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Toilettentechnik Mehr Komfort am stillen Ort

 ·  Da mag man gar nicht mehr herunter: Moderne Toiletten bieten dem Benutzer allerlei Angenehmes von der beheizbaren Brille bis zur Hinterndusche. Natürlich geht es auch ohne ganz gut.

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© F1online Vergrößern Papierlos wird der Toilettengang auch in Zukunft nicht sein - aber der Verbrauch sinkt durch den Einsatz von Wasser

Manch ein Schriftsteller, so erzählt man sich, hat seine besten Einfälle am stillen Ort. Das mag daran liegen, dass das Badezimmer oft der einzige Platz ist, an dem man seine Ruhe hat. Entsprechend liebevoll wird es eingerichtet und in vergleichsweise kurzen Zeitabständen renoviert, denn Badewanne und Toilette sollen den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Wer zum ersten Mal umbaut, stellt dann mit Erstaunen fest, wie leicht auf engstem Raum fünfstellige Beträge versenkt werden können.

Intimität auf dem Locus ist freilich kein Naturgesetz. Wie historische Funde zeigen, war etwa bei den Römern die öffentliche Toilette ein Platz der Geselligkeit; die in der Reihe sitzenden Kunden nutzten ihn zum Plausch oder um Geschäfte abzuschließen - man ließ sich Zeit, der Eintritt war ja bezahlt. Im Mittelalter ist die Kultur des gepflegten Abtritts und der unterirdischen Entsorgung verlorengegangen. Der Nachttopf war die gängige Methode, er wurde einfach in den Rinnstein gekippt. Oder man tat es ohne falsche Scham gleich an Ort und Stelle.

Die Probleme sind im Grunde bis heute die gleichen: wohin mit dem Ergebnis des Verdauungsprozesses? In der freien Natur kennen wir die einfachste Methode noch aus der Pfadfinderzeit als Spatengang. Wie die Umgebung von Autobahnparkplätzen zeigt, braucht man dazu noch nicht einmal unbedingt den Spaten, eine kleine Grube auszuheben ist aber freundlicher gegenüber den Nachfolgenden. Die Version für größere Benutzergruppen war nicht nur unter den Militärs als Donnerbalken bekannt. Das ist schon der Beginn von etwas Komfort.

© Richter/Cinetext Vergrößern Der Donnerbalken aus dem ersten Weltkrieg

Denn das ungestützte Hocken ohne Sitzgelegenheit mag nicht jeder, es trainiert aber die Beinmuskulatur. In der schlichten Variante erfolgt die Entsorgung in ein Loch. Die südeuropäische Version ist den Besuchern von Campingplätzen als ausgeformtes Becken mit erhöhten Tritten für die Füße bekannt. Für den Betreiber hat das den Vorteil einfacher Reinigung, für Ungeübte ist die Verwendung weniger zu empfehlen. In Fernost findet man ähnliche Einrichtungen; dort werden sie mit dem Rücken zum Eingang benutzt, so dass man sich am Fallrohr der Wasserversorgung festhalten kann.

Längst nicht überall gibt es einen Anschluss an die Kanalisation, so dass ein Platz zur Deponie gebraucht wird. Die bis ins vergangene Jahrhundert verbreiteten hölzernen Häuschen sind aber auch in ländlichen Regionen selten geworden - bis die Mikroorganismen in der Grube darunter ihre Arbeit getan haben, riecht es streng. Wo die Kanäle fehlen oder nicht ausreichend dimensioniert sind, wird das Abwasser in Klärgruben gesammelt. Eine Schwallwand trennt die festen von den flüssigen Bestandteilen; wenn das Reservoir voll ist, kommt der Tankwagen und saugt ab.

Das Prinzip des Sammelbehälters taugt auch für eine mobile Nutzung. Unter dem kaum zum Verweilen einladenden Namen Cactus wird eine Trockentoilette vertrieben, die mit Einwegbeuteln arbeitet. Sie werden in ein Gestell gehängt und schließen dicht, sobald man den Deckel herunterlässt. Die Beutel sind nach Angaben des Herstellers umweltfreundlich, man kann sie in den Hausmüll schmeißen. Das gleiche System funktioniert für das kleine Geschäft auch ohne Gestell in Form von Einwegbeuteln, in denen ein Kunststoffgranulat die Feuchtigkeit bindet. Gedacht sind die Urinbeutel als Notbehelf für Globetrotter oder Segelflieger. Einige dieser Produkte haben eine Öffnung, die der weiblichen Anatomie angepasst ist.

© Röth, Frank Vergrößern Wasserführung in der Schüssel von Villeroy&Boch

Die mobile Toilette mit einfacher Klappe nach draußen, wie sie in der Bahn und auf Schiffen üblich war, ist zum Glück Technik von gestern. Standard in Wohnmobilen und Bussen sind Chemietoiletten mit Kassette, deren Inhalt über die Kanalisation entsorgt wird. Im Sammelbehälter verhindern Chemikalien Fäulnis und Geruchsbildung. Als Desinfektionsmittel werden unter anderem Formaldehyd oder Ammoniumverbindungen verwendet. Was im Wohnmobil erwünscht ist, behindert aber die Kläranlage. Deshalb sind biologisch abbaubare Mittel auf dem Markt, deren Wirkung nicht so radikal ist. Toiletten in Flugzeugen funktionieren ähnlich, allerdings wird das Becken mit Unterdruck leergesaugt. Die stationäre Variante der Chemietoilette heißt im Volksmund Dixi, man kann sie für Baustellen und Freiluftkonzerte mieten.

Eines haben die modernen Mobiltoiletten mit jenen in Gebäuden gemeinsam: Sie arbeiten mit einer Spülung. Die Idee, einen Wasserschwall zur Reinigung einzusetzen, wird Sir John Harington zugeschrieben, der im Jahr 1596 das erste Wasserklosett gebaut haben soll. Damals hat sich aber wohl niemand dafür interessiert. Bis zur weiteren Verbreitung musste das WC dann noch zwei Jahrhunderte warten.

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18.08.2013, 16:00 Uhr

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