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ZEG Bike Show Köln : Aus Freude am Treten

Zum Treten geboren, zum Rollen bestellt: Der BMW X2City Bild: Hersteller

Mitten im Sommer 2017 beschäftigt den Fahrradhandel schon das Frühjahr 2018. Zum Beispiel auf der ZEG Bike Show in Köln, wo auch BMW für Aufsehen sorgt.

          Dem Ingenieur ist nichts zu schwör, und der Jurist zäunt alles mit Paragraphen ein. Und wenn Juristerei und Ingenieurskunst ein gemeinsames Baby bekommen, dann muss es wohl so aussehen wie der neue BMW Elektrotretroller X2City. Konzept und Fahrwerk (samt Ein-Rohr-Gabel) dessen, was tatsächlich von den Bayern Motorrad genannt wird, reklamiert BMW für sich. Die nicht unwesentlichen elektrischen Komponenten wie der 250-Watt-Nabenmotor im Hinterrad, der Akkupack im Boden mit 404 Wattstunden für bis zu 35 Kilometer Reichweite und das beispielsweise auch an Bikes von Bulls mit Brose-Motor zu sehende Bedienteil am Lenker kommen von Marquardt. Das Alleinstellungsmerkmal der großen Fußtaste, die sozusagen der Gashebel ist, haben die Vorschriften beigesteuert. Der Taster sieht aus wie der Hebel für die Reibbremse aus jenen seligen Zeiten, als das Kinderspielzeug Tretroller noch nichts von Motorisierung wusste.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Der X2City sollte von den Vorschriften für Pedelecs profitieren: Unterstützung beschränkt auf die Grenzgeschwindigkeit von 25 km/h, kein Nummernschild und keine Helmpflicht, jedoch die Benutzung von Radwegen erlaubt. Der Pferdefuß, der beim X2City tatsächlich einer wurde: Die motorische Unterstützung eines Pedelecs setzt den fortlaufenden menschlichen Krafteinsatz voraus, sprich das Pedaltreten beim Elektrofahrrad. Die Vorschriften würden zwar auch einen Gasdrehgriff à la Motorrad erlauben, aber damit ginge ein so ausgestatteter Roller aller Pedelec-Vorteile verlustig. Vor allem würde er auch auf die Straße verwiesen. Daher muss beim Tretroller von BMW der Benutzer in schön gleichmäßigem Sekundentakt ausschlagen, das heißt hinten den Hebel in der Standfläche niedertreten, um Leistung abzurufen. Das sei eine Sache der Gewöhnung heißt es. Das ist wohl nur allzu richtig, wie ein paar Proberunden zeigten. Warten sollen den Roller nicht die BMW-Vertragshändler, sondern die Fachhändler der Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft ZEG.

          Ungewohnte Fahrgewohnheiten wären für rund 2400 Euro vielleicht ein bisschen viel verlangt, wenn die Umgewöhnung nicht durch handfeste Vorteile aufgewogen würde. Die bestehen zum einen in der Kompaktheit des Fahrzeugs, dessen Lenksäule sich zudem umknicken lässt. Der zweite Hauptvorzug des X2City ist, dass er bei besonders langsamer Fahrt (motorische Unterstützung erst von 6 km/h an, unterste Stufe maximal 8 km/h, und danach auf 12, 16, 20 und 25 km/h begrenzbar) nicht annähernd so kippelig wird wie ein Fahrrad. Die besondere Auslegung der Unterstützung bedeutet zum Beispiel praktisch: Kommt der Roller an einer Steigung kurz zum Stehen, muss er durch Abstoßen zunächst auf 6 km/h gebracht werden, um dann nach Betätigen des Tasters motorische Unterstützung zu erhalten. Man kann sich den Roller also weniger auf Elektro-Touren vorstellen, dafür aber sehr gut dort, wo ein rascher und wiederholter Wechsel zwischen Fahren und Gehen angezeigt ist: in Fußgängerzonen, auf langen Klinikfluren, in großen Werkshallen oder auf Fabrikgeländen. Warum hat man ihm dann nicht gleich einen Transportkorb über dem Hinterrad spendiert? Typische BMW-Antwort: „Aus Design-Gründen.“

          Akkus der E-Bikes werden integriert

          Die ZEG Bike Show ist eine Messe ausschließlich für Händler. Sie öffnete in diesem Jahr erstmals an vier Tagen, für die knapp tausend unabhängigen ZEG-Genossen in Europa (Deutschland: rund 670) freitags zur Mitgliederversammlung am Nachmittag des ersten Messetags und abends zur großen Sommerparty. Von Samstag bis Montag konnten dann die Lieferanten der ZEG auch Händler zu sich auf die Messe einladen, die nicht zur Kölner Genossenschaft gehören. Im Mittelpunkt der Messe standen die riesigen Kollektionen von Modellen der ZEG-Eigenmarken: Bulls, Pegasus, Zemo, aber auch die in den vergangenen Jahren übernommenen Marken wie Hercules oder Kettler. Kurz nach Ende der Messe wurde die Absicht der Kölner publik, den schweizerischen Elektrorad-Hersteller Biketec mit seiner Premium-Marke Flyer zu übernehmen.

          In diesem Umfeld des Sichtens und der Orders fürs nächste Frühjahr fand der BMW-Roller eher als Kuriosität Interesse, vor allem auf dem Parcours der Probefahrten. Der Star der Messe aber war nicht ein einzelnes Rad oder ein Bautyp, sondern ein Begriff, der sich in ganz verschiedener Gestalt manifestierte: Integration. Dieses Motto steht zum einen dafür, dass der Akku des Elektrorads im Rahmen verschwindet. Was von Brose und BMZ vorgemacht wurde, das machen nun Bosch und Shimano nach, die Japaner sogar im schlanken Doppelpack bei Bulls. Dort hat man die Verriegelung des von unten in den Rahmen geschobenen BMZ-Akkus verbessert. Rotwild gestaltet ihn jetzt zwar durch den Endkunden herausnehmbar, verschraubt ihn aber bombenfest für den Ausritt.

          Der Elektromotor kann Rollers auf bis zu 25 Stundenkilometer beschleunigen. Bilderstrecke
          Der Elektromotor kann Rollers auf bis zu 25 Stundenkilometer beschleunigen. :

          Integration ist auch das Einfügen von Maguras neuer Bremse HSi, was etwa bei Pegasus sehr elegant zu sehen ist: Wie sich die hydraulische Felgenbremse hinter die Gabel und eng an den Hinterbau schmiegt, das sieht nicht nur sehr gut aus, sondern bringt auch technische Vorteile. Mehr als die Beleuchtung am Mountainbike wird mit dem offenen Standard Monkey Link integriert: Statt das Licht und Schutzblech ans Bike zu basteln, werden die Komponenten magnetisch in Position gebracht und mechanisch mit einem Klick befestigt und elektrisch verbunden. Vorreiter entsprechend vorbereiteter Räder ist Bulls. Manchmal ist jedoch weniger mehr: Gerrit Gaastra verzichtet bei der mit dem Neodrive von Alber elektrifizierten Version des Idworx Opinion BLT/E (Basispreis: 5900 Euro) auf jede Art der Federung. Doch das Rad fährt sich wie auf Schienen und als ob es vollgefedert wäre – dank 60 Millimeter breiter Reifen auf Felgen mit Innenmaß 40 Millimeter und 0,9 bar Reifendruck.

          Quelle: F.A.Z.

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