08.12.2011 · Klassisches Technikspielzeug beflügelt Entdecker und ist auf dem Wunschzettel noch immer präsent: Gegen Modellbahnen und Experimentierkästen kommen digitale Bildschirmwelten kaum an.
Von Peter ThomasMöchten Kinder wirklich am liebsten nur noch virtuell spielen? Das Vorurteil "Die wollen doch nur daddeln!" hört man jedenfalls immer wieder. Dabei steht in diesem Jahr - also im Zeitalter der großflächigen Verbreitung von Spielekonsolen, Tablet-PC, Smartphones und Co. - nach wie vor eine Menge klassisches Technikspielzeug auf dem Wunschzettel für die weihnachtliche Bescherung. Experimentierkasten und Funktionsmodelle faszinieren eben auf eine ganz besondere Art und Weise, was rein digitale Bildschirmwelten so nicht vermögen.
Der Tatsache, dass sich die Spielwelten zunehmend Konkurrenz machen, kann sich kein Hersteller verschließen. Umso mehr Kreativität und Innovationsfreude ist denn auch von den Traditionsmarken gefragt, um Kinder für klassisches Spielzeug aus den Bereichen Technik und Wissenschaft zu begeistern. Wie man diese Herausforderungen meistert, hat in diesem Jahr beispielsweise der Modellbahnhersteller Märklin vorgemacht: "Zurück in die Kinderzimmer" war das Motto, unter dem in Göppingen eine nur 50 Euro kostende H0-Startpackung für Kinder ab drei Jahren entwickelt wurde.
Darin gibt es einen robusten ICE mit Batterieantrieb, Infrarotfernsteuerung und Magnetkupplungen samt Gleisoval. Das Schienenrund besteht aus normalen C-Gleisen - die Basis für eine spätere Erweiterung zur klassischen Modellbahn ist damit schon gelegt. Das ICE-Set gehört zum neuen Märklin-Einstiegsprogramm "My World", welches gerade vom Bundesverband Spielwaren-Einzelhandel als eines der zehn erfolgreichsten Spielzeuge des Jahres gewählt wurde: Fast 20 000 ICE-Sets hat Märklin schon ausgeliefert.
Pfeilschnell einen weißen Zug durch die Landschaft zu pilotieren, das scheint heute als spielerische Projektionsfläche für Kinder fast so attraktiv zu sein wie einst der Beruf des Lokomotivführers auf feuerspeienden Dampfloks. Aber es muss ja nicht immer die Eisenbahn sein - auch andere Miniaturmaschinen stehen auf den vorderen Plätzen einer Auswahl derzeitiger Technikspielzeuge. Quasi die klassische Moderne vertritt dabei das Wasserflugzeug von Meccano: Der Metallbaukasten für rund 50 Euro ist zwar mit schönen Proportionen einem Original aus der Comicverfilmung "Tim und Struppi" nachempfunden. Aber eine Motorisierung der aus gelochtem Blech und Schrauben bestehenden Flugmaschine fehlt.
Da fahren andere Modelle deutlich vorweg, zum Beispiel der jüngste Traktor aus der "Control"-Serie von Siku: Das funkferngesteuerte Metallmodell im Maßstab 1:32 bietet nicht nur Fahrfunktion mit Lenkung und Licht, sondern erstmals auch einen angetriebenen Frontlader. Der dem Fendt 939 nachgebildete Traktor ist für 200 Euro zu haben und lässt sich mit den Anbaugeräten der Serie "Siku Farmer" kombinieren.
Auch Mattel verbindet eine klassische Spielwelt mit moderner Elektronik: Auf der altbewährten Rennbahn "Hot Wheels" startet der "Video Racer" (80 Euro) als Kamerawagen im Maßstab 1:64 - damit kann jeder Nachwuchsrennfahrer seine eigenen Videos von heißen Kurvenfahrten und rasanten Loopings drehen (30 oder 60 Bilder je Sekunde, maximal 20 Minuten Aufnahmezeit).
Eher nüchtern vermittelt der Bausatz "Verbrennungsmotor" des Franzis-Verlags (80 Euro) die Funktionen des wichtigsten Antriebs von Automobilen. In dem transparenten Gehäuse des fertig montierten Sets lässt sich das Spiel von Kolben und Kurbelwelle, Zahnriemen und Ventilen beobachten, für Bewegung des Modells sorgt dabei ein kleiner Elektromotor.
Lernen mit Spaß, das ist der Anspruch hinter Spielzeugen wie dem Motoren-Baukasten. Auch Fischertechnik vermittelt durch seinen Kasten "Profi Dynamic" (100 Euro) wichtiges Wissen zu physikalischen Phänomenen wie Massenträgheit und Energieerhaltungssatz. Weil das aber mittels einer mechanisierten Kugelbahn mit neu entwickelten, flexiblen Schienen geschieht, macht das Entdecken so richtig Spaß. Das Set bewährt sich als eine Art Murmelbahn 2.0 - samt Motorantrieb und der Kompatibilität zum Rest der Fischertechnik-Welt.
Die kristalline Schönheit der Geometrie hat der Baukasten "Zometool" zum Thema. Der Name des 1992 erfundenen Systems ist vom Begriff "Zome" abgeleitet, einem Terminus für Gebäude mit ungewöhnlichen Geometrien. Der Zometool-Bausatz "Keplers Leidenschaft" (45 Euro) bezieht sich auf das Weltmodell-Theorem des Johannes Kepler, dem zufolge die Umlaufbahnen der Planeten im Zusammenhang zu den platonischen Körpern stehen: Aus verschiedenen Streben und kugelförmigen Verbindungsstücken entstehen beim Bau ineinander verschachtelte Strukturen wie Tetraeder, Würfel, Oktaeder, Dodekaeder und Ikosaeder.
Solcher abstrakten Ästhetik stehen Experimentierkästen gegenüber, wie sie beispielsweise Ravensburger mit der Serie "Science X" anbietet, etwa zur Elektrotechnik (30 Euro). Aber auch Trends von den erneuerbaren Energien bis zur Forensik (jeweils 18 Euro) nimmt sich "X Science" vor. Die Kästen wahren mit ihrer Verbindungen aus Entdecken und Spielen die Balance zwischen Unterhaltung, Aktualität und pädagogischem Anspruch.
So richtig anpacken heißt es nach wie vor bei "Bosch Mini", den Werkzeugen für Kinder. Seit 15 Jahren stellt Theo Klein diese Miniaturen echter Bosch-Maschinen her. Mittlerweile gibt es 90 Produkte, darunter natürlich Werkzeug-Klassiker wie Akkuschrauber und Heckenschere. Die Schlagbohrmaschine PSB 14,4 V-i beispielsweise ist als Modell für rund 16 Euro zu haben.
Vom Sound solcher kleinen Bosch-Bohrer träumen wohl in erster Linie Buben. Für einen technischen Brückenschlag aus der virtuellen Welt mitten ins Wohnzimmer hinein begeistern sich hingegen mehr die Mädchen: Gerade ist "Just Dance 3" von Ubisoft (35 Euro) erschienen, die mittlerweile dritte Auflage des ursprünglich für die Wii entwickelten Tanzspiels. Erstmals gibt es "Just Dance" nun auch für die Bewegungssteuerung Kinect an der Xbox 360 und für die Playstation Move: Daddeln war gestern, heute ist Tanzen vor dem Bildschirm angesagt.