Home
http://www.faz.net/-gpc-75lc0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Wagnisse im Schnee (1) Es werde Licht!

Der Mensch braucht Vitamin D zum Überleben. Sein Körper bildet es im Kontakt mit der Sonne. Was aber macht man, wenn sie nicht eine Sekunde lang scheint, so wie im Polarwinter auf der Insel Senja in Nordnorwegen?

© dpa Vergrößern Die Mythologie kennt viele Erklärungen für das Nordlicht. Vielleicht langweilt sich der Himmel aber auch nur in der Polarnacht und vertreibt sich ein bisschen die Zeit.

Als ich am Morgen nach der ersten Nacht aufwachte, fühlte ich mich, als sei alles aus und vorbei; als sei vor ein paar Stunden die Welt untergegangen, ohne dass ich es bemerkt hätte; als sei irgendwann zwischen drei und vier die Uhr des Universums einfach stehengeblieben wie ein kaputter Wecker; als irrte ich jetzt als Zombie außerhalb von Raum und Zeit durch eine Wirklichkeit, die es gar nicht mehr gibt; oder aber als sei ich in die schwarze Hölle hinabgestoßen worden, obwohl ich sie gar nicht verdiene, jedenfalls meiner Meinung nach, hallo, Sie da oben! Es war ein apokalyptisches Erwachen, denn draußen war es Tag und trotzdem so stockfinster, als sei alle Hoffnung für immer von dieser Erde gewichen. Ich fühlte mich also ein bisschen tot und beschloss, der einzig relevanten Frage auf den Grund zu gehen: Wie nur überleben die Menschen die ewige Dunkelheit der nordnorwegischen Polarnacht?

Jakob Strobel y Serra Folgen:  

***

Tommy sagt, dass er jeden Tag Lebertran trinke wegen des Vitamins D, den normalen Kabeljautran, direkt aus der Flasche, er sei das ja gewohnt. Seine Frau und seine Kinder bekämen allerdings die Variante mit Zitronengeschmack. Dann überlegt er lange, wird dabei immer ratloser und sagt schließlich, dass er mit dem Winter eigentlich kein Problem habe, im Gegenteil. Er verbringe viel Zeit mit seiner Familie, mache mit seinem Hund Langlauf und freue sich ansonsten darauf, dass es eines Tages wieder heller werde. Er sei ohnehin kein Freund der Hitze. Dreißig Grad seien schon schwer auszuhalten, und einmal habe er einen Monat lang in Singapur arbeiten müssen, das sei ein Albtraum gewesen. Tommy sieht zwar genauso aus, wie man sich einen Bilderbuchnordnorweger vorstellt - blondes Haupthaar, blonder Vollbart, fjordwasserklare Augen -, spricht aber nicht nur von seinem Singapurer Schreckenserlebnis mit einer solchen Unaufgeregtheit und einem solchen Gleichmut, als sei er in Wahrheit kein Abkömmling des schreckensverbreitenden Nordmeervolkes der Wikinger, sondern ein Zen-Buddhist. Vielleicht ist diese innere Ruhe ja die einzig vernünftige Reaktion auf die extremen Lichtverhältnisse im hohen Norden Norwegens, auf die ewige Nacht des Winters und den unendlichen Tag des Sommers: Wenn schon die Natur manisch-depressiv ist, müssen die Menschen das genaue Gegenteil davon sein.

In seinem früheren Leben war Tommy Ingenieur in der Erdölindustrie. Dann beschloss er, eine Familie zu gründen, kehrte den Bohrinseln den Rücken und baute ein Hotel im Fischernest Mefjord auf seiner Heimatinsel Senja 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Jetzt ist er Mitte dreißig, zweifacher Vater und ein glücklicher Mensch, im Hellen wie im Dunkeln - wie denn auch nicht, sagt er mit einem vorsichtigen Lächeln, man müsse sich doch nur umschauen, wie herrlich es hier sei.

Lauter kleine Matterhörner

Das würde ich ja gerne, doch selbst in den drei, vier Stunden um die Mittagszeit, in denen der Himmel einen Hauch von Dämmerung zulässt und der Dunkelheit einen kurzen, trügerischen Schimmer Hoffnung beimischt, liegt Mefjord wie unter einem schmutzigen Schleier, eingewickelt in ein diffuses Grau. Zu erkennen sind eine Handvoll hübscher Holzhäuschen mit Giebeln, Erkern, Veranden und Wagenrädern als Gartenschmuck, hingetupft an einen Fjord, der sich tief in das Land schneidet, als suche er dort seinen Frieden, umstanden von Bergzacken wie von den Rängen eines Amphitheaters aus lauter kleinen Matterhörnern. Es ist eine zwanglose Mischung aus Wildnis und Idyll, Schroffheit und Sanftmut, Geborgenheit und Einsamkeit, die keine Spur von Verwahrlosung oder Verzweiflung zeigt. Deswegen wirken auch die Lichter, die Tag und Nacht in fast allen Fenstern wie schüchterne Lebenszeichen brennen, nicht melancholisch, sondern tröstlich. Menschen sieht man indes so gut wie nie in Mefjord. Vielleicht genügt den Leuten hier zu wissen, dass die anderen da sind. Und wahrscheinlich ist das Gesellschaft genug in einer Natur, die sich selbst jede Geselligkeit verbietet.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.01.2013, 06:50 Uhr

Der innere Feind

Von Patrick Bahners

Der Anschlag von Ottawa traf Kanada nicht unvorbereitet. Im Gegenteil. Die Kanadier wissen, dass sie mit ihren inneren Feinden leben müssen. Mehr 4 3