21.01.2012 · „Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt.“ Tut er es doch, hat der Zahnarzt des Jahres 2012 moderne Behandlungseinheiten zur Verfügung, die mit dem Marterstuhl von einst nur wenig gemein haben.
Von Nils SchiffhauerMancher geht erst hin, wenn sich der Schmerz im Kiefer mit der Angst vor dem Zahnarzt mehr als nur die Waage hält. Nur unter diesem Leidensdruck nehmen sie in einem Stuhl Platz, der und dessen Umgebung in den vergangenen Jahrzehnten mit ziemlich viel Technik hochgerüstet wurden. Dabei tat sich lange Jahre wenig oder fast nichts. Erst mit Beginn der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kam der Fortschritt nicht mehr in nur homöopathischen Schritten.
Der Zahnarzt arbeite gern mit dem, was er vom Studium her kenne, heißt es etwa von Sirona, dem Technologieführer in der Dentalindustrie aus dem südhessischen Bensheim: "Und in seinem Berufsleben kauft der durchschnittliche Zahnarzt zweimal eine Behandlungseinrichtung oder einen Zahnarztstuhl, wie der Patient ihn nennt", sagt Thomas Nack, der dort die Entwicklung dieser mittlerweile komplexen Systeme leitet. Und deren Funktion liegt nicht mehr so offen zutage, wie sie manch Älterer noch aus seiner Kindheit kennt.
Vor einem halben Jahrhundert nämlich, da stellte sich schon angesichts des trefflich "Doriot-Galgen" genannten Bohrgestänges ein wahrlich mulmiges Gefühl innerhalb dieser kleinen und von elfenbeinfarbenem Stahlblech beherrschten Welt der Zahnarztpraxen ein. Die Angst vor dem Bohrer, der großzügig kariöses Material nervenerschütternd ausräumt, sie ist die Ur-Angst vor dem Dentisten. "Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt!", war daher die größte Verlockung für regelmäßige Zahnhygiene. Alle im Alter um 50 und darüber haben den Werbespot mit diesem Ausruf noch tief im Gedächtnis. Gebohrt wird schon sehr lange, denn schon die Präkolumbianer kannten diese Technik, ebenso wie die Römer und Griechen, wenngleich ihr Einsatz in der Zahnheilkunde unter Medizinhistorikern umstritten ist. In jedem Fall war diese Arbeit für Arzt wie Patienten gleichermaßen anstrengend, denn der Enamelum genannte Zahnschmelz ist das härteste Material unseres Körpers. Bei einer sogenannten Mohs-Härte von fünf ritzt ein Messer es gerade noch ein. Sicher belegt ist, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein der Arzt dieses Mineral vor allem mit Methoden der Werkstoffbearbeitung an den Prismengrenzen seines kristallinen Aufbaus zu spalten trachtete. Was Gravurplatten für den Stahldruck kerbte, kam auch im Mund zum Einsatz.
Erst 1871 hatte der Bohrer seinen endgültigen Durchbruch. James Beall Morrison erfand eine pedalbetriebene Konstruktion, ähnlich der Nähmaschine. Der Arzt erzeugte die Kraft durch kräftiges Treten mit dem Fuß und hatte so beide Hände zur Führung des Bohrers frei, der mit etwa 2000 Umdrehungen je Minute rotierte. Das brachte alle Beteiligten in Schweiß - den Mediziner vor Anstrengung, den Delinquenten vor Angst. Aber Morrison hatte vier Jahre zuvor schon einen einstellbaren Zahnarztstuhl entwickelt, der bessere Bedingungen für Arbeit und Leiden verhieß. Gerade vier, fünf Generationen jung also ist das System der Behandlungseinheit, an dessen linker Seite zudem schon ein Spucknapf zum Ausspülen des Mundes befestigt war. Als Morrisons Kollege Sercombe Stuhl und vor allem pedalbetriebenen Bohrer 1873 in London demonstrierte, antwortet er auf kritische Fragen: "Die meisten Patienten überzeugt dieses Gerät, sie fühlen keinen Schmerz." Eine Aussage von relativer Bedeutung, denn den erleichterten Patienten saß wohl noch die Erinnerung an vorhergehende Behandlungen in den Knochen. Neuen Schwung brachten Elektromotor und eben das nach dem französischen Zahnarzt Constant Doriot benannte Treibriemengestänge, dessen Übersetzung nun für Umdrehungszahlen von bis zu 6000 je Minute sorgte. Dabei, schreibt der Medizinhistoriker Ulrich Lohse, "blieb es bis Ende der 1960er in jeder zahnärztlichen Praxis".
Und doch hatte sich der Arbeitsplatz des Mediziners selbst da schon etwas gewandelt. Von 1934 an durchleuchteten Röntgengeräte am Stuhl, der sich seit 1956 zudem motorisch bewegen ließ. Zwei Jahre später gab Sirona dem Zahnarzt die erste europäische Luft-Turbine an die Hand, mit bis zu 300 000 Umdrehungen je Minute für noch schmerzärmeres Bohren. Weitere Gerätschaften wie spezielle Leuchten bevölkerten den Raum um ein bequemer werdendes Möbel immer rascher, so dass seit rund 30 Jahren der Stuhl mit seinen Komponenten zur "Behandlungseinheit" wurde. Für die führte schon 1967 der Schweizer Hersteller Stern Weber das erste an einem balancierten Arm montierte Arzt-Element ein.
Für den Patienten sehen heutige Zahnarztstühle aus ergonomischen und hygienischen Gründen recht ähnlich und wie eine Liege im Stil der LC4 von Le Corbusier aus: 1965 stellte Kavo aus Biberach mit seinem "Gerät 1025" den ersten Arbeitsplatz für Zahnärzte vor, der eine Behandlung liegender Patienten ermöglicht. Bald ist dieser hydraulisch höhenverstellbar, bis Ultradent aus München 1986 erstmals die Hydraulik durch Elektrik ersetzt. Das alles machte Schule, und vieles davon ist heute Standard - bei den preisgünstigeren Modellen wie jenen von Chirana aus der Slowakei oder dem FJ36 von Foshion aus Schanghai ebenso wie bei den spanischen Ancar-Liegen.
Erstaunlich ist die hohe Fertigungstiefe traditionsreicher Hersteller, wie sie auch am Teneo zu sehen ist. Nehmen wir doch beispielsweise bei Sirona Platz auf dem Spitzenmodell, das 2009 den iF Design Award in Gold erhielt. Wendet sich der Patient nach links zum Speibecken, so blickt er auf die zentrale Wassereinheit, welche die Peripherie steuert und versorgt. Entwicklungsleiter Thomas Nack muss nicht lange gebeten werden, bis er die Blende abnimmt und zunächst den Kreislauf von Zuwasser und Abwasser erläutert: "Das Wasser kommt aus der üblichen Leitung in einen Vorratsbehälter, wo es mit einer 0,014-prozentigen Wasserstoffperoxidlösung zur Desinfektion gemischt wird." Die Trennung über eine freie Luftstrecke bewahrt das Wasser davor, bei eventuellem Unterdruck im Trinkwassernetz dahin zurückzufließen und so möglicherweise Keime zu verbreiten. Nachdem eine Heizung das Wasser auf angenehme 35 Grad Celsius erwärmt hat, wird es zum Spender hochgepumpt. Der Patient spült seinen Mund aus und spuckt allerhand Sondermüll bis hin zu Amalgambröckchen in den Ausguss. "Der ist Sondermüll", zeigt Nack auf einen besonders geformten Behälter, der diese Quecksilberlegierung durch Zentrifugalkraft herausfiltert. Nachdem das Abwasser zudem von Schwebstoffen gereinigt wurde, fließt es in die Kanalisation. Auch die Absaugeinrichtung, die mit ihrem Unterdruck von 0,2 bar im Oralraum staubsaugt, ist an diese Reinigung angeschlossen.
Die Stromversorgung für den kompletten Stuhl befindet sich ebenfalls in der Wassereinheit. Die Steuerung übernehmen mehrere Mikroprozessoren, die durch den in der Automobilindustrie bewährten CAN-Bus kommunizieren. "Allein in der Software der Bedienungseinheit", sagt Nack, "stecken etwa 100 Personenjahre Entwicklungsleistung." Diese Arbeit erleichtert den Zahnärzten die ihre. So bedienen sie ihre zahnärztlichen Instrumente über ein fingersensibles Display. Das ruft gleich genau das Menü auf, das zum herausgezogenen Instrument passt. Bei einer Wurzelkanalbehandlung etwa weist das Display zudem drauf hin, in welcher Tiefe des Zahnkanals man sich befindet und wann die Feile zu wechseln ist. Derweil fährt der Arzt über einen Fußschalter den Patienten immer wieder in die richtige Position, so dass er ohne Nackenschmerzen noch die fernsten Ecken in Ober- oder Unterkiefer erreicht. Die schattenfreie Ausleuchtung mit einem weißen LED-Licht bietet dabei den detailreichen Überblick über das Operationsfeld.
Die Einheiten für Arzt und Assistentin sind getrennt und beide nach dem Konzept von Fern- und Nahgriff gestaltet. Beim Nahgriff wird das Ellenbogengelenk noch nicht gestreckt - häufige Bewegungen legen die Konstrukteure daher in diesen kräfteschonenden Bereich. Was der Arzt für einen Preis von rund 45 000 Euro erhält, ist erst der Einstieg in ein System, das in seinem Gesamtausbau den virtuellen Patienten ermöglicht. Seine Knochen- und Zahndaten liegen hochaufgelöst als dreidimensionales Modell vor, erhoben unter anderem durch detaillierte Röntgenaufnahmen und Spezialkameras. Zahnabdrücke mit dieser kaugummiartigen Masse sind damit ebenso wenig notwendig wie deren mit Ungenauigkeiten behaftete Umsetzung in ein Gipsmodell, an dem daraufhin der Zahntechniker die Prothetik konstruiert. "Mit einem virtuellen Modell", erläutert Nack, "kann eine Krone mit präzisem Gegenbiss sogar weitgehend automatisch gearbeitet werden - die entsprechenden Information gehen wie in der industriellen CAD/CAM-Produktion via Datenleitung an ein entsprechendes Bearbeitungszentrum." Das fördert die Präzision ebenso wie die Wertschöpfung des Arztes und beschleunigt die gesamte Behandlung.
Der früher wie ein wehrloser Käfer auf dem Rücken liegende Patient wird an einer voll ausgestatteten Behandlungseinheit zum Kunden, der Kamerabilder aus seiner Mundhöhle auf den Schirm bekommt, Röntgenbilder des gesamten Schädels oder ein realitätsnahes Porträt, wie denn sein Gesicht nach Korrektur etwa des Überbisses gewonnen haben wird. Die Technik ist so sanft, dass ihm höchstens noch die Kosten des Gesundheitswesens den Schweiß den Rücken herunterlaufen lassen. Geschieht das während der Zahnbehandlung, so fangen selbst den temperaturaktive Elemente in der Polsterung dessen auf, was mal als einfacher Zahnarztstuhl anfing.
Wirkliche Innovationen vergessen
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 21.01.2012, 17:36 Uhr