de Mayo“ zählen. „Sie kamen mit dem Bus und führten Buch darüber, wer mitfährt und wer nicht, und wer nicht einstieg, verlor seinen Lohn und wurde entlassen, selbst wenn er seit morgens früh um 7 gearbeitet hatte“, erzählt Delia. „Das war die Strafe für die Nichtbeteiligung. Den meisten hier ist die politische Partei egal, sie wollen nur ihre Familie ernähren, fahren dann eben mit zur Plaza de Mayo und demonstrieren oder protestieren, gleich für oder gegen wen.“
Der Klientelismus hat in den Armenvierteln Argentiniens viele Gesichter. Eines gehört „Pocho“. Das ist in der „Verborgenen Stadt“ der Verbindungsmann zu den „Müttern der Plaza de Mayo“ und damit auch zum Regierungslager. Er lebt mittendrin in einem vergleichsweise feudalen Domizil und war, bis zum Ausbruch des Skandals, Schoklenders rechte Hand auch in anderen Elendsvierteln. Rubén „Pocho“ Brizuela war mit seiner „patota“, einer bewaffneten politischen Schlägertruppe, sozusagen der Sicherheitschef der „Mütter“-Organisation. Aber er war auch für die Auszahlung der Löhne an die Bauarbeiter zuständig.
Bewohner der „Verborgenen Stadt“ haben beobachtet, wie vor seinem Haus immer wieder Luxusautos parkten. Pocho kommt, wie Delia erzählt, noch immer gelegentlich mit einem Lastwagen in das Viertel und lässt Gaben verteilen. „Kürzlich gab es Fleisch, Joghurt, Schokolade, Shampoo, Reis. Wer es bemerkt, hat Glück. Über die Gratislieferungen informiert Pocho ansonsten nur seine Leute, aus persönlicher Großzügigkeit gibt er uns das bestimmt nicht.“
Gewalt, Kriminalität und Drogenhandel haben in den vergangenen Jahren in den Armenvierteln Argentiniens erheblich zugenommen. Daran haben auch alle Urbanisierungsversuche nichts geändert. In der „Verborgenen Stadt“ weiß jeder, wo gerade Rauschgift zu haben ist. Wenn Bewohner Anzeige erstatten, dann nur anonym, denn möglicherweise unterhält ausgerechnet der Polizist, der sich des Falls annimmt, „Geschäftsbeziehungen“ mit der dortigen Drogenszene.
Gerade in den Armenvierteln entfaltet seit etwa drei Jahren aber noch ein ganz anderes Gift seine Wirkung: die Inflation. Sie trifft vor allem die Unterschicht, weil die den Großteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel aufwendet, deren Preise in Argentinien in besonders hohem Maß gestiegen sind. Das Problem wird von der Regierung konsequent verdrängt und geleugnet. Sie spricht von „Preisverzerrungen“. Unabhängige private Meinungsforschungsfirmen haben für 2010 eine Inflationsrate von rund 25 Prozent errechnet, gefühlt liegt sie bei 30 Prozent. Doch ist es den Instituten unter Strafandrohung untersagt, derlei Zahlen zu verbreiten. Das hat dazu geführt, dass die Ergebnisse der Marktforschung vom Kongress veröffentlicht werden, um den Instituten Strafverfahren zu ersparen. Die staatliche Statistikbehörde „Indec“ liefert auf Druck der Regierung geschönte Werte, aber sie gab immerhin zu, dass die Inflationsrate im vergangenen Jahr bei - immer noch beachtlichen - 10,9 Prozent gelegen habe.
Den Bewohnern der Armenviertel frisst die Inflation buchstäblich die Zuwendungen weg, die ihnen die Regierung als Stütze für den Haushaltsvorstand oder als Kindergeld zukommen lässt. Sie haben viel weniger oder gar keine Möglichkeiten, die Folgen der Inflation durch Preisvergleich oder mit Hilfe von Rabattaktionen, dem Jonglieren mit Kreditkarten oder über Ratenzahlungen abzumildern, wie die gleichfalls von den Teuerungswellen gebeutelte Mittelschicht. Deren Angehörige nehmen bisweilen weite Wege in Kauf, um das günstigste Preisangebot zu erkunden. Bei Ratenzahlungen schauen sie nicht auf die exorbitanten Zinsen, sondern auf die Höhe der Raten und darauf, ob sie die monatlichen Abzahlungen verkraften können.
Auch in den besseren Vierteln und Gemeinden im Großraum Buenos Aires wurde in den vergangenen Jahren viel gebaut. Silvina und Fernando, 36 und 34 Jahre alt, sind mit ihrem zehn Monate alten Sohn in einen Neubau in einem Viertel gezogen, das sie früher eher gemieden hätten. Aber dort war die Wohnung, die ihren Wünschen und Bedürfnissen entsprach, noch erschwinglich. Da es viele ihres Alters mit ähnlichen Einkunftsverhältnissen ihnen gleichtun, erleben Stadtviertel wie Abasto, Parque Patricios oder Chacarita eine Wiedergeburt. Silvina und Fernando sind ein typisches Paar aus der jungen, konsumfreudigen Mittelklasse. Er ist Bankangestellter, sie hat ihren Beruf als PR-Frau aufgegeben, um sich dem Nachwuchs zu widmen. Die beiden haben ein Mittelklasse-Auto, das sie auf Raten gekauft haben, und sie leisten sich hin und wieder ein Essen in einem Restaurant der mittleren Preiskategorie, wo die Inflation den Preis von einem „Bife de Lomo“, einem Filetsteak, das vor ein, zwei Jahren noch umgerechnet sieben Euro gekostet hat, auf zwölf Euro hochgetrieben hat. Im Supermarkt schöpfen Silvina und Fernando alle Rabattangebote aus, und mit ihrer Kreditkarte begleichen sie die Rechnung in Raten.
Die Inflation hat dem Bauboom zusätzlichen Schub verliehen. Die Branche rechnet in diesem Jahr mit einer Zunahme der privaten Projekte um neun Prozent. Überall in den Straßen von Buenos Aires werden Hauslücken mit neuen, funktionellen Wohnhäusern oder gar Hochhaustürmen ausgefüllt. Im Hafengebiet von Puerto Madero ist ein ganz neues Stadtgebiet aus Wolkenkratzern entstanden. Die Wohnungen dort können sich nur die ganz Reichen leisten. Sie sind meist auch nur Investitions- und Spekulationsobjekt. Immobilien haben sich in Argentinien von jeher als eine der ganz wenigen Möglichkeiten erwiesen, privates Kapital über unruhige Zeiten hinwegzuretten. In der Krise der Jahre 2001 und 2002 waren Wohnungen und Häuser spottbillig, doch konnte sie niemand kaufen, weil das Geld auf den Konten zum großen Teil verschwunden war und es keine Kredite gab. Als sich danach, in der Regierungszeit des Präsidenten Néstor Kirchner (2003 bis 2007), die Wirtschaft stabilisierte, schnellten die Immobilienpreise wieder in die Höhe.
Fernando hatte seine erste 68 Quadratmeter große Wohnung in einem Viertel der oberen Mittelklasse Ende der neunziger Jahre für 72.000 Dollar gekauft. In der Krise hätte er gerade 50.000 Dollar dafür bekommen. 2006 hat das Paar die Wohnung für 110.000 Dollar losgeschlagen und konnte damit praktisch das neue Zuhause in dem weniger attraktiven Viertel bezahlen. Den meisten Angehörigen der Mittelschicht sitzt die Krise, die vor zehn Jahren Argentinien in den Grundfesten erschütterte, noch immer im Nacken. Sie befürchten, dass nun die Inflation ihre mühsam zusammengetragenen Ersparnisse dahinschwinden lässt. Sie wollen nicht noch einmal einen großen Teil ihres Vermögens verlieren. In Argentinien eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen ist allerdings schon deshalb nicht einfach, weil immer noch Hypothekenkredite kaum oder nur zu exorbitanten Bedingungen zu bekommen sind. Der Großteil der Wohnungsverkäufe wird deshalb ganz einfach über Barzahlung abgewickelt. Woher das Geld kommt, bleibt das Geheimnis der Käufer. Nur noch wenige der halbwegs Betuchten vertrauen seit der Krise dem Staat und den Banken.
Quer durch alle Einkommensschichten befürchten die Argentinier, dass die nächste Katastrophe droht, wenn die Regierung nicht bald nach den Wahlen am Sonntag entscheidende Schritte zur Bekämpfung der Inflation unternimmt. Die einen haben ihr Geld vorsorglich auf Auslandskonten deponiert. Allein in den vergangenen drei Monaten sind schätzungsweise fast zehn Milliarden Dollar abgeflossen. Die anderen horten ihre ersparten Summen zu Hause und müssen einen Weg finden, sackweise die Geldscheine beim Notartermin dem Verkäufer zu übergeben - ohne Gefahr zu laufen, auf dem Weg dorthin überfallen zu werden.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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