Die deutsche Tischenntennis-Nationalmannschaft der Herren hat bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft den Auftrag Silbermedaille ausgeführt. Nach dem 3:1 über Japan im Halbfinale steht das Team von Bundestrainer Jörg Roßkopf im Endspiel. Nach Olympia 2008 und der WM 2010 ist es das dritte große Finale für Deutschland in Serie. Gegner im Finale am Sonntag (13.30 Uhr/live im WDR) ist China. Der 17-malige Champion fertigte am Abend Südkorea mit 3:0 ab.
Über eine Stunde mussten die Herren auf ihr Halbfinale warten, weil die Damen aus Singapur es wieder einmal spannend machten. Wie schon am Freitagabend im Viertelfinale gegen Deutschland benötigte der Titelverteidiger über vier Stunden Spielzeit, bis er einen Rückstand in einen 3:2-Sieg umgewandelt hatte. Diesmal war Südkorea das Opfer. Wie vor zwei Jahren in Moskau heißt das WM-Finale China gegen Singapur, damals gewann der Außenseiter sensationell.
Als endlich das Spiel begann, wegen dessen 90 Prozent der 11.000 Zuschauer in der ausverkauften Westfalenhalle gekommen waren, fiel die Entscheidung ganz schnell. Im ersten Spiel gelang Dimitrij Ovtcharov das unverhoffte Break. Alle Experten hatten Deutschland favorisiert, nur die Begegnung des gebürtigen Ukrainers mit dem japanischen Spitzenspieler Jun Mizutani galt als sichere Sache für den Asiaten.
Ovtcharov hatte zuvor in seiner Karriere nur einmal vor vielen Jahren in der Bundesliga gegen Mizutani gewonnen, aber alle acht internationalen Begegnungen verloren. Doch wie schon in allen anderen Matches dieser WM zuvor bewies Ovtcharov, dass er der Weltklassespieler ist, der in den vergangenen Monaten die größten Fortschritte machte. Zu seinem Fleiß, seiner Willensstärke, Schlaghärte und Athletik hat er sich nun auch eine umfassende Spieltechnik angeeignet - fast alle Lücken in seinem Spielsystem geschlossen.
Und nervenstark war der Sohn eines sowjetischen Nationalspielers schon immer. Als es im dritten Satz immer knapper wurde, auch Mizutani zu großer Form auflief, ließ er sich nicht beirren und verwertete schließlich den fünften Matchball zum 3:0.
Danach wurde Timo Boll seiner Rolle als Nummer eins im deutschen Team gerecht. Der 17 Jahre alte Jugendweltmeister Koki Niwa verblüffte zwar bei einigen spektakulären Ballwechseln. Aber am Ende stand ein sicheres 3:0 des Rekordeuropameisters.
Dass Patrick Baum seinem Nachbarn in der Weltrangliste, Seiya Kishikawa in 1:3-Sätzen unterlag, konnten Bundestrainer Roßkopf und die Fans verschmerzen, denn auf Timo Boll war wieder einmal Verlaß. Gegen seinen Lieblingsgegner Jun Mizutani demonstrierte der 31 Jahre alte Hesse seine Klasse und gewann 3:0. Damit baute er seine Bilanz gegen den Japaner auf 14:1 aus.
Finaleinzug mit chinesischen Zügen
Somit hat die deutsche Mannschaft alle Erwartungen erfüllt, bei genauerem hinsehen schon übertroffen. Denn der Einzug ins Finale war nicht hart erkämpft, er trug schon chinesische Züge. Baums Niederlage war die einzige Deutsche im gesamten Turnier, alle sechs weiteren Gegner waren mit 0:3-Niederlagen nach Hause geschickt worden.
Die Auswahl des deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) hat die Konkurrenten im Kampf um Platz zwei in der Hierarchie, Japan und Südkorea, ein Stück hinter sich gelassen. Und der Abstand zu den Chinesen ist - gefühlt zumindest - kleiner geworden.
Bundestrainer Roßkopf sprach vor der WM davon, das beste deutsche Team in der Geschichte nach Dortmund zu schicken, weil mit Ovtcharov nun ein zweiter seiner Spieler unter den Top Ten der Welt plaziert sei. Liu Guoliang, Cheftrainer der chinesischen Herren, bestätigt Roßkopfs Einschätzung: „Mir kommt es auch so vor, dass die Deutschen besser sind als je zuvor“, sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Die Deutschen sind hier ein Problem. Sie sind in Dortmund zuhause und zuhause spielen sie am besten.“
Liu begründet seinen Respekt nicht nur mit dem Heimvorteil des Gegners, er erkennt auch die Leistungssteigerung der deutschen Spieler an. „Sie sind noch jung, haben aber schon viel Erfahrung gegen uns gesammelt. Die Zeit ist genau richtig für sie“, schätzt der chinesische Trainer. Mit Bewunderung spricht Liu vom ewigen Rivalen - von Timo Boll. „Wenn er noch besser wird, wird es sehr schwer für meine Spieler. Für mich ist es ein Wunder, wie gut er in einem Land wie Deutschland werden konnte. In China wäre er sogar noch besser geworden.“ Und was wäre, wenn China in Dortmund von Deutschland geschlagen würde? „Das wäre nicht schön, aber Olympia ist wichtiger“, sagt Liu mit der Gelassenheit des Seriensiegers.
