27.10.2004 · Ein Meilenstein der Naturgeschichte: Die große französische Australien-Expedition 1800 bis 1804
Im Jahre 1804 kehrte die von Napoleon, dem Ersten Konsul, vier Jahre zuvor ausgesandte wissenschaftliche Australien-Expedition ohne ihren Initiator und Kommandanten Nicolas Baudin nach Frankreich zurück. Sie war dreieinhalb Jahre unterwegs gewesen, eine der längsten Forschungsreisen, die je unter französischer Flagge die Weltmeere befuhren. Die Ausbeute übertraf die von James Cooks zweiter Weltreise Anfang der siebziger Jahre um das Zehnfache, allein die Zoologie wurde durch 2542 neue Tierarten bereichert.
Die Freude der Naturforscher erhielt bei ihrer Ankunft in Frankreich einen Dämpfer. Napoleon, beschäftigt mit den Vorbereitungen zu seiner Kaiserkrönung, ließ sich nicht blicken. An seiner Stelle erschien im Hafen von Lorient ein Abgesandter Josephines, die Kapitän Baudin kurz vor dessen Abreise gebeten hatte, eine "collection vivante" für ihren Akklimatisationsgarten in Malmaison sowie anthropologische Objekte - die erste ozeanische Sammlung Frankreichs - mitzubringen. Das wissenschaftliche Establishment traf verspätet ein, beäugte die Entdeckungen der jungen Equipe mißtrauisch und legte der Veröffentlichung des Expeditionsberichtes alle möglichen Hindernisse in den Weg. Die Resultate der Expedition erschienen schließlich unter dem Namen dieser Wissenschaftler.
Für ihre Natursammlung ließ sich Josephine 1806 und 1807, inzwischen Kaiserin, eine Menagerie, ein Gewächshaus und ein eigenes Museum bauen. Ihre Entscheidung, Malmaison zu einem zweiten "Muséum d'histoire naturelle" zu machen, wirkte sich aber nicht zum Nachteil für das Pariser Museum aus. Im Gegenteil, dank ihrer Fürsprache erhielt dieses materielle Zuwendungen. Mitgliedern des Institut de France und den Administratoren des Muséum d'histoire naturelle gewährte Josephine seit 1805 Zugang zu ihren Sammlungen, die dem Fortschritt der Wissenschaft dienen sollten. 1808 vermachte sie dem Pariser Museum Teile ihrer umfangreichen naturgeschichtlichen Sammlung. Ihre Rolle als Mäzenin der Naturwissenschaften und Patronin der Baudin-Expedition illustriert das Frontispiz des Atlas der "Voyage aux Terres Australes" (1807-1816): Schloß Malmaison bildet den Hintergrund der australischen Fauna und Flora, von Mimosen, Känguruhs, Emus und den damals in ganz Europa berühmten schwarzen Schwänen (Chenopis atrata).
Nicolas Baudin, Marineoffizier unter Ludwig XVI. und ausgewiesener Spezialist für den Transport lebender Pflanzen und Vögel für die königlichen Gärten Europas, hatte im Mai 1800 den Plan entwickelt, den noch unbekannten Westen Australiens zu erforschen. Da er über gute Kontakte zu den Professoren des Muséum d'histoire naturelle im Jardin des Plantes und zu Mitgliedern des Institut de France verfügte und von Napoleon unterstützt wurde, erhielt er den Auftrag den Westen von "Nouvelle-Hollande", den Golf von Capentaria, die Bass- und Torrestraße, den Westen Neuguineas und den Süden Timors geographisch zu erkunden. Seine vom Institut de France zusammengestellte dreiundzwanzigköpfige wissenschaftliche Expedition bestand aus Botanikern, Mineralogen, Geographen, Zoologen, Astronomen, Gärtnern und Künstlern. Baudin überwachte persönlich die wissenschaftlichen Untersuchungen und führte gewissenhaft darüber Buch. Das politische Ziel seiner Expedition war die Vorbereitung der Kolonisierung Südaustraliens, das "Terre Napoléon" heißen sollte.
Nach sechsmonatiger Fahrt, am 27. Mai 1801, erreichten die beiden Schiffe "Géographe" und "Naturaliste" die Küste Australiens, unterbrochen von Zwischenaufenthalten auf Teneriffa und der französischen Kolonie Île-de-France (Mauritius). Dort verließ die Hälfte der Naturkundler und Künstler, entnervt von Seekrankheit, schlechter Verpflegung, der an Bord herrschenden militärischen Disziplin und der bedrückenden Enge auf den mit Tierkäfigen und Pflanzenkästen vollgestopften Schiffen, die Expedition.
Unbeeindruckt von dieser Desertion, ernannte Baudin den Hilfskanonier und Schüler des Malers David, Nicolas-Martin Petit und den Hilfssteuermann Charles-Alexander Lesueur zu offiziellen Malern der Expedition. Eine gute Entscheidung. Petit spezialisierte sich auf die Wiedergabe von Szenen aus dem Leben der Eingeborenen, Lesueur auf Tierdarstellungen. Er ging in die Geschichte ein als der beste Maler der Naturgeschichte - "premier des peintres d'histoire naturelle anciens ou modernes". Die Art, wie er das jeweilige Tierexemplar ins Blattzentrum stellte und von den anatomischen Details umranden ließ, wurde zum ästhetischen Vorbild für die Bildtafeln in Ernst Haeckels System der Medusen (Jena 1879).
Die Schrumpfung der wissenschaftlichen Crew zu einer kleinen Gruppe von Experten kam, wie Baudin vorhergesehen hatte, der Expedition zugute. Sie war auch die Chance eines jungen, in letzter Minute an Bord gekommenen Mannes, der von Anfang an die Aufmerksamkeit des Kapitäns durch seinen Lerneifer erregt hatte: François Peron. Von Haus aus Mediziner und Anatom, machte er sich in der Folge mit seinen Aufzeichnungen über die Temperatur des Meeres und von dessen Lumineszenz einen Namen als ozeanographischer Pionier. Vor allem aber zeichnete er sich als Erforscher der Mollusken und der pelagischen Pflanzentiere aus, denen er auf der langen Fahrt seine Freizeit gewidmet hatte.
Peron sollte in die Geschichte nicht nur als Verfasser des zweibändigen Expeditionsberichtes und einer anthropologischen Studie über die australischen Ureinwohner eingehen, sondern auch als Pionier der Medusenforschung. 1809 publizierte er zusammen mit seinem Kompagnon, dem Maler Lesueur, das Buch "Histoire générale et particulière de tous les animaux qui composent la famille des Méduses". Die von Lesueur nach lebenden Tieren gezeichneten Quallen sind ein Meilenstein in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Beobachtung. Ihnen widmete das Musée Napoléon (Louvre) 1808 und 1812 zwei Ausstellungen.
Péron und Lesueur waren so gut wie vergessen, als sich zwei Ausländer in Publikationen auf ihre wissenschaftlichen Leistungen beriefen: 1848 der Engländer Edward Forbes, Professor am Kings College in London, und 1879 der deutsche Naturforscher Ernst Haeckel, der im Vorwort zu seinem Buch "System der Medusen" die Verfasser der ersten Medusen-Monographie würdigte. Immerhin überlebten Péron und Lesueur die Expedition, während ihr Leiter, Baudin, an Tuberkulose erkrankt und im September 1803 auf Mauritius gestorben war, als sich seine Schiffe schon auf der Rückfahrt befanden. Erst im zwanzigsten Jahrhundert wurde ihm, durch australische Naturhistoriker, der ihm zustehende Platz in der Geschichte berühmter Seefahrer und Entdecker eingeräumt. Josephines Engagement für die Naturwissenschaften dagegen ist bis heute kaum gewürdigt worden.
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