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Singapur macht’s vor : Was den Öffis fehlt

So sauber kann eine U-Bahn sein Bild: Spehr

Ist der öffentliche Personennahverkehr die Zukunft des Massentransports? Wer dieser Meinung ist, kann in Singapur lernen, wie es wirklich geht. Ein Kommentar.

          Die Reise beginnt in Deutschland mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Rhein-Main-Gebiet. An diesem Tag fällt die S-Bahn immer wieder aus, und ungeachtet einer vorhergehenden Internet-Recherche sowie fortwährenden Einsatzes der Nahverkehrs-App ist es bis zum Erreichen des Ziels nicht möglich, festzustellen, ob die schließlich auf gut Glück gewählte Bahn durchhält oder zu denjenigen gehört, die vorher schlappmachen. Mehr als den unklaren Hinweis, dass „einzelne Fahrten entfallen“ bekommt der Rhein-Main-Verkehr nicht hin. Man schludert sich halt so durch, und dass die Wagen verdreckt sind, bedarf in Deutschland so wenig der Erwähnung wie der Hinweis auf die notorische Unpünktlichkeit.

          Zudem ist der Nahverkehr in Deutschland teuer, und dass ein Ausländer mit einem hiesigen Fahrkartenautomaten zurechtkommt, gilt als unwahrscheinlich. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund hat seine Tarifinformationen in einem Dokument zusammengefasst. Es ist ein Buch geworden, es hat 177 Seiten. Das ist nicht etwa der Fahrplan, sondern es sind allein Informationen über Tarife und Beförderungsbedingungen. Leseprobe: „Mit Fahrkarten der Preisstufe 3 darf immer das gesamte A-Tarifgebiet befahren werden, sofern sich die Preisstufe 3 nicht aus einer tarifgrenzüberschreitenden Fahrtrelation ergibt.“

          Als die Reise viele Stunden später in Singapur endet und der Deutsche dort als Ausländer den öffentlichen Nahverkehr erprobt, kommt er sofort zurecht. In weniger als zwei Minuten ist eine wiederaufladbare Chipkarte für U-Bahn und Bus gekauft. Anonym, ohne Angabe persönlicher Daten. Beim Betreten des MRT, Mass Rapid Transit, öffnet man mit der Karte ein Drehkreuz, man sieht sein verfügbares Guthaben auf einem Display, und beim Verlassen wird der angefallene Betrag von der Karte abgebucht.

          Man muss keine Einzelfahrscheine kaufen, es gibt kein kompliziertes Tarif-Menü, keine Automaten, keine zu beachtenden Bestimmungen und Ausnahmen, keine tarifgrenzüberschreitenden Fahrtrelationen, kein Wirrwarr, und die Preise sind klein. Kostet in Frankfurt die kürzeste Kurzstrecke über ein paar hundert Meter mindestens 1,85 Euro, zahlt man in Singapur keine 40 Cent. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Asien sind schnell, sie fahren auch nachts mit kurzen Taktzeiten, sie sind effizient, superpünktlich, und Bahnen wie Bahnhöfe sind sauber und sicher. Sämtliche Anzeigetafeln sind groß, übersichtlich und selbsterklärend. Man braucht keine App und keinen Tarifberater. In den Zügen, auch in den unterirdisch fahrenden, gibt es flinken Mobilfunk ohne Unterbrechungen. Dass eine Bahn unpünktlich käme oder gar ausfiele, ist selten, kein Vergleich mit Deutschland. Was man in Singapur geboten bekommt, ist also genau das Gegenteil der deutschen Einrichtungen, und es macht Spaß, mit diesem System unterwegs zu sein.

          Wenn man der Ansicht sein sollte, dass der öffentliche Personennahverkehr die Zukunft des Massentransports ist, kann man in Singapur lernen, wie es geht. Es ist kein Hexenwerk, sondern eine Frage des Wollens und vieler kleiner Schritte in die richtige Richtung. Dieses Wollen müsste man auch in Deutschland können.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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