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Unterwegs in Japan Neonwunderland

 ·  Schaltkreise in Tokio, subtropische Provinz und Tempel, so schön, dass sie brennen - Japan ist ein fremdes Universum, wir sind Analphabeten. Und würden gerne bleiben.

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© Ana Nance/Redux/laif Vergrößern Tokio bei Nacht: Alle sind fein. Niemand kotzt, schubst, pöbelt. Japan wirkt entsetzlich überlegen.

Es ist Vormittag, in unseren Köpfen ist es Nacht. Zwölf Stunden Holzklasse, schlechte Filme, Jetlag, jetzt endlich da. Wir sitzen in der Regionalbahn vom Flughafen Narita nach Shinjuku, Tokio. Die Sonne blendet durch die Fenster des Waggons. Draußen zieht die Präfektur Chiba vorbei. Reisfelder, Wäldchen, Häuser, aus Dörfern werden Vorstädte, wird Tokio. An einer Vorstadthaltestelle steigen zwei Teenager ein, beide Jungs ziehen Automatikpistolen aus ihren Rucksäcken und laden sie mit einem satten Klack durch. Außer uns wissen alle gleich, dass das Spielzeugattrappen sind.

Nachdem wir unser Gepäck im Hotel abgeladen haben, stolpern wir in Richtung Yoyogi-Park. Wir wollen uns den Meiji-Schrein ansehen, den die Japaner für den Kaiser Mutsuhito und seine Frau Shoken errichtet haben. Auf dem Weg plötzlich lauter extravagant gekleidete Jugendliche, Jungs in Röcken und Beetle-Crusher-Schuhen, Mädchen in Inka-Ponchos, wir werden von ihnen in einen Keller gebeten, da ist Modenschau oder etwas in der Art, keine Ahnung was genau, Transvestiten im Scheinwerferlicht, in einer hinteren Ecke ist so etwas wie eine Jubelbox eingerichtet, in der sich Mädchen drängeln und kreischen und Fanplakate hochhalten. Wir gehen hinaus und sind unsicher, was passiert ist. Beim Meiji-Schrein gibt es eine Shinto-Hochzeit, die Priester tragen Plateauschuhe aus Lack, die Braut in weißer Seide wie eine Raupe im Kokon, der Brautvater in Frack, Zylinder und Stresemannhose. Noch eine Modenschau.

Die Zeit ist kaputtgegangen

Wir fahren ins Hotel zurück. Um fünf Uhr nachmittags kollabiere ich auf meinem Bett. Um drei Uhr nachts wache ich auf, schlafe ein, wache auf um zehn Uhr abends. Die Zeit ist kaputtgegangen. Ich schalte irgendwann den Fernseher an, das Letzte, was ich sehe, bevor ich wieder einschlafe, ist ein japanischer Wrestler, der in die Kamera schreit. Er nennt sich „Spider-German“.

Morgens gehen wir in Tokio in den Seven-Eleven-Markt vor dem Hotel, um Frühstück zu kaufen. Wie in allen Supermärkten hier, riecht es auch in diesem nach Brühe und Fritteuse. An der Kasse kann man Klöße kaufen und panierte Objekte. Die Japaner haben eine Angewohnheit, Erklärungen in Comicform zu geben, am schönsten ist der Hinweis, dass man das Frittierte in die bereitgelegten Papiertüten legen soll. Man sieht ein süßes, rotwangiges Schnitzel lächelnd in die Tüte steigen wie in einen Schlafsack. Es gibt auch Autos, die weinen, weil sie abgeschleppt werden, oder Pantoffel, die geniert erröten, weil sie nur auf der Toilette getragen werden dürfen.

Leider sind wir Analphabeten. Anfangs denken wir noch, so ein paar Zeichen sollte man auswendig lernen. „Wir müssen uns das Zeichen merken, das aussieht wie so eine Art Tempel auf Stelzen, der rechts unten zusammenbricht, und dann kommt was wie ein Oktopus.“ Aber das findet nicht statt. Wir bleiben ohne Ahnung, ob auf den Schildern „Bitte kommen Sie herein“ oder „Betreten verboten“ steht. Aber das ist okay. Man entwickelt irgendwann einen Instinkt, das Gehirn wird sensibel für Signale und Muster. Wir bewegen uns durch Japan wie zwei sehr kluge Schimpansen.

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02.07.2013, 14:00 Uhr

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