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„Vatileaks“ Der Kammerdiener als Maulwurf

 ·  An diesem Samstag hat der Prozess gegen Paolo Gabriele begonnen, den einstigen Kammerdiener des Papstes und Hauptverdächtigen im „Vatileaks“-Skandal. Acht Journalisten dürfen der Verhandlung beiwohnen.

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© dapd Paolo Gabriele hält den Schirm des Papstes, Savona 2008

An diesem Samstagmorgen hat im Gerichtssaal des Vatikanstaats der Strafprozess gegen den früheren Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, begonnen. Nur acht – per Losverfahren ausgewählte – Journalisten durften anwesend sein, die nicht für die eigenen Medien des Vatikan arbeiten. Dem angeklagten Gabriele wird schwerer Diebstahl vorgeworfen; er soll über Monate Dokumente vom Schreibtisch des Papstes gestohlen und der Presse zugespielt haben. Dafür drohen ihm bis zu vier Jahre Haft.

Wegen Beihilfe zum Diebstahl muss sich Gabrieles Vertrauter, der Informatiker im päpstlichen Staatssekretariat, Claudio Sciarpelletti, verteidigen, auf dessen Schreibtisch eines der gestohlenen Papiere gefunden wurde. Seit dem Bekanntwerden des sogenannten „Vatileaks“-Skandals zu Beginn des Jahres hatte Papst Benedikt XVI. auf ein öffentliches Verfahren gedrungen. Während früher Diebstahl und andere Vergehen hinter den Mauern des Vatikans im Geheimen geahndet wurden, könnte die Weltöffentlichkeit in diesem Prozess erstmals Details aus dem Umfeld des Papstes erfahren.

Der Papst könnte Gabriele nach seinem Urteil begnadigen

Die Vatikanrichter, die etwa 30 Verfahren pro Jahr abwickeln, hatten es bisher in der Regel nur mit Taschendieben zu tun. Der Prozess gegen Gabriele werde vor einem „weltlichen Gericht im Staat der Vatikanstadt geführt und nicht von der katholischen Kirche“, sagte zum Prozessbeginn der Strafrechtsprofessor Giovanni Giacobbe vom vatikanischen Berufungsgericht, der zweiten Instanz. Das Gericht werde „zwar im Namen des Heiligen Vaters“ urteilen, die Rechtsprechung liege aber bei weltlichen Richtern, die sich der Vatikanstaat seit dem Lateranvertrag zwischen dem Königreich Italien und dem Heiligen Stuhl von 1929 „ausleiht“.

Nachdem der Papst einmal dem Prozess gegen seinen ehemaligen Diener zugestimmt habe, sagte Giacobbe, sei nicht damit zu rechnen, dass er in das Verfahren eingreifen werde. Allerdings könnte er Gabriele nach einem Urteil begnadigen. Im Rahmen einer internen Untersuchung hatten drei emeritierte Kardinäle im Auftrag des Papstes eigene Nachforschungen zu „Vatileaks“ angestellt, wie Giacobbe mitteilte. Sie hätten den Klerus befragt und Papst Benedikt XVI. mittlerweile darüber berichtet. Der Bericht der Kardinäle werde dem – nun über Gabrieles Diebstahl urteilenden – weltlichen Gericht allerdings nicht zugänglich sein.

Der 46 Jahre alte Gabriele, ein ungelernter Arbeiter und Vater von vier Kindern, hat schon bei den ersten Vernehmungen nach seiner Festnahme Ende Mai seine Tat gestanden. Psychiatrische Gutachten stellen ihn als eine leicht zu manipulierende Persönlichkeit dar. Der päpstliche Privatsekretär, Monsignore Georg Gänswein, wird mit den Worten zitiert, der Kammerdiener habe selten aus eigenem Antrieb gehandelt; man habe Anweisungen wiederholen müssen. Aus den Verhören verlautet, Gabriele habe sich als „Verbindungsmann des Heiligen Geistes gegen das Böse und die Korruption“ gesehen und die Kirche wieder auf den „rechten Weg“ bringen wollen.

So halten sich hartnäckig Gerüchte, dass Gabriele von einem „Netz von stehlenden Raben“ aus dem Klerus angestiftet und geführt wurde. Die Anklage aber benennt nur Gabriele als Schuldigen. Sie weiß allerdings auch von mehreren, namentlich nicht genannten Zeugen, wie dem Beichtvater „Padre B.“, die vom Diebstahl gewusst haben sollen. Im August hatte Gabrieles Hauptverteidiger, Carlo Fusco, wegen „Divergenzen bei der Verhandlungsstrategie“ sein Mandat niedergelegt und die Verteidigung allein der Rechtsanwältin Cristiana Arru überlassen. Seit seinem Rücktritt vom Mandat mutmaßen Beobachter, Fusco habe auf Freispruch plädieren oder vor allem Geistliche belasten wollen.

Den Prozess gegen Gabriele wird Gerichtspräsident Giuseppe Dalla Torre leiten. Aus der Anklageschrift geht hervor, dass es ausschließlich um Gabrieles unmittelbare Schuld am Diebstahl und die Beihilfe des Informatikers Sciarpelletti gehen soll. Schon vor Wochen machte Vatikansprecher Pater Federico Lombardi deutlich, dass darüber hinaus „die Ermittlungen noch lange nicht abgeschlossen“ seien.

Auffällig ist, dass sich die Arbeit der „Vatikanisti“, der beim Heiligen Stuhl akkreditierten Journalisten, deutlich verändert hat. Offenbar scheuen sich vormals redefreudige Informanten im Angesicht der internen Ermittlungen, Informationen an die Medien zu geben. Unterdessen lädt der Pressedienst des Vatikans zu überraschend vielen öffentlichen Pressekonferenzen ein, so als wollte der Heilige Stuhl die Neugier der Journalisten mit offiziellen Stellungnahmen stillen.

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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