Der Golf ist das wichtigste Auto für Volkswagen, und wenn mal wieder eine neue Generation an den Start geschickt wird, sind alle ein wenig aufgeregt. Deshalb sei es den Wolfsburgern (fast) verziehen, dass sie die Einführung bis zum Marktstart im November in Etappen inszenieren. In einer Woche wird in festlichem Rahmen in Berlin zum ersten Mal ein offizieller Blick auf Nummer sieben erlaubt. Mehr als vier Projektoren unter zwei Augen mit Tagfahrlicht in U-Form und Rückleuchten mit dem typisch leuchtenden L waren noch nicht zu erhaschen. Vorab durften aber schon die Techniker um Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg darüber plaudern, was sie alles geschafft haben, und so können wir diesseits des Außendesigns einige Eckdaten vermelden. So viel sei nach einem ersten Eindruck gesagt: Auch der neue Golf wird eine harte Nuss für die Konkurrenz, die sich kaum darauf verlassen kann, dass der Bestseller nach 38 Jahren Bauzeit und 29 Millionen verkauften Stück Altersmilde zeigen und die Führung des Segments abgeben wird.
Die Herren in Wolfsburg haben einen gewissen Hang zur automobilen Sachlichkeit, und wer Vorstandschef Martin Winterkorn fragt, welche Generation Golf er am gelungensten findet, bekommt nicht die aktuelle genannt. So nimmt es nicht wunder, dass sich Nummer sieben an den Tugenden eines Vorvorgängers orientiert und einen „Sprung nach vorn“ im Lastenheft stehen hatte. Der neue wird leichter, aufgeräumter und schlichter, aber auch länger, breiter, flacher und qualitativ noch eine Spur feiner. Natürlich soll auch dieser neue Golf dynamischer, komfortabler, sicherer und sparsamer sein. Im Angebot sind folglich eine das Rangieren erleichternde Progressivlenkung, elektrische Parkbremse, fünf wählbare Abstimmungsmodi für Fahrwerk und Antriebsstrang sowie eine ganze Armada an Assistenzsystemen. Müdigkeitserkennung, Spurhalteassistent mit Führung in der Fahrbahnmitte, Abstandsradar mit Notbremsfunktion oder die Folgeunfälle mildernde Multikollisionsbremse gehören dazu. Die Motoren sind zu Enthaltsamkeit angehalten. Der 1,4 TSI Benziner mit 103 kW (140 PS) und Zylinderabschaltung soll nach Norm 4,8 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen, dem Diesel mit 77 kW (105 PS) werden 3,8 Liter nachgesagt. Später wird eine Sparversion dieses Diesels nachgeschoben, sie soll mit rund 3,3 Liter und 85 Gramm CO2-Ausstoß auskommen. Über die gesamte Flotte werde der Verbrauch um 14 Prozent sinken, schätzt VW.
Im Innenraum fühlt sich auf Anhieb wohl, wer sich schon immer im Golf wohl gefühlt hat. Allerdings sind die Sitze einen Tick tiefer montiert als bisher, das ist bemerkenswert für ein Mehrgenerationenauto in Zeiten ungebrochenen Zuspruchs zu Geländewagen mit ihrer erhöhten Sitzposition. Aber es wird eines nicht allzu fernen Tages ja wohl wieder einen Golf Plus geben.
Das Armaturenbrett trägt klare Zeichen der Information und sauber rastende Schalter. Um es mit den Worten von Designer Klaus Bischoff zu sagen: „Der Auftritt ist bar jeden Firlefanzes - so was machen wir halt nicht.“ Modern darf er freilich sein. Und auch ein bisschen abgeguckt. Die Unterhaltungseinheit, deren Bildschirm weiterhin in der Mittelkonsole sitzt, dort aber etwas nach oben gerückt ist und bis hin zu W-Lan und Spracheingabe allerlei Segnungen moderner Kommunikation beherrscht, lässt sich nun mit Fingerdruck bedienen wie ein iPhone. Auch die Grafiken erinnern ohne Scham an Apples Welt. Auf die Kundschaft wartet ein unten abgeflachtes Dreispeichenlenkrad, das einen Hauch Sportlichkeit durch den Golf weht, hochwertiges Material dort, wo die Hand mit ihm in Berührung kommt, allerorten weiße, ziemlich schick wirkende Hintergrundbeleuchtung sowie ein recht luftiges Raumgefühl, das mittels gestalterischer Kniffe etwa durch bogenförmige Ausbuchtung der Türschalen gewonnen wird. Soweit erkennbar, scheinen kleine Dreiecksfenster vor den Außenspiegeln eingelassen zu sein, die kecke Blicke nach draußen zu- und Licht hineinlassen.
So hilfreich diese womöglich auch zum Einparken sein mögen, so sehr werden elektrische Hilfen für Manöver nötig, die Sicht nach hinten erfordern. Sie wird kaum besser geworden sein. Das Heckfenster ist schmal, die C-Säule breit, es gibt (gegen Aufpreis) einen Einparkassistenten, der längs und quer in und aus Lücken steuert, die nur noch 80Zentimeter größer als das Auto sein müssen. Wer in der zweiten Reihe mitreist, darf sich über einen Zugewinn an Freiheit freuen, das Längenwachstum kommt vor allem den Hinterbänklern zugute.
Die Entwickler geraten insbesondere über ihre erfolgreiche Diät in Entzücken. Bis zu 100 Kilogramm haben sie im Vergleich zum Vorgänger herausgenommen, so dass der Golf 7 nun wieder auf dem Niveau des Golf 4 angekommen ist, er wiegt trotz umfangreicherer Sicherheitsausstattung etwa 1150 Kilogramm. Erreicht wird dies durch eine ganze Reihe von Maßnahmen an Motoren, Getrieben, Elektrik oder Sitzen, auch die Fensterheber und der Klimakompressor speckten ab. Vor allem aber trägt die Karosserie bei, die aus hochfestem Stahl besteht, was die Wolfsburger Blechverbieger mit einem Augenzwinkern gern herausstreichen: „Wir konnten auf teures Aluminium verzichten.“ Der Stahl wird warm verformt, also auf 930 Grad erhitzt, glühend in die Presse eingebracht und darin geplättet binnen 5,5 Sekunden auf 180 Grad abgekühlt. Dieses Verfahren garantiere besondere Härte bei geringem Materialeinsatz und mache zudem mehrere früher notwendige Arbeitsschritte überflüssig, heißt es.
Und natürlich besteht der Golf wie alle künftigen Autos des Konzerns in dieser Klasse aus Hackenbergs Modularem Querbaukasten, der das Kunststück individueller Vereinheitlichung fertigbringen soll und seit einigen Monaten am Audi A3 geübt wird. Nun müsse die Produktion zeigen, dass sie auch die „ganz großen“ Stückzahlen hinbringe, meint der Entwicklungsvorstand, ohne dass Zweifel in seiner Stimme schwingen. Die Werke Wolfsburg und Zwickau haben gleichzeitig mit der Produktion begonnen, und es wird vom Start weg die zweitürige wie auch die viertürige Variante geben. Später folgen der Kombi Variant, ein Golf mit Elektroantrieb und einer mit Gasantrieb und einige mehr. Was genau noch kommen und wie teuer der Neue werden wird, all das will der Vorstand noch nicht verraten. Es muss noch etwas übrigbleiben für die nächsten Teile der Golf-Festspiele.
Weiche Faktoren
Christian Hausen (spellfire)
- 29.08.2012, 11:24 Uhr
Vielleicht ist das Modulauto mit CFK-Karosserie eine Lösung
Anton Seidel (ase)
- 29.08.2012, 10:09 Uhr
"trotz umfangreicherer Sicherheitsausstattung etwa 1150 Kilogramm"
Matthias Unger (ungermat)
- 28.08.2012, 15:39 Uhr
Natürlich gibt es qualitativ bessere Autos zu günstigeren Preisen
Johannes Grün (ppjjll)
- 28.08.2012, 12:33 Uhr
Keine Frage...
Gus Savel (gsavel)
- 28.08.2012, 10:06 Uhr