11.03.2009 · Ist das jetzt „die Zukunft des Lesens“ oder gar „Gutenberg 2.0“? Mit Sonys E-Book ist das elektronische Buch nun auch in Deutschland angekommen. Doch statt eines Buchs kauft man nur die Lizenz zum Lesen.
Von Michael SpehrIst das jetzt „die Zukunft des Lesens“ oder gar „Gutenberg 2.0“? Was Sony großspurig ankündigt, ist seit einigen Wochen bei uns im Einsatz, und von Mittwoch an kann sich jedermann in 230 Thalia-Buchhandlungen selbst ein Bild des 300 Euro teuren „Reader PRS-505“ machen: Das elektronische Buch ist in Deutschland angekommen, später als in anderen Ländern. Es ist weder das erste elektronische Buch noch ein besonders aktuelles (in den Vereinigten Staaten ist schon der Nachfolger PRS-700 erhältlich) oder gar das beste Modell. Die Zäsur ist nicht die Technik, sondern die Verbindung von Produkt und Inhalt zu einem Geschäftsmodell.
Was da im Format eines etwas größeren, aber flachen Taschenbuchs (18 × 12 × 1 Zentimeter, 260 Gramm) mit Ledereinband vor uns liegt, erscheint im matten Aluminiumgehäuse hochwertig und wird vom 15-Zentimeter-Display dominiert, das auf den ersten Blick für den verwöhnten Nutzer elektronischer Kleinode mit ihren bunten Anzeigen etwas enttäuscht: Mit seiner Monochromdarstellung wirkt es unattraktiv, schwarzer Text auf hellgrauem Hintergrund. Erst längeres Lesen, das Ausprobieren verschiedener Betrachtungswinkel sowie das sich dann einstellende Staunen über den hohen Kontrast versöhnen mit der E-Ink-Displaytechnik, die man auch als elektronisches Papier bezeichnet und Text plus Bilder dauerhaft ohne Stromzufuhr anzeigt.
Lesen mit dem PRS-505 ist kein Hexenwerk
Die Idee basiert auf der Elektrophorese, der Wanderung elektrisch geladener Teilchen durch eine Trägerflüssigkeit. Die Teilchen kann man sich wie kleine Kügelchen mit einer weißen und mit einer schwarzen Seite vorstellen, sie sind auf einer Folie aufgebracht. Die weiße Seite sind positiv geladene, die schwarze Seite negativ geladene Partikel. Elektrische Spannung an der Folie bewirkt, dass sich die Kügelchen so drehen, bis weiße oder schwarze Pixel sichtbar sind, und wenn ein Teilchen einmal seine Position eingenommen hat, behält es sie ohne weitere Energiezufuhr bei. Das E-Ink-Display kennt kein Flimmern, keine ungleiche Ausleuchtung, keine Spiegelungen, es ist aber nur bei vorhandenem Licht lesbar, denn eine zusätzliche Beleuchtung fehlt. Der PRS-505 bietet eine Auflösung von 600 × 800 Pixel und gibt maximal acht Graustufen wieder.
Lesen mit dem PRS-505 ist kein Hexenwerk, wenn die ersten Bücher „installiert“ sind. Die Bedienung ist nahezu selbsterklärend, es gibt ein Hauptmenü mit der Liste aller Dateien, mehrere Tasten zum Blättern, und die Bücher lassen sich nach Titel, Autor und Datum sortieren. Wo man zum Schluss aufgehört hat, lässt sich fortfahren, man kann ferner Lesezeichen setzen. Die Schriftgröße lässt sich in drei Stufen verändern, der Umbruch von Zeilen und Seiten erfolgt automatisch, ein lästiges Hin- und Herzoomen entfällt also. Das Umblättern dauert mit der E-Ink-Technik ein wenig, ein bis zwei Sekunden vergehen, in dieser Zeit scheint der Bildschirm zu flackern. Der Aufbau von detailreichen Bildern erfordert ebenfalls Geduld, und bewegte Bilder kann der Sony im Gegensatz zu anderen Geräten nicht wiedergeben (wohl aber MP3-Musik via Kopfhörer). Eine Akku-Ladung soll für 6800 Seitenumschläge reichen. Ein Netzteil gehört nicht zum Lieferumfang, man schließt stattdessen das Gerät mit einem USB-Kabel an den PC an.
Keine Unterstreichungen am Rande, keine Volltextsuche
Was das Gerät nicht bietet, ist ebenfalls schnell klar: Es ist eine reine Lesemaschine und erlaubt kein Arbeiten wie mit Büchern, keine Unterstreichungen am Rande, keine Volltextsuche durch den vorhandenen Bestand, kein gleichzeitiges oder vergleichendes Studium mehrerer Titel, kein Kopieren einzelner Seiten und so weiter. Wer es als Wissenschaftler gewohnt ist, Dutzende von Büchern aufgeschlagen auf, neben und unter dem Schreibtisch liegen zu haben, flink von einem zum anderen zu wechseln und dabei im Kopf hat, dass das gesuchte Zitat im ersten Viertel des Buchs links unten auf der Seite steht und mit Bleistift markiert ist, der liegt hier völlig falsch.
Schon der Wechsel von einem digitalen Buch zum nächsten dauert mit dem PRS-505 deutlich länger als der gewohnte Handgriff. Dieser Reader spricht also allenfalls Nutzer an, die ihre Bücher nacheinander „weglesen“, etwa Pendler. Viel Platz für Bücher bietet der PRS-505 allemal: In den eingebauten Speicher sollen 160 Titel passen, erweiterbar ist er mit Secure-Digital-Karten. Wenn das Limit mit einer 16- oder 32-Gigabyte-Karte ausgeschöpft ist, wird aus dem Lesegerät eine Bibliothek zum Mitnehmen, die mehr als 10.000 Werke aufnimmt.
Mit Fingerbewegungen die Seiten umblättern
In Amerika ist der neuere Sony PRS-700 für etwas mehr als umgerechnet 300 Euro im Handel. Er bietet eine berührungsempfindliche Anzeige, so dass man mit Fingerbewegungen die Seiten umblättert, ferner Volltextsuche und LED-Beleuchtung. Die Schriftgröße lässt sich in fünf statt in drei Stufen einstellen, und der eingebaute Speicher reicht für 350 Titel. Allerdings wird das neuere Modell nicht durchgängig gelobt, das Display soll schlechter sein.
Die Inhalte für die Sony-Apparate müssen in den Formaten PDF, txt oder rtf vorliegen, Word-Dateien lassen sich am PC konvertieren. Geht es nach den Buchhändlern Thalia und Libri und den deutschen Verlagen, soll jedoch an erster Stelle das Epub-Format in Deutschland der neue Standard für elektronische Bücher werden. Während das (hierzulande bisher nicht erhältliche) Gerät Kindle von Amazon in den Vereinigten Staaten seit 2007 ein proprietäres Datenformat nutzt, ist das von der Branchenorganisation International Digital Publishing Forum (IDPF) entwickelte Epub offen und wird von den Verlagen als Maß aller Dinge gesehen.
Die Themen „Kopierschutz“ und „Digitale Rechteminderung“
Ein Epub-Buch basiert auf XML und kann mit geringem Aufwand von jedermann erstellt werden (etwa mit Calibre). Die Strukturen und Spezifikationen sind frei einsehbar. Epub ist ein besonders kompaktes Format. Tolstois Epos „Krieg und Frieden“ in einer Epub-Variante mit 1800 Seiten ist keine 1,5 Megabyte klein. Im Unterschied zu PDF-Dateien erlaubt Epub einen dynamischen Zeilen- und Seitenumbruch ohne Scrollen, unabhängig von der jeweils eingestellten Textgröße. Darüber hinaus bleiben formale Bestandteile des Buchs wie Kapitel, Fußnoten, Inhaltsverzeichnis und Seitenzahlen (sie sind in ganz kleiner Schrift sichtbar) erhalten. Schon gibt es Hunderte von unentgeltlichen und gemeinfreien Epub-Büchern im englischsprachigen Raum (etwa bei www.feedbooks.com), die sich ohne Schwierigkeit auf unserem Testgerät installieren ließen.
So weit, so schön. Wenn am Mittwoch die Verlage mit einigen tausend elektronischen Büchern in die Offensive gehen, sollen aktuelle Bestseller im Angebot sein, und damit sind gleich die Themen „Kopierschutz“ und „Digitale Rechteminderung“ (DRM) angesprochen. Wie dereinst die Musikindustrie meinen die deutschen Verlage, dass nur derjenige kauft, der mit DRM an einer äußerst kurzen Leine gehalten wird. Beim Erwerb von kommerziellen Epub-Titeln kommt das Kopierschutzsystem „Digital Editions“ von Adobe als elektronischer Wachhund zum Einsatz. Die Epub-Bücher wird man nur im Internet mit einer Online-Verbindung kaufen können, und zwar nur auf einem einzigen PC, der mitsamt seiner einzelnen Hardware-Komponente von Digital Editions überwacht wird. Die einzelnen Einkäufe werden mit einer Kabelverbindung auf das Gerät übertragen, und Digital Editions kontrolliert, dass jedes Buch von diesem einen PC aus auf höchstens sechs Lesegeräte übertragen wird.
Ein erworbenes Epub-Buch lässt sich nicht verschenken
Einmal davon abgesehen, dass damit der amerikanische Softwarehersteller eine bisher undenkbare Machtstellung und weitreichende Kontrollbefugnisse im Buchhandel bekommt, verschenkt man sich mit diesem Verfahren doch einiges: Die Bindung des Kopierschutzes an einen PC, beispielsweise über die Manipulation des „Master Boot Records“ der Festplatte, gilt als Technik von gestern und „digitaler Hausfriedensbruch“. Wer einen neuen Computer kauft, muss bei der Kundenbetreuung von Adobe betteln, dass er seine alten Bücher behalten darf. Wer sein Lesegerät verloren und ein neues gekauft hat, wird ebenfalls zum Bittsteller.
Zwar hört sich die Zahl von sechs Kopien zunächst großzügig an, aber die Tücke liegt im Detail: Ein erworbenes Epub-Buch lässt sich nicht verschenken. A kann eine seiner sechs Lizenzen an B weitergeben, aber nur, wenn das Lesegerät von B an den Computer von A angeschlossen ist. Das Buch bleibt aber A zugeordnet, er kann nicht alle verbleibenden Lizenzen an B weitergeben, und B kann seine Lizenz nach beendeter Lektüre nicht an C verschenken. Der Kauf von elektronischen Büchern direkt in der Buchhandlung mit Wireless-Lan oder auf einer Speicherkarte ist ausgeschlossen, das Sony-Gerät hat im Unterschied zum amerikanischen Kindle gar keine Funkschnittstelle für Spontankäufe.
Man kauft nur eine Lizenz zum Lesen
Angesichts des schnellen technischen Fortschritts und der Möglichkeit, ein elektronisches Buch auf dem Handy oder Taschencomputer zu lesen, sowie der Vielzahl neuer Lesegeräte, die derzeit angekündigt werden, kann es ferner sein, dass man schon in zwei, drei Jahren seine sechs Lizenzen verbraucht hat, wenn man mit einem zweiten oder dritten Lesegerät liebäugelt.
Der Käufer sollte also wissen, dass er ein elektronisches Buch nicht wie ein gedrucktes Exemplar erwirbt. Man kauft nur eine Lizenz zum Lesen. Aus dieser Blickrichtung ist die Ankündigung der Verlage, dass ein Epub-Titel, bei dem keine Kosten für Herstellung, Lagerung, Logistik und Buchhandelspersonal anfallen, ein paar Prozent günstiger als das herkömmliche Buch wird, alles andere als attraktiv. Ob die Buchpreisbindung bleibt, ist übrigens noch umstritten.
Gut und empfehlenswert, aber nur ein Anfang
Wie sich das alles in Deutschland entwickelt, ob die Verlage tatsächlich durchgängig auf Kopierschutz und Gängelung setzen, das ist eine der spannenden Fragen, die sich von Mittwoch an stellen. Vielleicht lernen die Verlage schneller als die Musikindustrie, und für die kleineren von ihnen ist das elektronische Buch eine riesige Chance. Das PRS-505 von Sony ist gut und empfehlenswert, aber nur ein Anfang. Wir sagen dem elektronischen Buch vor allem einen Erfolg bei der Unterhaltungsliteratur und den Titeln der aktuellen Bestsellerlisten voraus. Gemeinfreie Epubs könnten ebenfalls einen Aufschwung erleben. Dass jedoch das gedruckte Buch als sinnlicher, anfassbarer Gegenstand nun plötzlich verschwindet, ist kaum anzunehmen.