Home
http://www.faz.net/-gy9-73sld
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Verunreinigte Kabinenluft Toxische Dämpfe oder heiße Luft über den Wolken?

Seit ein Zwischenfall der Germanwings ans Licht kam, jagt eine Meldung über vermeintlich verunreinigte Flugzeugkabinenluft die andere. Die Triebwerke sollen für die Dämpfe verantwortlich sein.

© AP Photo/Ted S. Warren/dapd Der andere Weg: An der Boeing 787 strömt die Luft durch Öffnungen am Rumpf ein. Andere Flugzeuge zapfen sie im Triebwerk

Ist es Psychologie? Zufall? Ein Phänomen der Medien? Verunglückt ein Bus, scheinen danach viele Busse zu verunglücken. Gibt es eine Panne im Zug, haben danach Dutzende andere Schwierigkeiten. Jetzt sind wieder Flugzeuge dran. Die Beteiligten haben wohl niemandem einen Gefallen getan, als sie einen Zwischenfall der Germanwings im Jahr 2010, als Piloten gesundheitliche Beeinträchtigungen spürten und nur mit Mühe landen konnten, als Lappalie abtaten. Wie es aus der Branche heißt, habe Germanwings vorschriftsmäßig eine „schwere Störung“ gemeldet, doch Luftfahrtbundesamt und die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung hätten ein Jahr lang nichts unternommen, dann aber plötzlich doch eine Untersuchung begonnen. Später gelangten Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit.

Holger  Appel Folgen:

Nun jagt eine Meldung über vermeintlich verunreinigte Kabinenluft die andere. Vor wenigen Tagen entschied sich der Kapitän eines Lufthansa-Airbusses auf dem Weg von Frankfurt nach Istanbul zur außerplanmäßigen Landung in München, weil aus der Kabine ungewöhnlicher Geruch gemeldet wurde. Letztlich wurde keine technische Fehlfunktion festgestellt.

Tatsächlich scheint sich der Vorfall bei Germanwings von anderen zu unterscheiden. Erste Berichte, denen zufolge Öldämpfe ins Cockpit gelangt sind, scheinen sich als falsch zu erweisen. Untersuchungsprotokolle legen eine andere Ursache nahe, die freilich ebenfalls zu vermeiden wäre. Offenbar sind Rückstände der Enteisungsflüssigkeit verdampft und in das Cockpit gelangt. Der Flug fand im Dezember bei kalter Witterung statt, und das Flugzeug war vor dem Start mehrfach enteist worden. Die Piloten legten Sauerstoffmasken (sie erhalten reinen Sauerstoff aus Flaschen, die Passagiere würden bei Anlegen der Masken mit Sauerstoff aufbereitete Kabinenluft atmen) an und landeten die Maschine. Sie klagten hinterher über Kribbeln in den Armen, doch am Flugzeug wurde bei der anschließenden Überprüfung und auch während eines unmittelbar danach erfolgten Testflugs keine technischen Mängel festgestellt.

Aus dem Triebwerk in Cockpit und Kabine

Im Verdacht, für die Einleitung jedenfalls übelriechender, womöglich gar giftiger Dämpfe verantwortlich zu sein, stehen die Triebwerke und darin in kleinsten Mengen auslaufendes Öl. Der britische Hersteller Rolls-Royce steht besonders am Pranger, weil mit seinen Triebwerken der Airbus A380 ausgerüstet ist und es vor allem auf Flügen aus Singapur mit seinem heißen und feuchten Klima Meldungen über Beeinträchtigungen gibt. An den Maschinen der Germanwings hängen freilich Triebwerke von IAE oder CFM. Deshalb stellt sich die Frage, ob grundsätzliche konstruktive Mängel vorliegen.

In Flugzeugen heutiger Bauweise gelangt Frischluft als Zapfluft (Bleed Air) aus dem Triebwerk in Cockpit und Kabine. Abgenommen wird die Luft nach der vorderen Verdichterstufe, also vor der Brennkammer. Das Triebwerk bietet sich deshalb an, weil es die in großer Höhe eiskalte und dünne Luft ohnehin ansaugt, verdichtet und erwärmt. Nähme man die Luft an der Außenhaut der Kabine ab, müsste sie elektrisch verdichtet und erwärmt werden, das erforderte zusätzliches Gerät, zusätzlichen Platz und zusätzliches Gewicht - mithin Einschränkungen, die kein Flugzeugkonstrukteur gebrauchen kann. Die Art der Luftgewinnung wird so seit Jahrzehnten praktiziert, und bis auf die neue Boeing 787, die Luft durch seitlich am Rumpf angebrachte Öffnungen hereinströmen lässt (siehe Foto), setzen die Hersteller in all ihren Flugzeugen darauf. Boeing begründet seine neue Bauweise nicht mit Fragen der Sicherheit, sondern mit denen der Ökonomie und Ökologie. Sie sei wirtschaftlicher, weil dem Triebwerk somit keine Leistung entzogen werde. Airbus wird seinen künftigen A350 indes wiederum über Zapfluft im Triebwerk versorgen. Der erforderliche Durchsatz ist groß: Die Luft in einer Flugzeugkabine wird alle zwei Minuten komplett ausgetauscht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Business-Jets Die Überflieger

Stars und Unternehmer schätzen ihre Business-Jets, denn sie verwöhnen mit Luxus. Damit aus dem Millioneninvest keine Luftnummer wird, gilt es, ein paar Dinge zu bedenken. Jet ist nicht gleich Jet. Mehr Von Holger Appel und Jürgen Schelling

27.07.2015, 15:44 Uhr | Technik-Motor
Germanwings-Absturz Pilot aus Cockpit ausgesperrt

Über die letzten Minuten des in den französischen Alpen abgestürzten Germanwings-Flugzeugs gibt es dramatische neue Erkenntnisse: Während des Absturzes war einer der beiden Piloten des Airbus A320 allein im Cockpit, der andere war ausgesperrt. Mehr

26.03.2015, 13:42 Uhr | Gesellschaft
Flug MH370 Des Rätsels Lösung rückt näher

Das auf der Insel Réunion gefundene Wrackteil einer Boeing 777 wird jetzt in Toulouse untersucht. Am Suchgebiet ändert sich aber vorerst nichts. Mehr Von Till Fähnders, Singapur

31.07.2015, 06:49 Uhr | Gesellschaft
Zwei Tage lang Germanwings-Piloten streiken

Der 48-stündige Streik der Germanwings-Piloten hat begonnen. Diese wehren sich vor allem gegen eine Abschaffung der Vorruhestandsregelung. Mehr

12.02.2015, 14:36 Uhr | Wirtschaft
Germanwings-Trauerfeier Schmerz und Trauer werden bleiben

In Le Vernet nehmen die Angehörigen der Germanwings-Opfer Abschied – der Chef der Lufthansa ist bei der Feier nicht dabei. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

24.07.2015, 17:03 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 24.10.2012, 15:11 Uhr

Hinweis
Die Redaktion