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Uhrenschauen in Basel und Genf Die wachsende Lust an Unruh und Zahnrädchen

09.04.2008 ·  Etwa 20 Jahre ist es her, dass Uhrmacher die mechanische Zeitmessung wiederentdeckten. Aus purer Nostalgie, denn die Elektronik mit ihrem Schwingquarz ist viel präziser als jene Technik aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Von Gerd Gregor Feth
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Die traditionsreiche Manufaktur Jaeger-LeCoultre überraschte in Genf mit seinem sogenannten Gyrotourbillon 2. Das ist mehr als der seit gut 200 Jahren von Abraham Louis Breguet bekannte Drehgang, um den Einfluss der Schwerkraft auf die Präzision der Zeitanzeige von senkrecht getragenen (Taschen-)Uhren auszugleichen. Immerhin galt diese Konstruktion bis vor wenigen Jahren noch als Nonplusultra in der mechanischen Uhrmacherei. Der Käfig mit der Unruh wird bei Jaeger-LeCoultre nicht nur horizontal, sondern auch über eine weitere Achse bewegt, so dass diese Art von Tourbillon auf einmal kugelig daherkommt. Ebenso in Genf ist so eine ähnliche Konstruktion von Girard-Perregaux zu sehen, deren Gesicht nicht wie markenüblich drei, sondern nur zwei Brücken zieren. In jedem Fall ein feinmechanisches Meisterwerk, das nur mit hochleistungsfähigen Konstruktionsrechnern und computergesteuerten Bearbeitungszentren zu produzieren ist.

Seit wenigen Jahren gibt es solch aufwendige Drehgang-Konstruktionen wie von Franck Muller, Thomas Prescher, Greubel-Forsey, die - und das ist neu - kein Vorbild mehr haben in der großen alten mechanischen Uhrmacherei. Das gilt dieses Jahr wieder einmal für A. Lange & Söhne aus Glashütte. Die Sachsen zeigen zwar in ihrer Rechteckuhr Cabaret (Foto) aus Platin für 205.000 Euro - auf den ersten Blick wenig spektakulär - nur ein einfaches, klassisches Tourbillon. Doch wie immer steckt bei ihnen die wahre Meisterschaft im Detail: Erstmals ist es gelungen, Unruh und Tourbillonkäfig anzuhalten, um die Uhr auch sekundengenau zu stellen. Das hat in der mehr als 200 Jahre währenden Geschichte dieses Drehgangs noch niemand erreicht. „Was bringt mir eine so genaue Uhr“, argumentiert Lange-Konstrukteurin Annegret Fleischer kühl, „wenn ich ihre Präzision nicht ablesen kann?“ Kenner werden einwenden, man hätte das mit dem sogenannten „Zero Reset“ (Nullstellung des Sekundenzeigers nach Ziehen der Krone) verbinden können. Doch „die Uhr wäre doppelt so dick geworden“, erklärt Lange-Chef Fabian Krone.

Aufregende Reiseuhr

Innovationen treiben auch Langes Nachbarn Glashütte Original, wo man an einer aufregenden Reiseuhr arbeitet, die erstmals neben den 24 Hauptzeitzonen auch die sechs auf eine halbe oder viertel Stunde lautenden Nebenzeitzonen wie in Indien, Iran oder Australien anzeigen kann; die Sommer- und Winterzeit soll ebenfalls jeweils berücksichtigt werden können. Natürlich sind ein „ewiger“ Kalender enthalten und ein Wecker, für den, der sich auf den Weckruf der Hotelrezeption nicht verlassen will. Im Februar nächsten Jahres soll diese Grand Complication in Serie gehen - der Preis wird bestimmt nicht unter einer halben Million Euro liegen.

Neuerungen gibt es natürlich auch bei preiswerteren Marken: Panerai steckt sein Chronographenwerk mit schwarzen Brücken in ein schwarzes Keramikgehäuse Luminor GMT (Foto), nur am kleinen Mono-Drücker bei der „8“ ist die Stoppuhr als solche zu erkennen. TAG-Heuer lässt in seinem Chronographen Grand Carrera RS aus schwarzem Titan (Foto) sowohl beim Minuten- als auch beim Stundenzähler nicht die Zeiger, sondern die Scheiben kreisen. Sie gilt mit 5400 Euro als für viele erschwinglich; „RS“ bedeutet nicht wie bei Porsche „Rennsport“, sondern „rotating system“. Oris hat seinem Flighttimer eine eigenwillige „vertikale Krone“ mitgegeben, die zwar wie ein ungewöhnlicher Appendix am rechten Gehäuserand wirkt, aber wie ein Instrument im Cockpit von oben justiert und aufgezogen werden kann. „Oris ist keine Manufaktur“, sagt Unternehmenschef Ueli Herzog, man lasse die Technik entwickeln und auch zusammenbauen.

Das macht Maurice Lacroix nicht anders. Die Züricher Marke - sie steht in Deutschland eher für preiswerte, oft noch mit Quarzwerken ausgestattete Zeitmesser - buhlt in Basel mit seiner Memoire 1 um Aufmerksamkeit. Das ist ein komplizierter Chronograph, der von der Momentanzeit auf die Stoppzeit umgeschaltet werden kann; dabei bleibt jeweils die nicht gerade angezeigte Zeit im mechanischen „Gedächtnis“. Maurice Lacroix hat das gute Stück bei dem genialen Konstrukteur Lorant Besse in Auftrag gegeben. Es soll helfen, dass diese Uhrenmarke in der Haute Horlogerie Akzeptanz findet.

Auf 50 Exemplare limitierte Kontiki

Das ist auch der Weg von Eterna aus Grenchen, seit zehn Jahren im Besitz der Porsche-Familie. Die wiedergeschaffene Manufaktur hat eine kleine Reihe von zehn eigenen Uhrwerken fertiggestellt. Das Automatik-Kaliber 3010 tickt jetzt in der rotgoldenen, auf 50 Exemplare limitierten Kontiki (Foto) für 14.300 Euro - so eine Uhr hatte 1958 der Südseeforscher Thor Heyerdahl am Handgelenk. Das eigene Werk demonstriert Eternas frühere Uhrmacherkompetenz, schließlich wurde dort einst der Kugellagerrotor erfunden, und das Werkkaliber 1466 tickte 1963 in der Eternamatic 3000, das Vorbild war für das immer noch recht beliebte Eta-Werk Kaliber 2892. Eterna war in den dreißiger Jahren Mitgründer des großen Werkeherstellers Eta, der heute zur Swatch-Group gehört. Sogar die Hausmarke des bekannten Schweizer Uhrenhändlers Bucherer, Carl F. Bucherer, zeigt mit dem CFB1340 ein eigenes Manufakturwerk. Bucherer-Chef Thomas Morf: „Wir wollen unabhängig sein.“

Die Unabhängigkeit ist neben dem Image eine Haupttriebfeder für die eigene Innerei. Was auf den ersten Blick wenig rational erscheint, denn auf diese Weise muss immer wieder das Rad neu erfunden werden. Doch mit vernünftigen Argumenten lässt sich die feine Uhrmacherei sowieso nicht erschließen. Das begann vor nicht mehr als einem Vierteljahrhundert, als die ersten Uhrmacher auf der Baseler Messe mit ihrer „Renaissance der Mechanik“ eine Chance für die traditionelle Uhrmacherei gegen die damals von Billiguhren beherrschte Quarztechnik suchten. Quarz ist zwar immer noch modern und hochpräzise, die Mechanik spielt aber ihre ästhetischen Vorzüge aus und ist heute in fast allen Luxusuhren enthalten. Der alte Plan, bewährte Mechanik billig bei den bekannten Herstellern Eta, Frédéric Piguet oder Nouvelle Lemania einzukaufen und in Gehäuse einzuschalen, war schnell zerstört, denn bereits Anfang der neunziger Jahre waren alle drei im Besitz der Swatch-Group, die zwar ihre fremden Kunden belieferte, aber sie dadurch in Abhängigkeit hielt.

Wie man sich langsam daraus entwinden konnte, zeigt die kleine Marke Nomos aus Glashütte. Sie baut seit 1992 das einfache Eta-Handaufzugswerk Peseaux 7001 in alle ihre Uhren ein. Weil aber in der Stadt Glashütte ein Wertschöpfungsanteil von mindestens der Hälfte des Werkpreises gilt, hat Nomos die Mechanik aufwendig verziert und mit gebläuten Schrauben versehen; bald hat man alle Brücken selbst gefräst und bezeichnet sich seitdem als Manufaktur. Seit Nomos dieses Jahr seine Club-Serie um etwas größere Modelle erweiterte, wirkt die „kleine Sekunde“ am Zifferblatt etwas hochgerutscht. Nomos-Chef Roland Schwertner: „Wir brauchen einen neuen Rädersatz.“ Denn man arbeitete immer noch mit den Rädern des kleinen alten Peseaux 7001. Nomos wird bald mit einem ganz eigenen Uhrwerk kommen.

Seit zehn Jahren Uhren von Montblanc

Die deutsche Füllerfirma Montblanc, von der es seit zehn Jahren auch Uhren gibt, hat das bereits, weil sie sich als Richemont-Konzern-Tochter einer gemeinsamen Manufaktur bedienen kann. Dort ist der Chronograph entstanden, der nach dem Erfinder der Stoppuhr Nicolas Rieusses (Foto) benannt ist. Einst hatte er einen Zeiger mit einem Tropfen Tinte, den man zum Stoppen aufs Zifferblatt drücken musste, damit er dort einen Tintenklecks hinterließ. Der neue Chrono kleckst natürlich nicht mehr. Auch Frédérique Constant aus Genf hat bereits eine eigene Mechanik. Die erst 1988 von dem Holländer Peter Stas gegründete Manufaktur schnitt anfangs nur ein Loch ins Zifferblatt, baute dort gut sichtbar die Unruh ein, damit es aussehe, als drehe sich dort ein Tourbillon. Jetzt hat die Manufaktur wirklich eines, und die Uhr sieht aus wie viele Uhren von Breguet. Wer ein Tourbillon haben will, der bekommt eines. Denn dafür gibt es längst viele spezialisierte Entwicklungsteams wie Christophe Claret, Renaud & Papi oder das Duo Stephen Forsey und Robert Greubel, die jede Innovation in der neuen mechanischen Uhrmacherei zu allen Marken tragen.

Kein Wunder, dass die traditionellen Zelebranten der hohen Uhrmacherkunst immer schneller weiterziehen müssen, zumal Frédérique Constant in seiner Drehganguhr das Hemmrad schon aus Silizium gefertigt hat. Patek Philippe aus Genf gilt - neben Ulysse Nardin - als Promoter der neuen Materialien im Bereich der Gangregler. Denn dort - das hat man längst festgestellt - sind Stahl und Stein nicht die ideale Kombination für einen stabilen Gang. In Basel zeigt Patek Philippe jetzt auch einen Anker aus seinem speziell bearbeiteten Silizium (Silinvar); Hemmrad und Spirale waren schon in den vorigen Jahren vorgestellt worden. Mittlerweile ist das komplette Regulierorgan aus diesem Wunderkristall. „Leistung und Zuverlässigkeit sind nachhaltig verbessert“, konstatiert zufrieden Patek-Chef Philippe Stern. Der Zweck ist klar: Die Teile sind extrem leicht, widerstandsfähig, und ihre Oberfläche ist so glatt, dass kein Öl mehr benötigt wird. Anfangs sollen 300 Uhren von Patek Philippe damit ausgerüstet werden. Neue Materialien ermöglichen es der Manufaktur Chopard aus Fleurier, eine bisher unerreichte Schlagzahl von 10 Hertz oder 72.000 Halbschwingungen in der Stunde zu erreichen; der schnellste Schwinger bisher war das alte Chronographenwerk El Primero mit 5 Hertz - die Unruh führt 36.000 Halbschwingungen aus.

„Meine Uhr ist profiliert“

Dass neue Materialien auch im Gehäuse Revolutionen auslösten können, zeigt Jean-Claude Biver. Der Gründer von Blancpain und jetzige Präsident von Hublot hat Keramik mit Wolfram verbunden und daraus ein extrem leichtes wie hartes Material erreicht, das aussieht wie angelaufenes Messing. Im Inneren arbeitet zwar das alte Chronographenwerk Valjoux 7750, aber seine Platinen sind aus Magnesium gefertigt. „Meine Uhr ist profiliert, groß und wiegt nicht mehr als 73 Gramm“, sagt Biver mit seinem breiten Lachen. Sie kostet mit 20 000 Euro mehr als eine Golduhr. „Golduhren haben meine Kunden zuhauf.“ Darüber sind sie offenbar bereits hinweg.

Andere Uhrenmarken machen gerne alte Uhren nach, meistens die eigenen: IWC hat jetzt zu seinem 140. Geburtstag seine beliebtesten Modelle wie Fliegeruhr, Ingenieur, Aquanaut, Portofino, Portugieser und Da Vinci kopiert. Wahrscheinlich hat sich IWC-Chef George Kern an seine Zeit bei TAG-Heuer erinnert, wo man auch sehr gerne die alten Heuer-Modelle wie Carrera und Monaco wieder ins Programm aufgenommen hatte und seitdem sehr erfolgreich damit ist. Auch Breguet hat eine Uhr kopiert, die Grand Complication, die einst für die französische Königin Marie-Antoinette vorgesehen war. Das Original hat übrigens die Regentin nie wirklich zu Gesicht bekommen, denn 1827, als sie endlich fertig war, war sie bereits 34 Jahre tot. Breguet-Chef Nicolas Hayek hat diese legendäre, hochkomplizierte Taschenuhr mit einem frühen Automatikaufzug nach alten Plänen nachbauen lassen. Sie soll nicht verkauft, sondern ausgestellt werden, war am Rand der Vorstellung in Basel zu hören. Denn das Original ist 1983 aus einem Museum in Jerusalem gestohlen worden. Vor wenigen Monaten tauchte das Original plötzlich wieder auf. Ob Hayek darüber wirklich glücklich ist? Jetzt muss der Breguet-Sammler wieder nach Jerusalem fahren, um eines der wichtigsten Werke dieser großen Uhrmacherei zu besichtigen, und nicht etwa nach Paris in Hayeks Breguet-Museum.

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