TAG 1
Oben auf dem Kofelplatz bläst jetzt der Wind mit neunzig Kilometern in der Stunde. Sagte Frankie. Er könnte ihm also noch davonfahren. Denn in dem Tempo ungefähr, und wenn es sein muss, auch ein bisschen schneller, ist er unterwegs, wenn er keine Skischüler im Schlepptau hat. Aber das wusste ich da noch nicht. So wenig, wie ich seine Tätowierung kannte: „Steep“, in Großbuchstaben in den Unterarm gepiekst, daneben ein Totenschädel mit gekreuzten Skistöcken. Das klingt schon fast nach freiem Fall. Nur die Sicherung an seinen Skistiefeln war mir gleich aufgefallen: kleine Schlaufen, von denen ich allerdings auch erst später erfahren würde, dass sie das plötzliche Aufspringen der Bügel verhindern. Durch zu viel Druck auf den Ski oder falsche Bewegungen des Beines oder was immer sonst sie öffnen könnte.
Wir blieben jedenfalls erst einmal unten, was mir ganz recht war. Denn im Nebel um uns herum war vom Oben, den Bergen und Gipfeln rund ums Nassfeld, Kärntens größtem Skigebiet, absolut nichts zu sehen. Nahtlos ging der Schnee am Hang in die Wolken über. Während über unseren Köpfen die Bänke der Madritschen-Sechser-Sesselbahn leer in die weiße Nebelsuppe tauchten, stellten wir uns hinter ein paar Kindern am Tellerlift an. Blaue Piste, Übungshang. Sagte Frankie. Er sagte es sogar einigermaßen charmant. Idiotenhügel! Haben wir früher gesagt. Frei von jedem Charme. Das ist gut dreißig Jahre her.
Damals war es auch, dass ich im Schwarzwald meine Karriere als Skifahrer beendet hatte. Für immer, wie ich dachte. Nach einem steilen Waldstück zwischen Bäumen hindurch und dabei zunächst von Tanne zu Tanne geschmissen wie die Kugel in einem Flipperautomaten hin- und herscheppert, am Ende aber direkt gegen einen Baum, den ich fester umarmte, als je zuvor oder danach eine Frau. Just vor dem Aufprall hatte ich dem Himmel zugerufen, nie wieder Ski zu fahren, wenn ich diese Abfahrt überlebte. Es war eine Art Gelübde. Aber was heißt schon nie?
Skifahren verlernt man nicht. Sagt nicht nur Frankie. In ganz Kärnten haben sich deshalb die Skischulen zusammengetan und werben mit einem Drei-Tage-Kursus. Bei Wiedereinsteigern sprechen sie von Auffrischen, geben den Schülern Selbstvertrauen, weisen sie ein in das neue Material und die neuen Techniken und führen sie verhältnismäßig rasch zurück auf die steileren Hänge. Anfängern hingegen versprechen sie, dass sie am dritten Tag zumindest den Übungshang einigermaßen elegant hinunterkommen. Mit Geld-zurück-Garantie. Unter tausend Anfängern, sagte Frankie, habe er erst einen einzigen nach Hause geschickt. Und die Kursgebühr musste die Skischule noch nie erstatten. Ich wollte eine schwarze Piste hinunter. Eleganz war mir egal. Frankie zog die Augenbrauen hoch. Fahr halt mal. Sagte er. Und nach nur drei Bögen rief er: Das reicht!
Wir fingen ganz von vorne an. Mit der sauberen Mittellage. Skier hüftbreit auseinander. Sprung-, Knie- und Hüftgelenk gebeugt. Unterschenkel und Oberkörper parallel. Körperschwerpunkt in den vorderen Teil der Bindung. Denn: Skifahren ist Kniefahren! Das würde ich in den kommenden Tagen noch öfter zu hören bekommen. Und dass man der Pilot ist, so lange man vorne in die Stiefel drückt - und eben nur noch Passagier, sobald man sich nach hinten lehnt. Nicht einmal in der Theorie klang das einleuchtend, denn wer wird sich ins Tal stürzen wollen, wenn er im Hang nach Halt greifen könnte, und wer nach vorne fallen wollen, statt auf den Po?
Dann die Kurven. Und Frankie gingen die Metaphern nicht aus, wie er seine kleinen Übungshilfen nannte. Mal musste ich so tun, als würde ich einen schweren Koffer von einer Seite auf die andere heben und wieder zurück. Mal sollte ich mir einbilden, ich könne zwischen den ausgestreckten Skistöcken hindurch Shakira beim Tanzen zuschauen. Einmal durfte ich die Hände halten, als lenkte ich das Steuerrad eines Omnibusses. Dann wieder legte ich sie in die Hüften und drückte die Schulter ins Tal, als übte ich für einen Trachtentanz. Dabei hatte ich mir eingebildet, moderne Carving-Skier führen ganz von allein in perfekten Schwüngen den Berg hinunter. Das hört man doch immer wieder. Aber die Kanten wollten partout keine saubere Spur in den Hang ziehen, sondern schabten in jeder Kurve den Schnee großflächig nach unten. Also noch mal. Sagte Frankie. Und diesmal verzichtete er auf alle Metaphern: Bergschulter vor, Arsch zum Hang! Da endlich griffen die Skier. Anstelle des Gekratzes war nur noch ein zartes Pfeifen zu hören. Und die Linien im Schnee sahen aus wie die parallel gebogenen Gleise einer Schmalspurbahn.
TAG 2
Es schneite. Es schneite wie verrückt. Gut vierzig Zentimeter Schnee waren über Nacht gefallen. Und noch immer purzelten dicht an dicht dicke Flocken vom grauen Himmel herunter. Wenn das Adriatief richtig einschlägt, können über dem Nassfeld binnen kürzester Zeit zwei, drei Meter Schnee fallen. Nicht ohne Grund hat die Region ihren Namen. Aber während alle Gäste unbedingt Schnee haben wollen, will doch keiner von ihnen, dass es schneit. Das könnten doch die Beschneiungsanlagen übernehmen. Sagen sie, nein, schimpfen sie, und schlagen auch gleich noch vor: am besten nachts, damit bis zum Morgen alle Pisten hübsch präpariert sind. Je mehr Technik über den Skibergen verteilt wird, desto anspruchsvoller werden die Gäste.
Frankie stand schon am Übungshang. Mit dem Skistock zeichnete er einen Halbkreis in den Schnee und markierte einen Punkt, an dem ich mir die Falllinie denken sollte. Dann wiederholte er geduldig seine Litanei. Wir lösen das alpine Fahrverhalten auf, sagte er und fuhr mit der Spitze des Stocks die Linie ab, strecken Sprung- und Kniegelenk aktiv über den Bergski, die Hüfte bleibt gebeugt, wir driften in Richtung Falllinie, belasten den werdenden Talski und bauen das Fahrverhalten nun in die neue Richtung auf. Bis er fertig war mit der Erklärung, hatte der Schnee schon die Zeichnung unter sich begraben. Wir hätten gestern filmen sollen, sagte er und kramte eine Kamera hervor. Für einen Bergfilm mit Leni Riefenstahl waren die Bedingungen perfekt. Für uns nannte Frankie sie suboptimal. Trotzdem nahm er auf, wie ich im Schneetreiben den Hang hinunterkurvte. Dann kehrten wir ein.
Nur suboptimal war an diesem Vormittag leider auch die Schirmbar „Berghex“, um dort bei garantiert alkoholfreiem Bier Manöverkritik zu üben. Auf einem Flachbildschirm lief die Übertragung des Super G aus Schladming. Da fiel es uns schwer, uns auf das Display von Frankies kleiner Kamera zu konzentrieren. Po nach unten, Knie nach vorne, extreme Schräglage, alles super, kommentierte Frankie. Allerdings die Bilder von der Weltmeisterschaft. Prompt haute es einen der Teilnehmer hin. Ein Raunen ging durch die Bar. Noch mischte Matthias Mayer aus Kärnten vorne mit. Dann erst kam ich an die Reihe und musste mir auf Frankies Film zeigen lassen, dass mein Körperschwerpunkt zu weit hinten lag und dass der Außenski abdriftete, weil ich zu viel Gewicht auf dem Innenski hatte, dass die falsche Schulter vorne war, die Spur zu breit, meine Haltung nicht tief genug. Skifahren, sagte Frankie, ist eine Bewegungssportart. Beim Schwimmen wärst du jetzt untergegangen. Von Schleifsteinen sprach er nicht. Und netterweise sagte er noch, dass der Schnee heute wirklich schwer sei. Zumindest bin ich nicht gestürzt.
Es schadet nicht, sich selbst beim Skifahren zuzuschauen. Wo ich mich auf der Piste irgendwie durchmogeln konnte - Hauptsache, ich verlor nicht den Kontakt zum Skilehrer -, vergrößerte selbst der kleine Bildschirm gnadenlos noch den geringsten Formfehler zu einer hochnotpeinlichen Vorstellung. Ich war kurz davor, den Gedanken an die schwarze Piste aufzugeben, um mich stattdessen ausschließlich auf die Eleganz zu konzentrieren. Aber das eine musste das andere ja nicht ausschließen. Und wie zum Trost ließ Frankie den Film ein Stück zurücklaufen. Schau. Sagte er und hielt den einen gelungenen Bogen als Standbild fest: Saubere Mittellage, sauberes Fahrverhalten. Alles, was fehlte, war ein bisschen Hangausgleich. Dann zeigte er mir Bilder seiner Harley-Davidson. Samt Ton. Es blubberte mächtig aus dem kleinen Gerät in seiner Hand. Wir hatten ein neues Thema.
TAG 2½
Zwei Tage lang hatte es vom Hotelzimmer auf der Sonnenalpe aus den Eindruck gemacht, jemand habe ein riesiges weißes Tuch aufgespannt. Unmittelbar hinter dem Parkplatz endete die Sicht. Nur ein paar Fichten versuchten hartnäckig, sich ins Bild zu rücken. Doch mehr Effekt als den einer rasch hingetuschten Zeichnung konnten sie nicht erzielen. Dahinter war endgültig Schluss. An diesem frühen Morgen aber knallte der Himmel stahlblau. Der Blick reichte bis in die Unendlichkeit, nur kurz unterbrochen von den Gipfeln der Tauern, die sich mit ihrem zackigen Auf und Ab in den Himmel bissen. Ursprünglich war dieser Tag als Pause vorgesehen. Schwimmbad. Sauna. Ein Ausflug zum Weißensee. Es würde auch ohne Frankie gehen, beschloss ich, und nahm die Sesselbahn zur Madritsche hinauf.
Zum Greifen nah schienen die Felstürme von Rosskofel, Trogkofel, Zweikofel und Zuckerhütli, von denen tags zuvor nicht eine Spur zu sehen gewesen war. Weit entfernt glitzerte die Spitze des Großglockners in der Sonne. Und auf der anderen Seite ragten die Karawanken wie eine Festung aus der Landschaft. Wie Watte lag der Schnee auf den kahlen Ästen der Lärchen. Und die Gebäude im Tal wirkten so adrett wie Häuschen einer Modelleisenbahnanlage. Dass einem das Herz übergeht, sagt man von solchen Momenten gern. Und irgendwie stimmt es ja auch.
Erst in den sechziger Jahren wurden am Nassfeld die ersten Lifte gebaut. Und lange Zeit mussten die Skifahrer mit Bussen bis zur Sonnenalpe auf fünfzehnhundert Meter hinaufgebracht werden, bevor sie auf eine Piste kamen. Seit dem Winter 1999/2000 jedoch verbindet der Millennium-Express mit seinen großen Kabinen Tröpolach, unten im Tal, mit dem Plateau auf der Madritsche, dem Zentrum des Skigebiets. Mittlerweile gibt es dreißig Aufstiegshilfen für mehr als hundert Pistenkilometer. Es ist ein weitläufiges Gebiet, und selbst wenn an einem Wochenende in der Hochsaison zwölf- oder gar vierzehntausend Skifahrer unterwegs sind, muss man an keinem Lift länger als ein paar Minuten anstehen. Das ist den Gästen wichtig. Denn wer hierher kommt, will Skifahren. Nach Remmidemmi, Partys und Après-Ski hingegen muss man lange suchen. Nur einmal dröhnte beim Vorbeifahren Musik aus einer Bar am Pistenrand. Kein Skilehrer riss je eine Zote. Das Nassfeld ist ein Ort für Familien.
Es gibt Pläne, das Skigebiet erheblich zu vergrößern: mit einem Anschluss von Pontebba aus, einem ehemaligen Grenzort in Italien, der durch das Schengenabkommen mehr als die Hälfte seiner einst fünftausend Einwohner verloren hat. Das Zollhaus steht leer, Kasernen stehen leer, nicht einmal der Bahnhof wird noch genutzt. Es wäre leicht, sie zu Hotels umzubauen. Eine Kabinenbahn soll den Ort über steiles, unwegsames Gebiet hinweg mit dem Kofelplatz im Zentrum des Nassfelds verbinden. Achtzig Millionen Euro wird die Umsetzung der Pläne vermutlich kosten. Und weil ein Großteil der Finanzierung gesichert ist, rechnen Optimisten damit, dass schon im kommenden Jahr mit dem Bau begonnen wird. Eröffnung wäre dann im Winter 2015/16.
Nicht nur italienische Skiurlauber kämen dann schneller und leichter ins Nassfeld. Für die Wintersportler aus Slowenien, Kroatien, Slowakei, Ungarn, selbst Polen würde das Nassfeld durch diese Bahn zum nähesten Skigebiet der Alpen. Schon jetzt machen Besucher aus diesen Ländern dort dreißig Prozent der Wintergäste aus. Sie gleichen den Rückgang bei den deutschen Urlaubern aus, aber auch bei den eigenen österreichischen Kindern und Jugendlichen, die immer seltener mit der gesamten Klasse zu Schulskikursen in die Berge kommen.
Auch der Drei-Tage-Kursus ist letztlich ein Versuch, neue Gäste zu gewinnen und ehemalige Skifahrer zurück auf die Piste zu holen. Die Carving-Ski machen ihnen den Wiedereinstieg leicht. Sagt Hansjörg Sölle, der Leiter der Skischule am Nassfeld mit immerhin fünfzig Stammskilehrern und siebzig Aushilfen während der Hochsaison. Sie sind kurz, wendig, leicht zu bremsen. Es fehlte nicht viel, dass er sagte: Die fahren doch von allein.
Sölle war gerade von einer Tour mit der Lawinenkommission zurückgekommen, als wir uns am Kofelplatz trafen. Noch immer lastete der Neuschnee schwer auf den Bergen. Fahren wir doch ein wenig. Sagte Soelle. Kilometersammeln ist immer noch das beste Training. Dann machte er sich einen Spaß daraus, jede Piste in einer anderen, historischen Technik hinunterzufahren. Dass ich an ihm dran blieb und nur hin und wieder über seine Spur hinausfuhr, obwohl die Pisten nach dem vielen Schnee so aufgebuckelt waren wie das Meer bei Windstärke zehn, machte mir Mut für den nächsten, meinen letzten Tag.
TAG 3
Wieder stahlblauer Himmel. Es war noch früh. Die Pisten waren perfekt präpariert. Etliche Hänge glitzerten noch unberührt in der Morgensonne. Frankie verlor keine Zeit. Kofelplatz, Mössern, Rudnigalm. Sagte er. Dann hoch zum Start der Carnia und nach Tröpolach hinunter. Es waren die schönsten Strecken, die das Nassfeld bietet. Darunter die längste Abfahrt, mit mehr als siebeneinhalb Kilometern. Und die steilste. Schwarz. „Du wolltest den Berg, jetzt host dein Berg“, sagte Frankie. Und grinste.
Wir zogen die Bänder unserer Helme ein wenig fester. Dann schoben wir unsere Skier über die Kante zur Piste - und ließen uns fallen. Wie Messerklingen schnitten die Kanten in den harten Schnee. Gesteuert wird auf der Schaufel, hörte ich in Gedanken Frankie sagen, während er weit vor mir mit einer Hand auf die Hüfte deutete. Vermutlich lachte er dabei. Die Radien wurden enger, die Abfahrt wurde schneller. So steil kam mir Schwarz gar nicht mehr vor. Und bisweilen hatte ich den Eindruck, die Skier führen ganz von alleine. Ich musste ihnen nur noch folgen. Der Wind um die Nase wurde kalt.
Von der Troghöhe hinunter hätten wir unsere Geschwindigkeit messen lassen können. Wir verzichteten darauf. Neunzig Kilometer in der Stunde werden es schon nicht gewesen sein. Aber Frankie, das hatte ich am Morgen als erstes bemerkt, trug auch andere Skistiefel. Ohne Sicherungslaschen. Das war gut so.
Informationen: Servicecenter, A-9620 Nassfeld-Hermagor, Telefon: 0043 / 4285 / 8241, E-Mail: info@nassfeld.at, im Internet: www.nassfeld.at. Außerdem: Kärnten Werbung, Casinoplatz 1, A-9220 Velden, Telefon: 0043 /4633000, E-Mail: info@kaernten.at, im Internet: www.kaernten.at. Der dreitägige Skikurs kostet im Nassfeld 132 Euro. Information über: Schneesportschule Nassfeld, Nassfeld 5, A-9631 Tröpolach, Telefon: 0043 / 4285 / 7100, E-Mail: service@soelle.at, im Internet: www.soelle.at. Bei Buchung über ein Hotel gibt es den Unterricht einschließlich Skiausrüstung ab 129 Euro. Die Tageskarte für die Lifte kostet 39 Euro. Die Reise wurde unterstützt von der Österreich Werbung und der Kärnten Werbung GmbH.
