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Aktualisiert: 08.05.2017, 21:01 Uhr

Alternder Solo-Segler Mit 80 Jahren um die Welt

Er redet von sportlichen Höchstleistungen wie ein Dreißigjähriger – aber beim Start zu seiner Solo-Nonstop-Weltumseglung wird Stanley Paris ein 80 Jahre alter Greis sein. Sein Zeitplan ist ist äußerst anspruchsvoll.

von Andreas Kling
© Meike Brunssen/Knierim Verrückter Vogel? Stanley Paris blickt auf interessante Abenteuer voraus.

Weit und breit noch kein Wassersportler auf der eiskalten Kieler Bucht. Bei frischer, böiger Brise prescht nur ein besonders auffälliger Rumpf unter 170 Quadratmeter Groß- und Stagsegel über die unruhige See. Hinten knallrot, vorne tiefblau mit einem weißen Kiwi, dem Nationalsymbol Neuseelands, auf der Bordwand, ist die sportlich-stylische „Kiwi Spirit II“ ein Blickfang. Am Steuerrad in Luv steht ein Mann mit grauen Haaren und genießt die Jungfernfahrt seiner neuen Errungenschaft in vollen Zügen. Als das Speedometer 16,8 Knoten (rund 30 km/h) zeigt, scheint der 79 Jahre alte Eigner vollends überzeugt, genau das Richtige zu tun: „Wow, so sollte es werden!“

In ruhigem, klarem Englisch skizziert Stanley Paris präzise seine Pläne. Sofort wird klar, dass hier eben kein Phantast, Träumer oder gar Spinner Aufmerksamkeit sucht. Nur im positiven Sinne verrückt muss er schon sein. Denn ganz gemütlich mit Stopps an den schönsten Ecken der Erde um sie herumzuschippern ist nicht sein Ding. Der Physiotherapeut, der schon zweimal den Ärmelkanal durchschwommen hat, will nebenbei einen 31 Jahre alten Streckenrekord brechen. Von Bermuda nach Bermuda in weniger als 150 Tagen. 66 Minuten mehr brauchte der Amerikaner Dodge Morgan im Jahr 1986.

Stanley Paris und Frau. © Meike Brunssen/Knierim Vergrößern Stanley Paris (zweiter von rechts) mit den Geschäftsführern von Knierim und seiner Ehefrau Catherine. Die ist mit 62 noch aktive Marathonläuferin.

Ein neues Schiff für den dritten Versuch

„Das zu unterbieten sollte mit meinem modernen Schiff kein Problem werden“, sagt Paris. Nicht erst seit dem Praxistest vor Kiel kalkuliert er mit einer etwa zehn Tage kürzeren Zeit, „aber Hauptsache, ich komme diesmal durch“. Denn zwei Fehlversuche – 2013 und 2014 – liegen schon hinter ihm. Mit der rund dreieinhalb Meter längeren Vorgängeryacht scheiterte er jeweils nach erheblichen Materialschäden vor Südafrika. Für den dritten Anlauf, der am 14. November starten soll, fehlte dem Einhandsegler das Vertrauen ins vorige Boot. „Da habe ich in einer englischen Segelzeitschrift über die erste FC 53 bei Knierim gelesen“, berichtet der zielgerichtete Auftraggeber, „bin nach Kiel gefahren, habe den Bootsbauern eine Weile zugeschaut und dann ohne Zweifel direkt bestellt.“

Im Februar 2016 war das, und die Werft bekam auch gleich einen ambitionierten Zeitplan mit auf den Weg. Der Bau des Kohlefaserrumpfs in Prepreg-Gelegen mit Corecell-Schaumkern und Nomex-Wabenkern für Deck und Strukturen konnte sofort beginnen. Denn die Negativ-Sandwichform für die Schalen war ja schon vorhanden. „Das ist Hightech zur Gewichtsersparnis wie im Regattasport“, sagt Knierim-Geschäftsführer Steffen Müller, der inzwischen die dritte FC 53 in Auftrag genommen hat.

Kiwi Spirit 2 © Meike Brunssen/Knierim Vergrößern Die Yacht ist 17,33 Meter lang und 5,23 Meter breit. Durch die Bauweise konnten die Yachtbauer Gewicht einsparen.

Ausbau immer wieder optimiert

Aber bei der Konstruktion der Designer Finot–Conq handelt es sich nicht um eine nackte, schwarze Karbonhöhle. Die in warmen Tönen gehaltene Einrichtung unter Deck deutet einen gewissen Komfort schon an, obwohl die Ausstattung erst nach der Weltumseglung komplettiert werden soll. Ein Induktionsherd, zwei Kühlschränke, die Nasszellen mit Dusche und WC sowie viel Stauraum sind schon drin. An Bord lässt es sich leben. Innendesigner Pierre Forgia hat die Box des Schwenkkiels (renntauglicher Tiefgang 3,75 Meter) als zentrale Sitzbank rund um den Salontisch konzipiert. Das dient außerdem wiederum der Sicherheit und Standfestigkeit unterwegs.

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Zigtausende Arbeitsstunden stecken in der 17,33 Meter langen und 5,26 Meter breiten Yacht. Als der Elektriker kurz vor Ostern die Höhe der Leselampen mit dem probesitzenden Eigner persönlich abstimmte, schwamm die am Vortag getaufte „Kiwi Spirit II“ bereits im Werftbecken auf dem Nordostseekanal. „Manches Teil haben die Bootsbauer mehrfach optimiert, bis sie selbst hochzufrieden waren, als sei es ihr Eigen“, lobt Stanley Paris einen Prozess, den er nur viermal für jeweils eine Woche vor Ort begleitet hat.

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