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Plötzlich waren sie Teil des Systems

Von CARSTEN KNOP

13.05.2016 · Unter den Nazis ging es mit den Vileda-Erfindern Freudenberg moralisch bergab. Von der „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen wussten selbst die Nachkommen nichts.

Es war eine Überraschung; sie traf die Familie hart. Die Nachricht war unangenehm, und sie warf die Frage auf, ob ein wichtiges Kapitel der Unternehmensgeschichte des Weinheimer Vorzeigeunternehmens Freudenberg mit seiner bekannten Wischtuchmarke Vileda neu geschrieben werden müsste. Aber wer sollte es auf der Basis welcher Quellen neu schreiben? Und warum hatte man von den menschenverachtenden Bedingungen, unter denen Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen die Schuhsohlen auch aus dem Hause Freudenberg „prüfen“ mussten, nichts gewusst? Im Unternehmensarchiv fanden sich keine Unterlagen über Männer, die zu kleine Damenschuhe kilometerweit tragen mussten, über Prügelstrafen, blutige Füße und Dutzende Todesfälle.

Auch die Vorfahren der Freudenbergs, die von den Vorgängen etwas hätten wissen können oder müssen, leben heute nicht mehr. „Ich kann niemanden mehr fragen, Zeitzeugen in der Familie und im Unternehmen gibt es nicht. Das ist für mich das Schlimmste“, sagt Martin Wentzler, der Vorsitzende des Gesellschafterausschusses und Ururenkel des Unternehmensgründers, im Gespräch mit dieser Zeitung: In Zukunft müsse man dafür sorgen, dass das Unternehmensarchiv so gut sei, dass nachfolgende Generationen zu jeder Zeit nachvollziehen könnten, wann und warum welche Entscheidungen getroffen worden seien. Doch dieser Teil fehlt mit Blick auf das, was im KZ Sachsenhausen geschehen ist.

(Das Bild oben zeigt. Die Firma Freudenberg war 1938 auf der Automobilausstellung in Berlin vertreten: zu sehen in der Bildmitte Hermann Göring und Walter Simmer, Erfinder des Simmerrings)

Deshalb hat die Familie Freudenberg den Bonner Historiker Joachim Scholtyseck, der auch schon die Geschichte der Quandts in der Zeit des Nationalsozialismus erforscht hat, damit beauftragt, Gleiches für ihr Unternehmen Freudenberg zu tun. Das Ergebnis liegt nun vor, und es ist etwas Besonderes. Denn mittelständische familiengeführte Unternehmen aus dem ländlichen Raum, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland noch die meisten industriellen Arbeitsplätze stellten, haben bisher selten ihre Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus aufbereiten lassen.

  • © dpa Joachim Scholtyseck, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bonn.

Im Fall Freudenberg aber erschien im Jahr 2010 eine mehr als tausend Seiten starke Studie aus der Feder von Anne Sudrow, die sich auf solider Aktengrundlage mit dem nur scheinbar trockenen Thema „Der Schuh im Nationalsozialismus“ beschäftigte. Das Ergebnis: Im Zuge der Forschungen zu „Ersatzstoffen“ für Leder war im Jahr 1940 im KZ Sachsenhausen eine „Schuhprüfstrecke“ eingerichtet worden, auf der mehr als 70 Unternehmen unter anderem Schuhsohlen hatten testen lassen. Häftlinge eines Strafkommandos hatten unter brutalen Bedingungen mit dem zu prüfenden Material ihre Runden drehen müssen; viele von ihnen haben diese Strapazen nicht überlebt. Die meisten dieser Unternehmen gibt es heute nicht mehr, zu den Unternehmen, die heute noch eine Rolle spielen, zählt neben Salamander, Continental, Bata und den Westland-Gummiwerken auch die heutige Unternehmensgruppe Freudenberg.

© Picture-Alliance KZ Sachsenhausen: Mehr als 660.000 Besucher hatte die Gedenkstätte im vergangenen Jahr.

Genau das war der Moment des Schocks, von dem Wentzler im Gespräch berichtet. Das Unternehmen entschied sich daher dafür, seine Geschichte unabhängig und auf wissenschaftlicher Grundlage erforschen zu lassen. Und Scholtysecks Buch erschüttert den Leser. Denn er erfährt, dass es in diesem Fall eine Unternehmensleitung gegeben hat, die eine grundsätzliche und tiefe Skepsis gegenüber einem lnterventionsstaat empfand und die vor 1933 ihre entschiedene Abneigung gegen den Nationalsozialismus geäußert hatte. Die Freudenbergs waren eben gerade keine Nazis. Sie unterwarfen sich aber dennoch einem zweckrationalen Denken, das in die Kooperation mit dem Regime mündete. „Hierin liegen ihre Verantwortung und ihr Versagen“, schreibt Scholtyseck – und der Leser fragt sich, wie er in einer vergleichbaren Situation selbst entschieden hätte, kommt aber auf keine befriedigende Antwort. Zurück bleibt das Unbehagen, das auch den Nachkommen Martin Wentzler erfasst, der jetzt so viele Fragen an seinen Großvater und die anderen Führungskräfte hätte. Und am Ende die eine Frage: Warum? Sollte die – theoretisch mögliche – Schwächung des Familienunternehmens verhindert werden? Befürchtete man in Weinheim, gegenüber denjenigen Konkurrenten zu kurz zu kommen, die sich dem Regime bereits angedient hatten? Wie reagierte man auf den Widerspruch zwischen der „politisch gesetzten und sanktionierten Rechtsmoral“ einerseits und der „Common-Sense-Moral“ andererseits? Solche Fragen wirft Scholtyseck auf. Und: Warum ließen selbst überzeugte Demokraten, die den Staat von Weimar bis zu seinem Untergang standhaft verteidigt hatten, ihre Bedenken fallen oder stellten sie zurück?

© Unternehmensarchiv Freudenberg Richard Freudenberg, um 1940, stand nicht allein an der Spitze.

Am Ende seiner Arbeit mit den Quellen, die völlig unbehelligt vom Unternehmen stattfand, ist sich der Historiker sicher: Richard Freudenberg, der damals in der Geschäftsleitung durch seine Zuständigkeit für die Außenkontakte der sichtbarste Mann war, war kein knorriger Gegner Hitlers wie zum Beispiel ein Robert Bosch. „Es wäre jedoch verfehlt, Freudenberg als einen gewissenlosen Profiteur und Kriegstreiber zu charakterisieren, der zudem für das Schicksal der ausgeplünderten Juden und der Zwangsarbeiter kein Mitgefühl gehabt hatte“, fügt Scholtyseck hinzu – und spannt damit den Spannungsbogen auf, der das ganze Buch trägt. Hier wollte jemand nicht, und er tat es doch. Was bleibt an Positivem? „Richard Freudenbergs bekannte Abscheu vor dem NS-Regime und das familiäre Verständnis eines ,ehrlichen Kaufmanns‘ haben ihn sicherlich vor einem grenzenlosen Moralverlust bewahrt“, glaubt Scholtyseck. Dies habe er nach 1945 in die Waagschale werfen können, und seine Wortgewandtheit habe „zweifellos dazu beigetragen, dass er nach den Monaten in amerikanischer Ermittlungshaft in seinem Spruchkammerverfahren als ,entlastet‘ beurteilt wurde“. Die Zwiespältigkeit aber bleibt, der verstörende Dreiklang aus den „Arisierungen“ jüdischer Betriebe, dem Einsatz von Zwangsarbeitern und ebenjener „Schuhprüfstrecke“. „Man kann seine Zweifel haben, ob ein solcher Spruch erfolgt wäre, wenn den Ermittlern und der Spruchkammer die Dokumente zur Verfügung gestanden hätten, auf die die heutige Forschung zurückgreifen kann“, schreibt Scholtyseck.

Dabei hatten die Freudenbergs ihr Unternehmen auf festen Grundsätzen aufgebaut. Der Gründer Carl Johann Freudenberg hatte sie im 19. Jahrhundert in seinen „Allgemeinen Betrachtungen“ formuliert. Dort war von den zwei Wegen die Rede, die man gehen kann: „1. dass man die Verhältnisse zu beherrschen sucht, oder 2. dass man sich von den obwaltenden Verhältnissen bestimmen resp. tragen lässt“. Er selbst empfahl die zweite Option, die sich im Kaiserreich auch bewährte; man hatte den richtigen geschäftlichen und moralischen Kompass in der Tasche. Die Firmeninhaber waren wirtschaftsbürgerliche Verfechter der Weimarer Republik, was sich am deutlichsten in der intensiven politischen Betätigung Richard Freudenbergs in der linksliberalen DDP zeigte, für die er einige Jahre als Abgeordneter im Badischen Landtag aktiv war. Die aus der „guten alten Zeit“ des badischen Großherzogtums herrührende liberale und antitotalitäre Grundauffassung lasse sich, so Scholtyseck, bei den führenden Köpfen des Unternehmens bis ins Jahr 1933 auch eindeutig nachweisen: „Die Stellungnahmen gegen Hitler, die vor allem Richard und Walter Freudenberg in den Jahren 1932 und 1933 noch abgaben, zeigen aufrechte und standhafte Verteidiger der Demokratie.“ „Man sprach ihm lediglich die Befähigung zu, Kur- oder Zirkusdirektor zu sein“, weiß auch Wentzler. „Danach hat man vermutlich gedacht, es werde so schlimm nicht werden, und hat sich mit jedem weiteren Schritt mit der NS-Wirtschaftspolitik arrangiert.“

Denn trotz aller Abneigung der Unternehmensleitung gegen die Nationalsozialisten und Querelen mit den Behörden habe sich die Firma letztlich doch kooperativ verhalten – und davon bis zum Ende des „Dritten Reiches“ profitiert, bemerkt Scholtyseck: „Die traditionelle Geschäftstätigkeit verband sich schließlich untrennbar mit den dunklen Seiten der NS-Herrschaft: Die Unrechtmäßigkeit der ,Arisierungen‘ wurde nicht dadurch geringer, dass man von einigen der jüdischen Besitzer selbst auf die Möglichkeit der Übernahme angesprochen worden war und diese anschließend auf traditioneller Geschäftsbasis angemessen ausgezahlt hatte.“ Es ist stets ein Einerseits-Andererseits, eine Zerrissenheit, in deren Angesicht es Wentzler zu Recht bedauert, sie mit den damals Betroffenen nicht mehr aufarbeiten zu können.

© Unternehmensarchiv Freudenberg Zeitungsinserat für Schuhe von Tack aus dem Jahr 1939.

Die „Arisierung“ der Schuhfabrik und -handelskette Tack & Cie. zum Beispiel war eine der ersten in Deutschland überhaupt. Die Verhandlungen über den Kauf von Tack fanden aber auf Betreiben des damaligen Eigentümers (der wirtschaftliche Probleme hatte und seine Rechnungen gegenüber Freudenberg nicht mehr bezahlen konnte) schon ab 1932 statt. Die Regeln des Anstands wurden dabei auch nicht verletzt, stellt Scholtyseck fest. Richard Freudenberg sei, was vor allem bei den vergleichsweise großvolumigen „Arisierungen“ erkennbar werde, darum bemüht gewesen, die jüdischen Besitzer nicht zu übervorteilen und trotz des Zwangscharakters der Verhandlungen einen angemessenen Preis zu zahlen, der in der Regel über einen einvernehmlich bestimmten Schiedsrichter ermittelt worden sei.

Mit der Zeit jedoch habe sich eine gewisse Routine bei den „Arisierungen“ eingeschlichen, die seit 1937 geschäftsmäßiger abgewickelt worden seien. Ist hier wirklich eine kalte Routine entstanden? An dieser Stelle sehen Wentzler und die Familie erstmals die Ergebnisse Scholtysecks differenzierter. Bei allen, auch den späteren „Arisierungen“ hätten nach ihren Erkenntnissen stets die Regeln des Anstands gegolten, auch wenn der Zwangscharakter natürlich allen Beteiligten klar gewesen sei. Lediglich bei einigen gescheiterten Arisierungsversuchen, zum Beispiel in Österreich, Frankreich oder Polen, ergebe sich ein anderes Bild. Gleichwohl: Auf der schiefen Bahn, von der die Unternehmensleitung keinen Absprung fand, ging es unerbittlich bergab, da gibt es keinen Zweifel. Geschäfte, die nun auf einmal möglich waren, wurden, auch wenn sie offenkundig gegen bisher geltende Regeln des Anstands verstießen, zunehmend als „normale und akzeptable“ Gelegenheit wahrgenommen, schreibt Scholtyseck.

  • © Unternehmensarchiv Freudenberg Osteuropäische Zwangsarbeiterinnen im Simmerwerk in Schopfheim bei der Arbeit an Rändermaschinen in der Simmeringsschleiferei, 1943.
  • © Unternehmensarchiv Freudenberg 50 Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa bei der Simmerring-Produktion im Werk Schopfheim, 1943.

Die Zwiespältigkeit blieb, auch im Umgang mit den Zwangsarbeitern. Hier verschaffte sich Richard Freudenberg zwar gelegentlich selbst ein Bild von den Zuständen in den Zwangsarbeiterunterkünften, suchte die Verhältnisse zu bessern und kam sich dennoch, wie seine Frau 1942 notierte, wie ein „Sklavenhalter“ vor – ein untypisches und bemerkenswertes Verhalten, wie Scholtyseck schreibt: „Denn in den meisten Fällen interessierten sich die deutschen Unternehmer nicht für das Schicksal der bei ihnen beschäftigten Fremdarbeiter.“ Zwischen 1940 und 1945 waren insgesamt 1845 ausländische Arbeitskräfte bei Carl Freudenberg in Weinheim, Schönau und Schopfheim beschäftigt. Und die Quellen zeigen, dass die Behandlung tatsächlich besser war als bei manchen anderen Unternehmen vergleichbarer Größe. „Zwangsarbeit blieb es aber doch“, bemerkt Wentzler. Und das Unternehmen hat sich deshalb zur Jahrtausendwende auch mit damals 10 Millionen Mark am Fonds zur Entschädigung der Zwangsarbeiter beteiligt und weitere eigene Aktionen zur Entschädigung von Zwangsarbeitern organisiert.

Ein ausschließlich düsteres Bild aber ergibt sich mit Blick auf die Beteiligung an den Materialtests auf der 1940 eingerichteten „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen, die der Auslöser für Scholtysecks Arbeit ist. Die Anfänge waren harmlos: In Weinheim hatte man schon in den 1930er Jahren eine eigene Schuhprüfstrecke eingerichtet, auf der Pensionäre die neuen Freudenberg-Sohlen testeten. Von Richard Freudenberg aber stammte wesentlich die Idee, diese Prüfanordnung mit der Hilfe des damaligen „Reichsarbeitsdienstes“ einzurichten, was dann aber unter den Bedingungen des Krieges im KZ unter verbrecherischen Bedingungen geschah. Die unmittelbare Verantwortung für den Betrieb der menschenverachtenden „Schuhprüfstrecke“ des KZ Sachsenhausen lag bei der Lagerleitung und der SS. Über die wesentlichen verwaltungstechnischen und finanziellen Angelegenheiten der in der Regie des „Reichsamts für Wirtschaftsausbau“ betriebenen Einrichtung war Richard Freudenberg, der an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Industrie und Behörde saß, aber unterrichtet, ist Scholtyseck überzeugt: „Weil diese Angelegenheiten über seinen Schreibtisch gingen, und er wäre kein guter Unternehmer gewesen, wenn er nicht über deren Hintergründe informiert gewesen wäre.“ Es sei zwar unwahrscheinlich, dass er die „Schuhträger“ im KZ je selbst zu Gesicht bekommen habe, aber es gab genug Führungskräfte in direkter Verbindung zu den Schuhprüfern im KZ Sachsenhausen.

© Picture-Alliance Zählappell in den frühen Morgenstunden im KZ Sachsenhausen auf dem Platz vor dem Lagertor. Im Vordergrund auf dem Turm ein auf die Häftlinge gerichtetes Maschinengewehr. (Undatiertes Foto)

Einmal begonnen, wurden die Mitarbeit an den Tests und die Weiterentwicklung der Verfahren als unerlässlich angesehen, um auf dem hart umkämpften Leder- und Ersatzstoffmarkt weiterhin vorne zu stehen. Die Ausblendung dessen, was man in Weinheim wusste, entsprach dem bei Unternehmern zwischen 1933 und 1945 weitverbreiteten psychologischen Mechanismus des „Nicht-so-genau-wissen-Wollens“. Das ging so weit, dass auch im Unternehmensarchiv zu diesem Thema nichts zu finden war – und man in der Familie mit der Veröffentlichung der Arbeit von Anne Sudrow aus allen Wolken fiel. „Wir mussten das aufarbeiten lassen, da gab es keine Zweifel“, sagt Wentzler. Die entsprechenden Kapitel werden in der Unternehmenshistorie nachgetragen – in der Unternehmensausstellung, im Internet und zunächst auch durch ein Beilegeheft zur Unternehmenschronik, das die wesentlichen Ergebnisse aus Scholtysecks Buch enthält. Jeder Mitarbeiter, der Interesse daran hat, bekommt das vollständige Buch von Scholtyseck zudem kostenlos.

Wie aber fällt Scholtysecks Fazit aus? Es wäre verharmlosend, nur von einer „Verstrickung“ des Unternehmens zu sprechen, schreibt er. Denn das suggeriere immer einen Moment der Passivität. Passender sei der Begriff einer „Hineinverwicklung“ in die Verbrechen des „Dritten Reiches“. Nach 1945 habe sich Richard Freudenberg als hauptsächlich verantwortlicher Unternehmensführer in einem möglichst milden Licht zu zeichnen versucht. Mit dem heutigen Kenntnisstand lasse sich das Bild eines lupenreinen Hitlergegners allerdings nicht mehr halten. Freudenbergs Eigendarstellung als unerschrockener NS-Gegner gehöre zum Genre der sattsam bekannten Narrative der Selbstexkulpation und Selbststilisierung, obwohl er keineswegs zu den bedenkenlosen Unternehmern vom Schlag eines Friedrich Flick oder Günther Quandt gehört habe. Der Enkel nimmt das, wie er selbst sagt, „mit Betroffenheit zur Kenntnis“. Die Familie kenne die Vorfahren als wahre Demokraten. Mit den Forschungsergebnissen stehe nun aber fest, dass in dem Bemühen, Firma und Familie durch schwierige Zeiten zu führen, unstatthafte Kompromisse eingegangen wurden, „die wir aus heutiger Sicht erst recht verurteilen“. Zu berücksichtigen sei aber auch die heutige Perspektive der persönlichen Sicherheit; die endgültige Bewertung des Spannungsverhältnisses müsse daher anderen überlassen werden.

Freudenberg ist heute ein anderes Unternehmen als damals. Global tätig, mit einer internationalen Führung, politisch neutral – man hat sich auf gemeinsame Werte verständigt, die auf der ganzen Welt gelten, es werden internationale Vereinbarungen befolgt, politische Bildung und Integration in Deutschland unterstützt. Es würden keine Produkte hergestellt, die dazu in der Lage seien, anderen Schaden zuzufügen. Wird man auf dieser Basis alle Herausforderungen der Zukunft meistern? Auch Wentzler weiß es nicht, ist aber sehr zuversichtlich, dass die heutige Corporate-Governance-Struktur Derartiges künftig verhindert. Scholtysecks Arbeit soll dabei helfen. „Für mich ist es entscheidend, dass wir uns in jeder Generation mit dem Handeln unserer Vorgänger befassen müssen“, sagt er. Und fügt noch einmal an: „Persönlich ist es eine bedrückende Erfahrung, dass ich meinen Großvater nicht nach seiner Kenntnis über die ‚Schuhprüfstrecke‘ befragen kann. Ich empfinde das nicht nur als Verlust einer Möglichkeit, sondern auch als persönliches Versäumnis.“

  • © obs Freudenberg im badischen Weinheim heute: ein auf der ganzen Welt tätiges Technologieunternehmen mit internationaler Führung.
  • © Freudenberg Technologie von Freudenberg heute: Herstellung eines Silikonschlauchs im Reinraum.

Das Ursprungsprodukt Leder und das Handwerk des Gerbens, mit dem die Unternehmensgruppe Freudenberg vor fast 170 Jahren ihren Aufstieg erlebte, spielen heute übrigens keine Rolle mehr: Vor mehr als zehn Jahren wurden die letzten Leder aus der Produktion genommen. Heute ist man auf Produkte spezialisiert, die im Wesentlichen erst nach 1945 entwickelt und vermarktet wurden. Am bekanntesten sind die Artikel aus dem Geschäftsfeld Vliesstoffe und Filtration: Vileda-Wischtücher stellen auch heute noch einen wichtigen Umsatzgaranten dar. Mindestens ebenso bedeutend sind jedoch andere Erzeugnisse, vor allem aus dem Bereich der Dichtungs- und Schwingungstechnik. Freudenberg ist als Mischkonzern ein wichtiger Zulieferer für die internationale Auto- und Maschinenindustrie. Selbst wenn man sich dessen nicht bewusst ist, sind viele unserer Alltagsprodukte, erst recht die Maschinenparks der deutschen Industrie, mit Spezialprodukten bestückt, die aus dem Freudenberg-Stammwerk in Weinheim oder von Standorten in 57 Ländern stammen.

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Quelle: dpa, obs, Unternehmensarchiv Freudenberg

Veröffentlicht: 15.05.2016 15:41 Uhr