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Uhrenmuseum Glashüttes Suche nach der verlorenen Zeit

27.10.2008 ·  Das größte Haus in einem Ort zeigt, was den Bürgern am wichtigsten ist: Im Uhrenmuseum im sächsischen Glashütte, dem deutschen Mekka edler Zeitmesser, kann man gut 150 Jahre Uhrmacherei in zwei Stunden durchlaufen.

Von Gerd Gregor Feth
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Das größte Haus in einem Ort zeigt, was den Bürgern am wichtigsten ist: In Glashütte ist es weder Kirche noch Rathaus, sondern eines einzig für die Uhr. Ein mächtiger Gründerzeitbau leuchtet in frischem Gelb auf dem zentralen Platz. Es ist die ehemalige deutsche Uhrmacherschule, in der bis zum Zweiten Weltkrieg Generationen von Uhrmachergesellen aus dem In- und Ausland zu Meisterehren kamen. Seit kurzem verkündet ein Granitquader: Deutsches Uhrenmuseum Glashütte.

Aus der altehrwürdigen Lehranstalt ist ein Hort edler Zeitmesser geworden, in dem die üppige städtische Sammlung aus etwa 350 Exponaten wie Taschen-, Pendel- und Armbanduhren, Marinechronometern und Gangmodellen sowie vielen historischen Arbeitsmitteln zu bewundern ist. Um diese raren Exponate deutscher Uhrmacherkunst publikumswirksam zu präsentieren, haben die Glashütter den Stuttgarter Professor Uwe Brückner engagiert, einen renommierten Museumsregisseur, der sich nicht drauf beschränken will, die Zeitmesser nur in Vitrinen zu legen. Die „Zeit muss ein Erlebnis werden“, erklärt er.

Warum ausgerechnet im verschlafenen Glashütte?

Nur löst er seinen hohen Anspruch anfangs nicht so recht ein. Da steht man im Vestibül unvermittelt vor einem riesigen Mahagonischrank mit einer Pendel-Uhr, deren 17 Zeiger neben der aktuellen Zeit in Stunden, Minuten und Sekunden noch alles Mögliche zwischen Himmel und Erde anzeigen. Schöpfer dieses Monstrums sei ein gewisser Hermann Goertz gewesen, steht da zu lesen, der 1925 dieses Wunderwerk einer astronomischen Uhr aus 1756 Einzelteile erschaffen hat. Beeindruckend. Aber was ist eigentlich die Zeit? Die Planetenmaschine im Nebenraum, mit der sich die Bewegungen von Erde, Mond und Sonne darstellen lassen, könnte die Frage beantworten. Dazu müsste sich dieses Tellurium aber bewegen und zeigen, wie die Menschen auf Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden gekommen sind.

Warum dafür ausgerechnet im verschlafenen Glashütte ein Museum? Alles beginnt im Jahr 1845. Ein gewisser Uhrmachermeister Ferdinand Adolph Lange kommt ins Dorf, um sich hier eine Existenz zu schaffen, und gründet ganz nebenbei die sächsische Taschenuhrenindustrie. Nach jahrelanger Wanderschaft durch die damaligen Metropolen seiner Zunft - die Schweiz, Paris, London - war er nach Dresden zurückgekehrt und hatte erst im Atelier seines Schwiegervaters, des Dresdner Hofuhrmachers Johann Christian Friedrich Gutkaes, gearbeitet.

Die Blüte der Gründerzeit

Am 7. Dezember 1845 schart Meister Lange in Glashütte, 30 Kilometer südöstlichlich Dresdens, die ersten 15 Lehrlinge um sich. Sein Freund Adolf Schneider, früher Lehrling bei Gutkaes, unterstützt ihn dabei. 1850 heuert Julius Assmann bei Lange an. Wie im Handwerk üblich, fördert Lange Jahre später die Selbständigkeit von Schneider und Assmann. Moritz Grossmann kommt 1854 nach Glashütte, gründet dort eine mechanische Werkstatt und konstruiert zusammen mit Lange eine Sekundenpendeluhr.

Binnen weniger Jahre etabliert sich eine Reihe von Manufakturen. Die Blüte der Gründerzeit zieht Uhrmacher ins Müglitztal - Ernst Kasiske, der dänische Chronometermacher Jens Lauritz Jensen und Hugo Müller. Sie alle arbeiten zuerst bei Lange und machen sich später selbständig; Ludwig Strasser und Gustav Rohde gründen eine Großuhrenfabrikation. Daneben entwickelt sich eine örtliche Zulieferindustrie, die sogenannten „Fensterbrettl-Mechaniker“, die in Heimarbeit zusammen mit ihren Familien die Glashütter Uhrmacher unabhängig machen von der Schweiz. Unruhen fertigt Richard Grießbach, Zeiger August Gläser, Lagersteine kommen von Willy Richter und seiner heute hochbetagten Tochter Gisela Gocht. 17 solcher Familien sind noch auszumachen, in ihren Häusern, so noch vorhanden, wohnen Nachfahren, die zum großen Teil wieder in Glashüttes Uhrenindustrie tätig sind.

Das Museum deckt auch ein Geheimnis jener Zeit auf

Wie Uhrmacher in ihren Ateliers arbeiteten, zeigen eindrucksvoll ihre hohen Tische, auf denen die wenigen Werkzeuge liegen. Werke, Werkteile, halbfertige Uhren sind unterm Glassturz zu sehen. Einen Raum weiter sind hochkomplizierte Taschenuhren zu sehen, deren sorgsam bearbeitete Metallteile für jeden Kenner und Liebhaber eine Augenweide sind. Der Ort war aber dafür bekannt, vor allem einfache und perfekt gearbeitete Zeitmesser in alle Welt zu liefern, die meist viel teurer waren als die aus der Schweiz.

Das Museum deckt auch ein Geheimnis jener Zeit auf. Denn nicht alle Uhrwerke aus den Blütejahren von 1878 bis 1914 sind am Ort entstanden. Die drei hochkomplizierten Uhren, die in einer geheimnisvoll dunklen Schatzkammer zu sehen sind - von Ernst Kasiske, von Union und Lange -, sind zwar perfekt gearbeitet, stammten aber vom damaligen Uhrengenius Louis Elisée Piguet aus Le Brassus im Schweizer Vallée de Joux. Denn es war viel billiger, die hochkomplizierten Uhrwerke für diese wenigen Exemplare dort zu kaufen, woher sie auch die Schweizer Manufakturen wie Patek Philippe, Piaget, Vacheron Constantin und Ulysse Nardin bezogen haben.

Mit den Uhren geht's auch abwärts

Mit dem Ersten Weltkrieg verdunkelt sich Glashütte, viele feine Zeitmesser bekommen nach dem Motto „Gold gab ich für Eisen“ nur mehr eiserne Gehäuse. Nach Kriegsende organisiert man sich in größeren Fabriken, erste Armbanduhren werden gefertigt. Beim Verlassen der Bel Étage begleiten den Besucher treppab Zeitzeugen auf Video, die von der Enteignung Langes, der Reparation an die sowjetischen Besatzer, vom Wiederaufbau und der Produktion von Massenuhren in der DDR erzählen.

Mit den Uhren geht's auch abwärts. Die Machthaber haben keinen Sinn für Luxus, die damals genau 100 Jahre glorreiche Marke Lange erlischt. Im Parterre geht es um die Produkte der „volkseigenen“ Glashütter Uhrenbetriebe (GUB) - von 1948 bis 1992 Massenuhren, die im Westen über den Quelle-Versand für 18 Mark verkauft wurden. Ein einziger riesiger Glaskasten zeigt keine in Edelmetall gekleideten, wertvollen Werkstücke mehr, sondern massenweise hergestellte Industrieprodukte.

Der Neuzeit ist der letzte Raum der Ausstellung gewidmet

Die Wende zum Guten, Feinen kommt 1990. Als Erster wagt Walter Lange - zusammen mit der Schweizer IWC - mit der wieder gegründeten Lange Uhren GmbH eine Rolle rückwärts, um unter seiner Marke A. Lange & Söhne wieder dort anzufangen, wo man 1948 nach der Enteignung zwangsweise aufhören musste. Der Düsseldorfer Roland Schwertner gründet Nomos. 1994 übernimmt der Nürnberger Investor Heinz Wolfgang Pfeifer für eine symbolische D-Mark die Reste der ehemaligen VEB Glashütter Uhrenbetriebe, um dort mit dem hohen Können und Wissen der Leute eine Luxusmanufaktur aufzubauen; er wird später die GUB an die Swatch-Group verkaufen. Heute fabrizieren sieben Uhrenfabrikanten am Ort Zeitmesser.

Dieser Neuzeit ist der letzte Raum der Ausstellung gewidmet: Jedes Unternehmen bekommt eine identische Vitrine zur aktuellen Selbstdarstellung: Manche präsentieren dort eine kleine Kollektion, andere nur wenige typische Stücke. Nur ein einziges Unternehmen begnügt sich mit einer Uhr - die Lange 1 von 1994. Die gesamte Präsentation orientiert sich an einem Zeitstrahl, der alle Ereignisse aufreiht. Damit fehlen natürlich Schwerpunkte, welche die Einordnung ermöglichen. Denn die Geschichte lehrt, dass über die 100 Jahre hinweg Lange die Stadt und seine Uhrmacher beherrschte. Genau wie nach der Wende 1990, als unter der Traditionsmarke die ersten Luxuschronometer wieder entstanden.

Der unterschiedliche Takt der Metronome

Uwe Brückner, der Konzeptionist des Museums, ist doppelt gekniffen: Er durfte Lange nicht angemessen betonen und musste seine Zeitphilosophie auf den Epilog beschränken - ein Pas de deux für einen tänzerisch-freudigen Zeitvertreib; Stress und Hetze zeigt der unterschiedliche Takt der Metronome kakophonisch-bedrohlich. Brückner räumt ein, dass „der Einfluss der Gestalter limitiert“ gewesen sei. Es ist zwar eine städtische Sammlung ausgestellt, aber das Geld für die Ausstellung und die aufwändige Sanierung gab die Swatch-Group über ihre Manufaktur GUB, die - in Konkurrenz zu Lange - Uhren der feinen Marken „Glashütte Original“ und „J. Assmann“ herstellt; des weiteren produziert die Swatch-Group am Ort seit neuestem Uhren unter der Traditionsmarke „Union“. Alle nehmen Ferdinand Adolf Lange gerne als ihren uhrmacherischen Stammvater für sich ein.

Da ist es nicht verwunderlich, dass die Manufaktur Lange selbst ein eigenes kleines, edles Museum in ihren Räumen unterhält, mit dem traditionsreichen Physikalisch-Mathematischen Salon Dresden zusammenarbeitet und nächstes Jahr die eben restaurierte und einst komplizierteste jemals unter der Marke A. Lange & Söhne geschaffene Uhr aus dem Jahre 1902 selbst zeigen wird. Auch die GUB präsentiert viele ihrer Uhren im eigenen Haus, selbst R. Mühle & Sohn stellt alte Durchflussmessgeräte und Tachometer daheim in die Vitrine, schließlich hat man vor den Krieg damit begonnen. Wer sich in Glashütte über Uhren aus diesem Ort informieren will, muss daher mehrere Museen besuchen.

Das Deutsche Uhrenmuseum Glashütte ist geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr. Eintritt 6, ermäßigt 4 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei. Glashütte (knapp 3000 Einwohner) liegt im Erzgebirge, rund 30 Kilometer südöstlich von Dresden nahe der Grenze zu Tschechien. Anfahrt über die Autobahn A17 Dresden-Prag, Ausfahrt Pirna/Glashütte. Per Bahn und Bus ist Glashütte vom Dresdner Hauptbahnhof über Pirna erreichbar. Telefon 03 50 53/46-2 83, www.uhrenmuseum-glashuette.com.

Quelle: F.A.Z.
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