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Zahnarztstuhl Nur die Angst kann er nicht nehmen

„Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt.“ Tut er es doch, hat der Zahnarzt des Jahres 2012 moderne Behandlungseinheiten zur Verfügung, die mit dem Marterstuhl von einst nur wenig gemein haben.

© Hersteller Vergrößern Zahnärzte müssen in einen solchen Stuhl mindestens 45.000 Euro investieren

Mancher geht erst hin, wenn sich der Schmerz im Kiefer mit der Angst vor dem Zahnarzt mehr als nur die Waage hält. Nur unter diesem Leidensdruck nehmen sie in einem Stuhl Platz, der und dessen Umgebung in den vergangenen Jahrzehnten mit ziemlich viel Technik hochgerüstet wurden. Dabei tat sich lange Jahre wenig oder fast nichts. Erst mit Beginn der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kam der Fortschritt nicht mehr in nur homöopathischen Schritten.

Der Zahnarzt arbeite gern mit dem, was er vom Studium her kenne, heißt es etwa von Sirona, dem Technologieführer in der Dentalindustrie aus dem südhessischen Bensheim: "Und in seinem Berufsleben kauft der durchschnittliche Zahnarzt zweimal eine Behandlungseinrichtung oder einen Zahnarztstuhl, wie der Patient ihn nennt", sagt Thomas Nack, der dort die Entwicklung dieser mittlerweile komplexen Systeme leitet. Und deren Funktion liegt nicht mehr so offen zutage, wie sie manch Älterer noch aus seiner Kindheit kennt.

Zahnarztstuhl - Welche Technik steckt in den Zahnarztstühlen, die bei Sirona im hessischen Bensheim hergestellt werden? © Kaufhold, Marcus Vergrößern Ohne Mikroprozessoren und jede Menge Steuerelektronik geht heute nichts mehr beim Zahnarzt

Vor einem halben Jahrhundert nämlich, da stellte sich schon angesichts des trefflich "Doriot-Galgen" genannten Bohrgestänges ein wahrlich mulmiges Gefühl innerhalb dieser kleinen und von elfenbeinfarbenem Stahlblech beherrschten Welt der Zahnarztpraxen ein. Die Angst vor dem Bohrer, der großzügig kariöses Material nervenerschütternd ausräumt, sie ist die Ur-Angst vor dem Dentisten. "Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt!", war daher die größte Verlockung für regelmäßige Zahnhygiene. Alle im Alter um 50 und darüber haben den Werbespot mit diesem Ausruf noch tief im Gedächtnis. Gebohrt wird schon sehr lange, denn schon die Präkolumbianer kannten diese Technik, ebenso wie die Römer und Griechen, wenngleich ihr Einsatz in der Zahnheilkunde unter Medizinhistorikern umstritten ist. In jedem Fall war diese Arbeit für Arzt wie Patienten gleichermaßen anstrengend, denn der Enamelum genannte Zahnschmelz ist das härteste Material unseres Körpers. Bei einer sogenannten Mohs-Härte von fünf ritzt ein Messer es gerade noch ein. Sicher belegt ist, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein der Arzt dieses Mineral vor allem mit Methoden der Werkstoffbearbeitung an den Prismengrenzen seines kristallinen Aufbaus zu spalten trachtete. Was Gravurplatten für den Stahldruck kerbte, kam auch im Mund zum Einsatz.

Erst 1871 hatte der Bohrer seinen endgültigen Durchbruch. James Beall Morrison erfand eine pedalbetriebene Konstruktion, ähnlich der Nähmaschine. Der Arzt erzeugte die Kraft durch kräftiges Treten mit dem Fuß und hatte so beide Hände zur Führung des Bohrers frei, der mit etwa 2000 Umdrehungen je Minute rotierte. Das brachte alle Beteiligten in Schweiß - den Mediziner vor Anstrengung, den Delinquenten vor Angst. Aber Morrison hatte vier Jahre zuvor schon einen einstellbaren Zahnarztstuhl entwickelt, der bessere Bedingungen für Arbeit und Leiden verhieß. Gerade vier, fünf Generationen jung also ist das System der Behandlungseinheit, an dessen linker Seite zudem schon ein Spucknapf zum Ausspülen des Mundes befestigt war. Als Morrisons Kollege Sercombe Stuhl und vor allem pedalbetriebenen Bohrer 1873 in London demonstrierte, antwortet er auf kritische Fragen: "Die meisten Patienten überzeugt dieses Gerät, sie fühlen keinen Schmerz." Eine Aussage von relativer Bedeutung, denn den erleichterten Patienten saß wohl noch die Erinnerung an vorhergehende Behandlungen in den Knochen. Neuen Schwung brachten Elektromotor und eben das nach dem französischen Zahnarzt Constant Doriot benannte Treibriemengestänge, dessen Übersetzung nun für Umdrehungszahlen von bis zu 6000 je Minute sorgte. Dabei, schreibt der Medizinhistoriker Ulrich Lohse, "blieb es bis Ende der 1960er in jeder zahnärztlichen Praxis".

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