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Victory Hard-Ball Totale Entspannung beim Baggerfahren

 ·  Hat zwei Zylinder, kommt aus Amerika, ist aber keine Harley - was ist das? Nicht einfach, jemanden zu finden, der diese Frage richtig beantwortet. Victory!

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© Wille Die Victory Hard-Ball ist auch etwas für Schwarzfahrer

Der gewöhnliche Passant hat nach wie vor keine Ahnung, was genau er vor sich hat, wenn er auf eine Victory schaut. In den Vereinigten Staaten, wo die Marke Ende der Neunziger auftauchte, mag das inzwischen anders sein, hierzulande wird oft gefragt: Is das ’ne Harley?

Dass der Zylinderwinkel statt 45 Grad (Harley-Davidson) 50 Grad beträgt, ist auf Anhieb nicht zu erkennen; dass der Ventiltrieb ein modernerer, der Hubraum mit 1731 Kubikzentimeter zum Teil etwas, zum Teil sogar beträchtlich größer ist als jener der meisten Harleys, auch nicht. Feinheiten für die Spezialisten. Die beiden Marken haben nichts miteinander zu tun, gleichwohl werden sie immer wieder in einen Zusammenhang gestellt. Das liegt an den Produkten und daran, dass der Emporkömmling versucht, in Jagdgründen zu wildern, die Harley seit Generationen für sich beansprucht.

Victory kopiert nicht frech, sondern variiert das Thema des uramerikanischen Schwereisens so weit, dass man von eigenem Stil sprechen kann, bemüht aber das gleiche Freiheitspathos. „Freedom-V-Twin“ nennen die anderen Amis ihren Koloss von Motor mit 65 kW (88 PS) bei 5000/min und satten 143 Newtonmetern bei 2800 Umdrehungen.

Gestichelt wird obendrein, beispielsweise breitet Victory in Werbevideos aus, wie sich die eigenen Koffer einhändig öffnen lassen, während man beim Konkurrenten zwei Hände brauche. Der reagiert wie eine Eiche, an der sich ein Eber reibt. Das ist das Schicksal des Kleinen, der den sicher im Sattel sitzenden Großen herausfordern will. Wobei einem der Kleine nicht leid tun muss, er ist Teil des Konzerns Polaris Industries, der für Gelände- und Schneemobile bekannt ist und sich im April 2011 die altehrwürdige Motorradmarke Indian einverleibt hat, deren Comeback nächstes Jahr mit einer neuen Baureihe eingeleitet werden soll. Indian kennt jeder, der sich ein bisschen für Motorradhistorie interessiert.

Victorys Bekanntheitsgrad in Deutschland ist steigerungsfähig, ebenso wie die Verkaufszahlen. 293 Neuzulassungen wurden von Januar bis Ende September registriert, eine Zunahme um 22 Prozent gegenüber 2011 zwar. Aber ein Marktanteil von 0,37 Prozent bei Krafträdern reicht kaum, um die Wahrnehmungsschwelle zu überwinden, was der Hersteller aus Spirit Lake seit drei Jahren versucht, mit einer wachsenden Modellpalette.

Fünf Touring- und Cruiser-Baureihen sind mittlerweile im Programm. Victory arbeitet erkennbar mit vielen Gleichteilen, nutzt für sämtliche Typen ein und denselben Motor, ein luft-/ölgekühltes Triebwerk mit Vierventiltechnik, das seine nicht geringe Kraft per Sechsganggetriebe über einen Zahnriemen zum Hinterrad delegiert. Immer wieder werden erstaunliche Variationen aus dem Baukasten gezaubert, so wie die neue Hard-Ball. Hat man die einmal wahrgenommen, vergisst man sie so schnell nicht mehr.

Victory bezeichnet die Maschine als „Bad Ass Custom Bagger“, wobei der Bagger hier nicht als Baustellenfahrzeug zu verstehen ist, sondern als ein geduckter, langgestreckter Cruiser mit Hartschalenkoffern (Bags), sehr niedrig plaziertem Sitz, Hochlenker (Ape-Hanger), Trittbrettern, opulenten Kotflügeln, Speichenrädern. Eine originelle Zusammenstellung mit einem Rücklicht in Form eines glutroten Eiszapfens. Bewusst herbeigeführt sind die Anmutung einer Hinterhofschuppensonderanfertigung und der Eindruck, die Victory sei nach ihrer Geburt in einen Kessel mit mattschwarzer Farbe gefallen. Sie wirkt grimmig, trotz sparsam aufgepinselter roter Zierstreifen und eines normgerecht zivilisierten Klangs.

Der Name Hard-Ball soll wohl suggerieren, so was sei nichts für Weicheier, für metrosexuelle Vegetarier mit enthaarten Waden. Solider Brustpelz und Plauze passen besser. Als Chefmaschine der örtlichen Rockervereinigung ist sie denkbar, sofern nicht Harley-Zwang besteht. Vollgetankt sind weit mehr als sieben Zentner zu bewegen, was nicht so einfach ist. Der Traktormotor, der ruhig seine Keule schwingt, entwickelt einen immensen Schub von unten heraus. Im Regen verströmt die Hard-Ball auf ihren Reifen vom Typ Dunlop Elite 3 wenig Vertrauen; ein Gasstoß, und das Heck kommt quer.

Ansonsten ist das Fahrgefühl wundervoll. Bei 2000 Umdrehungen - viel mehr braucht man selten - übernimmt die Kurbelwelle eine Massagefunktion für Organe wie die Seele und die Magengrube. Baggerfahren mit permanent hochgereckten Fäusten und lässig vorgestreckten Füßen verändert den Menschen insofern, als er sich entspannt, die Stadt genießt, statt den Stau zu verfluchen, und öfter denkt: Mir doch egal. Es gibt kaum ein anderes Motorrad, auf dem man sich so oft fragt, warum so viele Menschen wertvolle Zeit in vierrädrigen Kapseln verbringen, statt den Wind zu schmecken, an einem kühlen Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit vor der Ampel die vom Motor aufsteigende Wärme im Gesicht zu spüren.

Die Kupplung ist schwergängig, der Klang beim Gangeinlegen und Schalten metallhaltig, die Federung passabel. Es gibt einen ruckig zu Werke gehenden Tempomaten, der sich gelegentlich selbst abschaltet. Unpraktisch: Lenkerschloss (am Lenkkopf) und Zündschloss (linke Motorseite) sind getrennt. Praktisch: Es passt derselbe Schlüssel für beides und auch noch für die voluminösen Einhand-Koffer. Vorder- und Hinterradbremse bilden ein merkwürdiges Gespann: Erstere stumpf, unmotiviert, schlecht zu dosieren, Letztere auffällig durch ein arg früh und grob regelndes ABS. Man kommt zurecht. Beim Tanken sprudelt’s aus dem Einfüllstutzen, als sträubte sich die Hard-Ball gegen Nahrungsaufnahme, egal, wie man die Zapfpistole hält. Rund 6,4 Liter auf 100 Kilometer ließ sich unser Exemplar dann aber doch schmecken.

Kabelgewurschtel am Lenker, sich lösende Gummilippen der Koffer, leicht speckig wirkender Sitzbezug, großes Spaltmaß des Sattels zum Tank - das möchte man Victory nicht durchgehen lassen angesichts des stolzen Preises von 19 490 Euro. Dafür bekommt man von europäischen Herstellern hochgezüchtete Nobelmotorräder mit sämtlichen elektronischen Schikanen. Aber es ist nicht gesagt, dass man als „Bad Ass“ damit glücklicher ist.

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Geboren am 10. Dezember 1959, Redaktion „Technik und Motor“

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