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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Zum Tode von Sergio Pininfarina Autos für kultivierte Männer

 ·  Mit dem Tode von Sergio Pininfarina ist auch ein Teil der Vorbildfunktion aus der Vergangenheit zur Gestaltung und Prägung des Autos verschwunden. Er war Stilist, Designer, Unternehmer, Italiener und ein Herr.

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© Hersteller Als Ferrari noch Autos für kultivierte Männer und nicht für fußballbegeisterte Oligarchen baute: der Testarossa

Das Auto steht vor einer Zeitenwende. Der dominierende Verbrennungsmotor wird in Frage gestellt und attackiert vom Elektroantrieb. Unabhängig von diesem Vorgang, aber mit zeitlicher Nähe, werden Einfluss und Hingabe auf und an das Auto von einzelnen Persönlichkeiten geringer. Im Milliardenspiel um den globalen Markt werden Künstler, Ästheten, Feingeister und Visionäre von Kapitalgesellschaften und Computerprogrammen zur Definition der Marktchancen eines neuen Autos in den Hintergrund gedrängt. Was sich nicht berechnen lässt, das wird nicht gebaut. Ein Mann wie Alec Issigonis, der Schöpfer des damals revolutionären Minis und Einzelkämpfer für seine Idee, würde heute schon im Vorfeld seiner Präsentation scheitern. Die Porsches, Agnellis, Peugeots und auch Ferdinand Piëch sind in ihrer Prägung für das Auto ebenso unverzichtbar wie unvergleichlich. Ihre Motivation war und ist die Faszination des Autos.

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Sergio Pininfarina im Jahr 1959 vor einem Ferrari-Modell © dapd Sergio Pininfarina im Jahr 1959 vor einem Ferrari-Modell

Das Auto der näheren Zukunft wird natürlich nicht schlechter unter den jüngeren, kühleren Herren des Zeitalters der elektronischen Möglichkeiten. Aber das Auto und seine Aura, beide werden ärmer und verlieren an Anziehungskraft. Das liegt auch daran, dass die großen Männer den Gesetzen einer unbarmherzigen Natur ausgeliefert sind, sie altern und sterben sogar. Damit gehen dem Auto und seiner Kultur mehr Eigenheiten verloren, als man in dieser Gegenwart zu erkennen vermag. Aber der Einfluss der alten Männer mit ihrem Gespür für die romantischen Charakterzüge des Autos, mit ihren gepflegten Manieren, ihren feinen Anzügen, der Korrektheit in Kleidung und Konversation ist dahin. Sie hatten einst, und waren auch einmal jung gewesen, den Sinn für jenen Inhalt des Autos, der untrennbar mit ihm verbunden ist: der Schönheit und der Seriosität von Geschwindigkeit.

Diese Eigenschaften einem Auto zu verleihen, das war die innerste Lebensaufgabe von Sergio Pininfarina. Mit seinem Tod ist auch ein Teil der Vorbildfunktion aus der Vergangenheit zur Gestaltung und Prägung des Autos verschwunden. Er war Stilist, Designer, Unternehmer, Italiener und ein Herr. Natürlich war er immer alles gleichzeitig, und er brachte das in sein Wirken ein. Diese Umgangsform des konzentrierten, gesammelten und gleichzeitig lockeren Auftretens hatte Sergio von Vater und Familie übernommen. Bei öffentlichen Auftritten, im Büro oder im Designstudio, immer im Anzug, immer mit Krawatte und immer mit einer Art von Gehen unterwegs, die überlegt und überlegend wirkte. Keine Eile zu haben und dennoch immer zur rechten Zeit anwesend zu sein, das war die Botschaft. Wem er wohlwollend war, dem schenkte er ein ruhiges Lächeln. So unprätentiös und ohne spektakuläre Eigenheiten wie ihr Schöpfer treten die Autos aus der großen Ära von Sergio Pininfarina noch heute auf: als Ferrari noch Autos für kultivierte Männer und nicht für fußballbegeisterte Oligarchen baute, da prägten PininFarina (der Vater) und Sergio Pininfarina (der Sohn, der diesen Namen angenommen hatte) die Marke, über fünfzig Jahre hinweg. Der Testarossa war der rassige Ferrari für den Alltag und der Alfa 164, die vielleicht erfolgreichste Limousine der großen Marke, oder auch das Fiat Coupé und diverse Alfa Romeo oder die Großserienlimousine Peugeot 405 verdeutlichen die inneren Gesetze des Pininfarina-Designs: Eleganz, Zurückhaltung, Intelligenz, getragen und inspiriert von Technik, aber geformt von künstlerischem Empfinden. Autodesign als Kunstform, als italienische Kunstform, in Verbindung mit einem tiefen Verständnis für das Handwerk: Bei Sergio und auch bei seinem Vater PininFarina ging bei aller Suche nach der Schönheit des bewegten Objekts nie der technische Kern verloren. Ein Auto von Pininfarina war nie den Launen der Mode ausgesetzt. Fragen nach dem guten Geschmack mussten nie gestellt werden, denn dieser war einfach vorhanden. Wie selbstverständlich. Schlimmstenfalls verstaubten seine Autos ein wenig und wurden dann zum Klassiker.

Dass es nicht beim Design für Autos bleiben konnte, war für Sergio Pininfarina selbstverständlich. Sessel für Poltrona Frau, Kaffeemaschinen für Lavazza oder eine komplette Küche: Er brachte sein Empfinden für die gute Form auf vielen Bühnen ein und war allerdings häufig mehr der Vater der Idee als der Ausführer im Detail. Aber das Festhalten der flüchtigen Empfindung von Schönheit erklären zu können, das war eine der Stärken von Sergio Pininfarina. Die Zeitenwende in der Entwicklung des Automobils hätte ihn nicht überrascht.

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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