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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Schiefergas Unkonventionell ist nur die Technik

Auch in Deutschland gibt es größere Vorkommen an Schiefergas. Um es aus dem Boden zu locken, muss das Gestein unter hohem Wasserdruck „aufgesprengt“ werden. Was, wenn man es liederlich macht, Risiken birgt.

© ddp/OMV E&P Vergrößern Probebohrung: Mittlerweile hat diese Bohranlage das Alpenvorland wieder verlassen

Was haben Stuttgart 21 und die Suche und das Fördern von „unkonventionellem Erdgas“ gemeinsam? In beiden Fällen geht es unter die Erde, und die unmittelbar betroffene Bevölkerung ist von der Buddelei wenig begeistert. Widerstand formiert sich, Bürgerinitiativen schießen aus dem Boden, selbst dann, wenn nicht jeder Anwohner weiß, was genau die anrückenden Bau- und Bohrunternehmen vorhaben.

Gewiss, beim unkonventionellen Erdgas geht es nicht um Zugfrequenzen, nicht um das Bestehen von Stresstests und auch nicht um versiegende Mineralquellen. Die Verwirrung rund um das unkonventionelle Erdgas ist sogar noch deutlich größer als das Stuttgarter Gerangel - und beginnt bereits beim Namen. Denn nicht das Erdgas ist unkonventionell (sondern bestes Methan). Unkonventionell sind vielmehr die Methoden, um es aus dem Boden zu holen. Und die unterscheiden sich deutlich von der Technik zum Fördern von „normalem“, konventionellem Erdgas: Das ist im Boden in relativ begrenzten Bereichen zu finden. Meist ist es in den Poren von verfestigtem Sandstein oder von Karbonaten enthalten, die ausreichend groß und miteinander verbunden sind, so dass man die Lagerstätte nur an einer Stelle anbohren muss, um an das Gas heranzukommen.

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Das ist beim unkonventionellen Gas völlig anders. Das steckt in sehr festem, dichtem Gestein, verglichen mit dem der Betonbelag einer Autobahn ein Sieb ist: Die Durchlässigkeit (Permeabilität) dieser gashöffigen Schichten ist mehr als tausend Mal geringer, so dass schnell klar wird, dass man es nur mit sehr aufwendiger, unkonventioneller Technik dem Gebirge entlocken kann.

Bild / TuM / Bohrgestänge © dpa Vergrößern Bohrgestänge auf der Suche nach Erdgas

Auf dem Weg zum Selbstversorger

Um die Verwirrung noch zu steigern, unterscheidet man beim unkonventionellen Erdgas drei Arten: Das sind Kohleflözgas, bekannt wegen der gefürchteten Schlagwetterexplosionen, und Schiefergas. Beide sind weiträumig, wie der Name verrät, entweder in Kohleschichten oder (Ton-)Schiefergestein eingeschlossen. Der Fachmann spricht in beiden Fällen von Muttergestein, während die dritte Art, das Tight-Gas, dieses verlassen hat und in etwas weniger dichte Sandsteinlinsen aufgestiegen ist, die jedoch immer noch dichter sind als deutsche Schnellstraßen.

Vor allem das Schiefergas macht seit einiger Zeit von sich reden. So ahnte man in Nordamerika bereits vor gut zehn Jahren, welche Schätze hier schlummern. Doch galt ihre Ausbeutung lange als unwirtschaftlich. Die großen Konzerne überließen das Feld innovativen Mittelständlern, die sich, wie man heute weiß, sehr erfolgreich über die etwa im Norden von Texas in vergleichsweise geringen Tiefen liegenden Vorräte hermachten. Der Anteil des unkonventionellen Gases an der Gesamtförderung stieg und stieg. So sind die Vereinigten Saaten heute beim Gas auf dem Weg zum Selbstversorger. Das hat ganze Strategien über den Haufen geworfen. Denn jetzt wird das für den amerikanischen Markt bestimmte Flüssiggas aus Nahost und Asien auf andere Märkte weitergereicht, was die Preise tendenziell sinken lässt.

Doch auch in Europa und unter deutscher Scholle gibt es Schiefer- und Kohlegas, und zwar in stattlichen Mengen. Man weiß zwar nicht, wie viel es ist, aber nach den Einschätzungen von Kurt M. Reinicke, dem Leiter des Instituts für Erdöl- und Erdgastechnik an der Technischen Universität Clausthal, könnte es die innerhalb der deutschen Grenzen erkundeten Reserven an konventionellem Erdgas um das Dreifache übersteigen.

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